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Im Kontakt mit anderen Menschen gilt ein Grundsatz: Man erkennt in ihren Handlungen die wahren Absichten. Das gilt aber nur für Menschen, die nicht gefühlsblind sind. Sie sind selten. Dennoch wird schlechtes Benehmen sehr häufig mit Gefühlsblindheit entschuldigt.

Laura hat immer Entschuldigungen auf Lager. Nicht für sich, sondern für ihren Mann. Ist er nicht zu Hause, wenn Laura zum Essen einlädt, liegt der Grund in seiner Arbeit. Kreuzt er nicht auf, obschon er vor einigen Wochen eingeladen wurde, entschuldigt ihn Laura. Einer seiner Mandanten habe einen Notfall, es müsse noch eine Klageantwort auf die Post oder eine dringende Vertragsüberarbeitung verhindere ihn. Lauras Mann, ein Rechtsanwalt, ist immer für andre im Dienst, aber kaum je für das private Umfeld von Laura. Sie hat sich für die Rücksichtslosigkeiten ihres Mannes eine Pauschalerklärung zurechtgelegt. Ihr Mann sei eben gefühlsblind, er merke gar nicht, was er anrichte, er meine es nicht so. Laura nimmt ihn immer in Schutz, um sich selber zu schonen. Denn sie will sich nicht eingestehen, dass ihr Mann ein grosser Egoist ist, dem sie ziemlich egal ist. Sich das einzugestehen ist schmerzhaft, Zuflucht in Milde und Nachsicht zu suchen scheint leichter zu fallen. Der Verstand kann trickreich sein, um einer unangenehmen Wahrheit auszuweichen.

Lauras Mann weiss genau, was er anrichtet, und kann auch genau ihre Gefühle lesen, die daraus resultieren. Gefühlsblindheit kommt nämlich nur selten vor und fällt leicht auf. Gefühlsblinde verstehen kaum Humor, Anspielungen, hegen kein Misstrauen, sind schlechte Lügner, können sich nicht richtig einschätzen und merken nie, wenn ihr Gegenüber gar nicht interessiert ist, was sie sagen. Mit solchen Eigenschaften kann man nur ein miserabler bzw. arbeitsloser Anwalt werden. Lauras Mann ist aber erfolgreich und gilt als «scharfes Messer». Der Satz gilt also weitgehend: Die Absicht erkennt man in der Handlung. Vorausgesetzt man will genau hinsehen und tatsächlich erkennen, was konkret abläuft. Natürlich kann man sich dabei auch irren und falsche Vermutungen anstellen. Dieses Risiko ist allerdings klein, wenn man schlechtes Benehmen einfach zum Nennwert nimmt und die Frage der Verantwortung stellt, statt Gründe dafür zu suchen, dass dies unabsichtlich und unwissentlich geschehe. Damit will man oft nur die Wut über das Benehmen neutralisieren, um keine Konsequenzen ziehen zu müssen, die im Sinne einer sozialen Selbstfürsorge gezogen werden sollten.

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