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Veitstanz, Hexenverfolgung und die McCarthy-Ära: Viele historische Phänomene werden heute von den modernen Wissenschaften als ein Auftreten von Massenhysterie betrachtet. Dennoch: Der Blick zurück auf das Krankheitsbild in der Vergangenheit ermöglicht nur bedingt Prognosen für die Zukunft unter der Herrschaft der sozialen Medien.

von John Micelli

«Hüopa, hüopa, chämet mer na. Chalber u Ründer, a bitz bas hünder. Hüopa, hüopa, chämet mer na!»: Eigentlich harmlos klingt es, wenn Greyerzer Bauern ihr Vieh in den Stall locken. Und doch soll es einst verboten gewesen sein, den «Ranz des vaches» – den Kuhreihen – in Frankreich anzustimmen. Denn Schweizer Söldner im Dienste des französischen Königs verfielen bei den heimischen Klängen reihenweise dem «Delirium Melancholicum», dem «Hemvé», wie es 1719 Abbé Jean-Baptiste Du Bos nannte, dem Heimweh, das der Elsässer Arzt und spätere Bürgermeister von Mulhouse Johannes Hofer in seiner Basler Dissertation «De Nostalgia, Oder Heimwehe» 1688 als Krankheit beschrieb, die vorzugsweise Schweizer befalle und die zu Appetitlosigkeit, Lethargie und gefährlichem Fieber – dem gefürchteten «Febris ardens» – führe. Dass gerade die als ausserordentlich tapfer geltenden Schweizer dieser unberechenbaren Krankheit zum Opfer fielen, wurde mit der Atemluft erklärt: «Die Schweitzer, welche in ihrem Vaterlande an eine reine, feine Luft gewöhnt sind, sind dem Heimweh vor anderen ausgesetzt», schrieb Lexikograf und Germanist Johann Christoph Adelung 1775 in seinem « Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart» und berief sich dabei auf den Zürcher Arzt Johann Jakob Scheuchzer, der die «fremde, niedrige Luft» im Ausland als Schuldige ausgemacht hatte, und warnte, dass «Holländische oder Französische Luft unsere Hautzäserlein, äusserste Blut- und Spann-Äderlein so zusammendrücket, dass der Lauff des Geblüts und der Geister gehemmt» werde. Scheuchzers These, dass die Schweizer in der besten aller Lüfte lebten, und die Vorstellung vom glücklichen, freien Leben der Schweizer Gebirgsvölker fanden Niederschlag in der Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts und werden in der Tourismuswerbung bis heute verwendet. Das «Mal de Suisse» aber, das zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert gehäufte Auftreten von Entkräftung, Abzehrung und Fieber unter Schweizern Söldnern in fremden Diensten, das bisweilen sogar zum Tod der Betroffenen führte, wird heute in Fachkreisen gemeinhin als «Mass Psychogenic Illness» (MPI) betrachtet: als wiederholtes Auftreten von Massenhysterien in den Schweizer Corps des französischen Königs.

