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Ein beherztes JA zum Vaterschaftsurlaub

Am 27. September 2020 stimmt die Schweiz über die Einführung eines gesetzlich verankerten Vaterschaftsurlaubs von zehn Tagen Dauer ab. Fortschrittliche Kräfte bedauern, dass unser Land gleichstellungs-, familien- und sozialpolitisch nicht schon viel weiter ist. Im internationalen Vergleich fällt auf, wie schwer sich unser Land damit tut, politische Massnahmen für Familie und Gleichstellung zu ergreifen. Auch die treibenden Kräfte hinter dem Anliegen – die Dachverbände alliance F, männer.ch und Pro Familia Schweiz im Verbund mit der Gewerkschaft TravailSuisse – sehen die Einführung der zehn Tage Vaterschaftsurlaub nur als Zwischenschritt. Der aber ist unerlässlich. Denn der Vaterschaftsurlaub ist der entscheidende Hebel, um bezahlte und unbezahlte Arbeit fair zwischen den Geschlechtern zu verteilen.

Klar, zehn Tage sind wenig. Es gibt aber durchaus Hinweise, dass zehn Tage bereits genügen, um einen entscheidenden Impuls zu geben, damit sich Väter auch langfristig mehr in der Familie engagieren. Und auch ehrgeizigere Elternzeitmodelle führen nicht automatisch zum Ziel. So beziehen in Deutschland zehn Jahre nach Einführung beispielsweise erst 40 Prozent der Väter Elternzeit – und auch das «nur» während 3,8 Monaten. Im Vergleich zu durchschnittlich 14,2 Monaten, in denen Mütter diese beziehen, ist das nicht viel – und vor allem nicht genug, um die Schere zwischen den Geschlechtern zu schliessen. Die Einführung des Vaterschaftsurlaubs wird demgegenüber viel schneller gelingen. Denn die zehn Tage sind schlicht zu kurz, um darauf zu verzichten – aber trotzdem zu lang, um bei den Vätern keine Veränderungen anzustossen.

Wissenschaftlich ist gut belegt: Die Zeit rund um die Geburt ist eine sensible Phase, in der die Weichen für die langfristige Arbeitsteilung in der Familie gestellt werden. Sind Väter in dieser Zeit voll involviert, bauen sie eine enge Beziehung zum Neugeborenen auf und eignen sich Kompetenzen an. Das Resultat: Sie engagieren sich nachweislich auch später mehr. Persönlich habe ich diese Zeit als ungemein reiche Erfahrung in Erinnerung – und bin bis heute dankbar für den Vaterschaftsurlaub, den ich dank fortschrittlichem Arbeitgeber schon damals beziehen konnte. Fakt ist aber: Noch immer müssen die meisten Väter bei uns am Tag nach der Geburt zurück in den Job.

Erfahrungen aus Skandinavien belegen: Vaterschaftsurlaub zu beziehen wird am schnellsten zur sozialen Erwartung, wenn die finanzielle Entschädigung hoch, die Dauer kurz und der Bezug flexibel ist. Diese Kriterien erfüllt das Schweizer Modell. Alle fortschrittlichen Kräfte der Schweiz sind deshalb gebeten, beherzt JA zu sagen zur Einführung des Vaterschaftsurlaubs: Die Abstimmungsvorlage ist bescheiden, aber trotzdem mehr als eine unbefriedigende Minimallösung. Zehn Tage Vaterschaftsurlaub können mit wenig Aufwand Wirkung erzielen – für die Gleichstellung, für die Familien und für die Volkswirtschaft als Ganzes. Und: Sie werden einen gesellschaftlichen Lernprozess auslösen, der ganz neue Dynamiken ermöglichen wird. Machen wir jetzt diesen ersten Schritt!

Jean-Daniel Strub ist Präsident von männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen.

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