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Gegen 25 000 Menschen! Pro Tag! Schauen sich im Louvre in Paris die «Mona Lisa» von Leonardo da Vinci an. Und sind zunächst vor allem erstaunt darüber, wie klein das Gemälde ist, nämlich kleiner als ein A2-Blatt. Sind diese Besuchermassen durch die künstlerische Qualität des Bildes gerechtfertigt oder gibt es für diesen «Overtourism» vielmehr ganz andere Gründe?

von Christine Schnapp

Bei den Löhnen sogenannter Wirtschaftskapitäne ist man sich ausserhalb der Managergilde einig, dass sie ab einer gewissen Höhe nicht mehr als adäquater Gegenwert für geleistete Arbeit angesehen werden können, sondern zur reinen Perversion verkommen. Und wie ist es in der Kunst? Sind 450 Millionen Dollar – der höchste je bezahlte Betrag für ein Kunstwerk – gerechtfertigt oder handelt es sich hierbei um eine blosse kapitalistische Potenzshow? Von 450 Millionen Dollar könnte eine durchschnittliche vierköpfige Familie in der Schweiz problemlos 3800 Jahre leben. Kann ein einzelnes Bild tatsächlich so viel mehr wert sein? Andererseits, welchen Massstab will man anwenden, wenn sich Irritation einstellt ob der Summen, die auf dem Kunstmarkt – der ja zu einem guten Teil der Geldwäscherei dient – hin und her geschoben werden? Wer kann denn mit welchem Grund einwenden, dass das Gemälde «Salvator Mundi» von Leonardo da Vinci nicht die erwähnten 450 Millionen Dollar wert ist?

Selbst die Tatsache, dass die Echtheit des Werks nicht endgültig bestätigt ist – u. a. weil da Vinci seine Gemälde nicht signierte –, hat den unbekannten Käufer nicht abgeschreckt. Auch bei der «Mona Lisa», dem berühmtesten Gemälde Leonardo da Vincis und einem der berühmtesten Bilder der Welt, gibt es punkto Echtheit Spekulationen ohne Ende. Es gibt von diesem Bild schlicht zu viele Kopien und natürlich Fälschungen, als dass noch zweifelsfrei bestätigt werden könnte, dass die «Mona Lisa», die im Louvre in Paris hängt, die echte ist. Trotzdem schätzt die Altmeister-Expertin des Auktionshauses Christie’s, Anke Held, das unverkäufliche Werk auf einen fiktiven Marktwert von einer Milliarde Euro.

Die perfekte Image-Kampagne
Es ist sicher nicht falsch zu behaupten, dass solche Beträge eine Art religiöse Dimension haben. Ihnen wohnt nicht nur eine rationale Marktanalyse inne, sondern auch sehr viel Glaube und Hoffnung. Dabei lupft der Glaube den realen Wert ins Reich der Hoffnung. Der Vergleich mit dem internationalen Fussballmarkt soll an dieser Stelle, an der es um die sogenannte Hochkultur geht, gestattet sein. So hat die katarische Investorengruppe Qatar Sports Investments (QSI) der französischen Ligue-1-Mannschaft Paris Saint-Germain (PSG) seit 2011 Unsummen zur Verfügung gestellt, mit denen der Club einige der besten Spieler der Welt kaufte, weil die Katarer sich Titel wünschten. Allein, diese blieben aus – die Investoren sind offenbar auf dem Absprung. Die Hoffnung, dass sich mit viel Geld Ruhm erkaufen lässt, hat sich zerschlagen.

Zwei, die sich Gedanken gemacht haben, wie es dazu kommen kann, dass ein bestimmtes Werk Kult wird und ein anderes nicht, sind die Kunsthistorikerin Francesca Bonazzoli und der Kurator und Kunstkritiker Michele Robecchi. In ihrem Buch: «Da Vinci bei den Simpsons» gehen sie den Geschichten nach, anhand derer etwa die «Mona Lisa», das «Mädchen mit dem Perlenohrring» (Jan Vermeer) oder «Der Kuss» (Gustav Klimt) von sich reden machten. Dabei wird klar, dass jede der Geschichten, die diese Kunstwerke umranken, einzigartig ist, es aber grundsätzliche Faktoren gibt, die sich stets wiederholen. Francesca Bonazzoli: «Vereinfacht gesagt sind vier nötig. Was wird von ihnen erzählt? Wer redet über sie? Wie tut er es? Wo ist das Werk zu sehen?» Die «Mona Lisa» war bis 1911 zwar eine Ikone der Renaissance-Malerei und eine Rarität, weil Leonardo da Vinci nur knapp ein Dutzend Porträts malte, trotzdem blieb niemand länger als nötig vor ihr stehen im Pariser Louvre. Doch dann wurde sie vom Italiener Vincenzo Peruggia gestohlen und blieb zwei Jahre lang verschollen. Fast täglich berichteten die Medien in dieser Zeit über den Fall. Hinzu kam das nationalistische Motiv für den Raub, das Anfang des 20. Jahrhunderts auf fruchtbaren Boden fiel. Die «Mona Lisa» erhielt so viel Publizität, dass heutige Social-Media-Influencer vor Neid tagelang auf ihren Smartphones herumtrampeln würden. Die Leute bezahlten sogar Eintritt, um im Louvre die leere Stelle an der Wand sehen zu können. Als das Gemälde zwei Jahre später wieder dort zu hängen kam, hatte die Geschichte es längst zum Kult gemacht – durch seine blosse Abwesenheit. Fortan wollten alle es sehen. Verstärkend wirkt dabei die Tatsache der Herdenmentalität grosser Touristenmassen. Hinzu kommt nicht zuletzt, dass Paris günstig gelegen ist. Nach Paris reist fast jeder gute Tourist einmal in seinem Leben, da kann man auch gleich noch im Louvre ein paar Stunden anstehen. Die «Dame mit dem Hermelin» hingegen, ein weiteres von vier Frauenporträts, die da Vinci malte, wird hauptsächlich von «richtigen» Kunstinteressierten besucht, denn sie hängt in Krakau – und damit abseits der grossen Touristenströme.