Ein Land verfällt in Hysterie
Auch im Oktober 2011 wurde anfänglich schlechte Luft vermutet, die bei insgesamt 15 Teenagern in der Stadt Le Roy im US-Bundesstaat New York zu Muskelzuckungen, nervösen Gesichtskrämpfen und unverständlichem Gebrabbel führte. Zwar hatten Fachleute der Gesundheitsbehörden früh den Verdacht geäussert, dass es sich bei den Symptomen um Zeichen einer MPI handeln könnte. Die erzürnten Eltern der Betroffenen aber weigerten sich, an eine Massenhysterie zu glauben, und erhielten Rückendeckung von der öffentlichen Meinung: Die Aktivistin Erin Brockovich, bekannt geworden als sie 1996 das Unternehmen Pacific Gas and Electric überführte, das Trinkwasser in der kalifornischen Stadt Hinkley während Jahren mit Chrom verseucht zu haben, vermutete die Ursache der Erkrankungen in den Rückständen eines Eisenbahnunfalls von 1970, bei dem unweit von Le Roy 1000 Kilogramm Cyanid und ebenso viele Hektoliter Trichlorethen in die Umwelt gelangt waren. Marc Siegel, medizinischer Fachkorrespondent des Nachrichtensenders Fox News, verdächtigte Streptokokken, chronische Entzündungen zu verursachen. Gegen alle diese Theorien aber sprach, dass von den Symptomen grossmehrheitlich junge Frauen betroffen waren, sich weder Eltern noch Geschwister ansteckten, die Krankheitszeichen plötzlich aufgetreten waren und keine Lehrerinnen oder Lehrer – die gefährlichen Stoffen wesentlich länger ausgesetzt gewesen wären als die Schülerinnen – befallen wurden. Dieses Muster war von anderen MPI-Episoden bekannt.
Als ausserordentlich ansteckend dagegen galt die von Einheimischen «Akajanja» – der Wahnsinn – genannte Krankheit, die 1962 in einer Epidemie Tausende Menschen in Tansania befiel: Die Patienten konnten nicht mehr aufhören zu lachen. Im Januar hatten drei junge Frauen während des Unterrichts in einem von Missionaren betriebenen Mädcheninternat im Dorf Kashasha damit begonnen – Tag für Tag stimmten mehr und mehr ihrer Schulkameradinnen in das Gelächter ein. Lustig war das nicht: Zwischen die Lachsalven mischten sich Weinkrämpfe, die Erkrankten zeigten verstärkte Reflexe und geweitete Pupillen. An einen geregelten Tagesablauf war für sie nicht mehr zu denken. Im März musste die Schule schliessen und die Mädchen wurden zurück in ihre Heimatdörfer geschickt – was die Epidemie erst richtig ins Rollen brachte. Überall in der Verwaltungsregion Kagera am Victoriasee steckten sich die Menschen an. In der Hauptstadt Bukoba und umliegenden Dörfern mussten Schulen und weitere öffentliche Einrichtungen geschlossen werden. Die Suche nach einem Virus verlief ergebnislos, und auch der Verdacht, verdorbene Lebensmittel könnten schuld sein, konnte nicht bestätigt werden. «Es ist ein Gruppenverhalten, das nicht durch eine bestimmte Ursache in der Umwelt, wie beispielsweise eine Lebensmittelvergiftung, ausgelöst wurde», erklärt Sprachwissenschaftler Christian Hempelmann von der Texas Agricultural and Mechanical University, sondern deute vielmehr auf einen hohen Stressfaktor in der betroffenen Gruppe hin. Massenhysterie trete häufig in Gruppen auf, die nur wenig Macht besässen, und sei letztlich «ein letzter Ausweg für Menschen von niedrigem Status, auszudrücken, dass etwas nicht in Ordnung ist».

Gruppe wird zur Masse
Denn der Beginn der 1960-Jahre war in Tansania, das damals noch Tanganjika hiess, von Unsicherheiten geprägt: Erst im Dezember 1961 hatte das Vereinigte Königreich die ehemalige Kolonie in die Unabhängigkeit entlassen. Neben extremer Armut und wirtschaftlicher Ungewissheit beutelte die Malaria die Tanganjikinnen und Tanganjiken. Gewalt gegen Frauen war an der Tagesordnung. «Die jungen Betroffenen berichteten, dass sie gestresst waren durch die erhöhten Erwartungen ihrer Lehrer und Eltern», erläutert Linguist Hempelmann. Gerade also, weil sie nichts zu lachen hatten, wurden die Lachanfälle zu ihrem psychischen Ventil. Im Laufe des Jahres 1963 ebbte die Welle des Gelächters am Victoriasee langsam wieder ab. Die spätere Erforschung der Ereignisse aber brachte wichtige Erkenntnisse über Entstehung und Verbreitung von Massenhysterien, die wesentlich häufiger sind, als man glaubt.
Eine Forschergruppe um den Soziologen Robert Bartholomew vom Botany Downs Secondary College in Auckland, Neuseeland, die sich eingehender mit der Massenhysterie von 2011 in Le Roy befasst hatte, schreibt, dass MPI ein erhebliches Problem darstelle: «Die finanziellen Folgen umfassen Kosten für Tests, um umweltbedingte und organischer Ursachen auszuschliessen, sowie den Einsatz von Rettungsdiensten und Fachleuten des Gesundheitswesens, die wertvolle Zeit und Ressourcen investieren. Schulen und Fabriken können vorübergehend schliessen, was zu Produktions- und Einkommensverlusten führt und Bildungserfolge beeinträchtigt.» Der Zürcher Psychotherapeut Gary Bruno Schmid beschreibt MPI als «objektives Phänomen, das sogar experimentell wiederholt werden kann», und führt aus: «Menschen in Gruppen oder Massen verhalten sich anders, als ein Individuum sich allein verhält. Bei Gefahr wird aus einer Gruppe schnell eine Masse, die durch Angst zusammengeschweisst quasi als eine Person reagiert.» Um ein MPI-Syndrom zu aktivieren, brauche es Voraussetzungen, lautet Schmids These: Die Krankheitszeichen müssten für alle sichtbar sein, dem lokalen Krankheitsverständnis entsprechen und als Krankheitsgewinn für die Betroffenen Zuflucht an einen «Ruheort» – weit weg von Stressoren – versprechen. Je genauer das Syndrom untersucht werde, desto lebensbedrohlicher erscheine es den Kranken, glaubt Schmid und wird in dieser Annahme vom Soziologen Bartholomew in dessen Schlussbericht über die seltsamen Krankheitsfälle im Bundesstaat New York bestätigt: «Nachdem die Medienberichterstattung eingestellt worden war, begann sich der Zustand aller Patienten schnell zu verbessern. Heute geht es ihnen sehr gut.»

