Kundendienst: Tel. 056 203 22 33 kundendienst@dornbusch.ch

«Halte den Arzt wert, weil du ihn nötig hast»

Achtsamkeit ist heute wichtig. Ich achte auf den gegenwärtigen Augenblick, bin ganz im Jetzt, für die Eindrücke offen, mein Bewusstsein ist ruhig und klar, ich enge meine Aufmerksamkeit nicht ein, werte nicht. Die Bezüge zum Buddhismus sind unverkennbar. Doch, eine gewisse Vorsicht ist nicht abwegig. Vereinfacht ausgedrückt, könnte man den Buddhismus als einen reformierten Hinduismus betrachten. Während ich im Hinduismus zur immerwährenden Wiedergeburt bestimmt bin, ist im Buddhismus dieses sisyphosartige und repetitive Emporsteigen der unzähligen Daseinsstufen durch die gnadenvolle Möglichkeit eines Aussteigens aus dem ewigen Kreislauf des Lebens und somit des Leidens gemildert. Der Sehnsuchtsort bleibt jedoch das Nichtsein, das Verwehen im Tod. Interessanterweise heisst «Achtsamkeit» im Sanskrit «Smrti». Im zu den indogermanischen Sprachen gehörenden Tschechischen heisst «Smrt» Tod.

So wollen wir uns vielleicht doch lieber dem Leben zuwenden und seinem Wert. Auf Dinge soll man achten, auf Menschen nicht minder. Und das Sich-Achten sollte nicht wertneutral sein, sondern von Respekt und Wertschätzung durchdrungen. Die Wertschätzung bedeutet: aus einer humanen, freundlich wohlwollenden inneren Haltung heraus Respekt vor einer anderen Person zeigen.

Eine Berufsgruppe ist heute einer regelrechten medialen Demontage ausgesetzt. Dies soll kein pharisäisches Beklagen berechtigter Kritik sein. Es geht hier vielmehr um das in den vergangenen Jahren zunehmend aufkommende mutwillige Verweigern der Achtung und der Wertschätzung gegenüber Ärzten und Ärztinnen – und dies in einem Ausmass, dass es bereits den grundlegenden menschlichen Anstand verletzt. Vor Jahren waren es die ärztlichen Wegelagerer, die zur besten TV-Sendezeit den armen Patienten aus dem auffallend gut gefüllten Portemonnaie mit der chirurgischen Pinzette Hunderternoten klauten. Dann Gesundheitsökonomen, die lauthals proklamierten, eine Augenoperation, immerhin etwas, das Blindheit zu verhindern oder gar zu beheben imstande ist, dürfte nicht mehr kosten als ein Nachtessen. Am vergangenen Weihnachtstag wurde eine TV-Sendung über Medizin im Jahre 1350 gesendet: Der Sohn eines Kaufmanns ist erkrankt. Der studierte Medikus stellt eine falsche Diagnose. Der Bader desgleichen. Dann, der Tod ist schon nahe, wird die kräuterkundige Hebamme gerufen. Sie erkennt, dass «eine bakterielle Infektion» (!) vorliegt und rettet den Jungen mit «antibakteriell» wirkenden Heidelbeeren. Sancta simplicitas!

Ein kürzlich ergangenes Verwaltungsgerichtsurteil hält fest, welche Behandlungsmassnahmen bei psychosomatischen Leiden nicht zu den von einem Arzt zu erbringenden Leistungen gehören: Anteilnahme, Patienten auf deren Wunsch hin zu beraten, Zuwendung zu spenden, Lebensberatung zu gewähren. Wie ein deutscher Ökonom kürzlich sagte: «Man kann aus einem Aquarium eine Fischsuppe machen, aber aus einer Fischsuppe kein Aquarium.» Es gibt Dinge, die, hat man sie einmal kaputt gemacht, kaputt bleiben. Im NZZ-Leitartikel vom 22. Dezember 2018 heisst es, kein Land wäre «immun gegen den Bazillus des Vertrauensverlusts, der derzeit in der Luft liegt». Ja, die Politiker, die Medienleute und die Ärzte müssen sich stets des Vertrauens würdig erweisen. So gesehen stehen die Ärzte vielleicht doch nicht am schlechtesten da.

Jürg Knessl ist orthopädischer Chirurg und Ethiker in Zürich.