Mona-Lisa-Effekt?
Bei diesem ganzen Drumherum und den vielen, widersprüchlichen fachlichen Erklärungen kann man ob der künstlerischen Bedeutung der «Mona Lisa» schnell mal den Überblick verlieren. Ist ihr Lächeln heiter entrückt oder verdecken ihre Lippen einen zahnlosen Mund? Sind die Augenbrauen einfach ausgebleicht oder vom Künstler bewusst weggelassen zwecks geheimer Botschaft? Folgen einem die Augen der Mona Lisa durch den ganzen Raum, in dem sie hängt, oder trifft dieses Phänomen, dem sie den Namen gegeben hat, ausgerechnet bei ihr selber nicht zu? Blickt sie stattdessen in einem Winkel von 15,4 Grad am Betrachter vorbei, wie Forscher der Universität Bielefeld kürzlich entdeckt haben wollen? Dass die «Mona Lisa» ein Meilenstein in der Kunstgeschichte ist und der Titel dieses Beitrags reine Polemik, soll allerdings keinesfalls bestritten werden. Wir lassen deshalb abschliessend für eine professionelle Einordnung des Gemäldes den Kunstmaler Boris Billaud zu Wort kommen:

«Das auf Holz gemalte 77 cm x 53 cm grosse Bildnis einer Dame aus Florenz war technisch zu seiner Zeit eine Ausnahmeerscheinung, und deshalb gilt da Vinci zu Recht als Begründer der Technik des ‹Sfumato›. Nur was bedeutet das? Aus heutiger Sicht ist die Debatte, wer als Erster irgendetwas gemacht hat, etwas altmodisch und kindisch, auch wenn auf dem Kunstmarkt immer noch mit solch banalen Attributen Werbung gemacht wird. Es wäre wohl auch beschämend für da Vinci, würde man seine malerischen Fähigkeiten darauf reduzieren. Technisch gesehen ist der Trick/Vorgang, den er anwendete, heute an jeder Zeichen- und Malschule verbreitet und fast alle, die sich an ihren Zeichenunterricht erinnern, dürften Verschmieren oder Abwedeln kennen. Andere kennen den Effekt von der Herstellung von Batikstoffen oder als Hilfsmittel des Photoshop-Programms. Ob es sich Leonardo da Vinci damit einfach machen wollte – wie viele Schülerinnen oder Hobbykünstler, oder ob er in der neuen Methode ein Potenzial sah, das weit über seine Zeit hinaus strahlen wird? Es bleibt eine Spekulation. Entscheidend für die Qualität der ‹Mona Lisa› ist demnach weniger die Maltechnik als vielmehr die Zusammenstellung von neuartigen oder nicht üblichen malerischen Gepflogenheiten hinsichtlich Komposition und Darstellung zugunsten eines Wurfs, der möglicherweise – es ist auch hier eine Spekulation – die Biederkeit der damaligen Auftragsmalerei – die Zurschaustellung von Pracht, Schönheit oder Erhabenheit – durchbrechen sollte. Es passt technisch und historisch zusammen. Die provinziellen Maler in ganz Europa malten noch nach Strich und Faden (Pinselstrichen) entlang eines vorgegebenen Schemas, indem die meisterliche Hand alles nachvollziehbar ausführte. Da Vinci fand durch seine Experimentierfreudigkeit eine göttliche und mystische Inspiration und löste so die Kunst vom bäuerlich anmutenden Tafelbild. Vorher machte das Diffuse den Leuten noch Angst – von nun an sollte es eine Versprechung für die Zukunft sein.»