Neue Herausforderungen
Trotzdem erfüllt der Krankheitsausbruch in Le Roy die Forscher mit Sorge. Denn bis zu diesem Zeitpunkt brach MPI ausschliesslich in eng verbundenen Gruppen aus – beispielsweise bei Schülerinnen und Schülern aus derselben Klasse, die auch ein Schulzimmer teilten. Schmid spricht von den Mechanismen der Übertragung und Gegenübertragung, die Psychotherapeuten hinlänglich bekannt seien: «Das menschliche Gehirn ist ein soziales Organ, das gar nicht dafür geschaffen ist, ganz alleine zu leben. Erst in interaktiven sozialen Gefügen lernt, rekonstruiert, kreiert, benutzt es Informationen und gibt sie weiter.» Deshalb könne sich unter bestimmten ungewöhnlichen Umständen allgemeiner Spannung und Angst die Vorstellungskraft kollektiv als Massenhysterie manifestieren. In der Kleinstadt am Fluss Oatka Creek aber waren Jugendliche unterschiedlichen Alters aus verschiedenen Schulklassen betroffen – und es war der erste vermutete Ausbruch einer MPI im Zeitalter der sozialen Medien. «MPI wird typischerweise über Sprache und das Sehen verbreitet, die Telekommunikation ist eine Erweiterung unserer Augen und Ohren. Ersetzen zukünftig elektronische und soziale Medien die Notwendigkeit, für eine Ansteckung in direktem visuellen oder verbalen Kontakt mit anderen Opfern zu stehen? Könnte das jüngste Auftreten von MPI in den USA eine historische Verschiebung in der Ausbreitung der Konversionsstörung markieren?», bangt der Soziologe Bartholomew, weil die Betroffenen über Twitter, Youtube und Facebook die Öffentlichkeit auf dem Laufenden hielten und so zahlreiche Nachahmerinnen und Nachahmer fanden.
Die Ereignisse vom Oktober 2011 werfen ausserdem ein Schlaglicht auf die wachsende Verantwortung der Gesundheitsbehörden – Bartholomew vermutet nämlich, dass das Gesundheitsamt des Staates New York (New York State Department of Health) durch seine Informationspolitik die Krise verschärft habe. Der Hinweis der Behörde, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Diagnose zu veröffentlichen, habe Verdächtigungen und Verschwörungstheorien befeuert, dass eine gefährliche, geheimnisvolle Krankheit, deren Existenz verheimlicht werde, die Ursache der Beschwerden sei. Vor diesem Hintergrund sehen die Soziologen die Persönlichkeitsrechte von Betroffenen unter Druck. Auch Therapeut Schmid betont: «Die Aufklärungspflicht der Politiker und der Wunsch des Bürgers, über alles informiert zu werden, stehen im Gegensatz zum Risiko, eine psychogene Krankheit als Massenphänomen auszulösen.» Soziologe Bartholomew führt aus, dass gemäss seiner Forschung bis anhin die meisten Fälle von MPI nur in der lokalen Presse Erwähnung fanden und selten Gegenstand von Kontroversen und Debatten in der nationalen Presse wurden. «Beamten des Gesundheitswesens, Lehrern und Schulleitern gelang es oft, das richtige Gleichgewicht zwischen Ermittlungen, Zuversicht und Diskretion zu finden und eine Atmosphäre zu schaffen, in der Ängste verschwinden und die Betroffenen in ihrer Würde unbeschadet zu mehr Selbstwertgefühl zurückfinden können. Der Aufstieg der sozialen Medien aber macht das Erreichen diese Ziele viel schwieriger, wenn nicht gar unmöglich – das zeigt der Fall Le Roy deutlich.»