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Der Bergkanton im Rampenlicht: Bei den Parlamentswahlen vom vergangenen Herbst wählten die Glarnerinnen und Glarner einen Grünen in den Ständerat. Aber war das Resultat wirklich die Sensation, als die es der Rest der Schweiz wahrgenommen hat? Nein – denn das kleine Land im engen Tal der Linth hat viele Facetten. Und macht nicht zum ersten Mal lieber zwei Schritte vor und keinen zurück.

von John Micelli

Das war selbst dem Zweiten Deutschen Fernsehen eine Meldung wert: «Mathias Zopfi schaffte überraschend den Sprung in den Ständerat. Er stiess den amtierenden SVP-Vertreter vom Sockel», berichtete das ZDF aus dem «bislang stets konservativ wählenden Kanton Glarus». Man kann es dem deutschen Sender nicht verübeln – aus der Ferne betrachtet könnte man tatsächlich meinen, die Zeit sei stehen geblieben im Zigerschlitz, wie der Kanton im Inland spöttisch genannt wird. Bei nationalen Abstimmungen ist Glarus ein zuverlässiger Verbündeter im konservativen Block der Stände. Aber nicht nur im Ausland ist der Bergkanton ein schwarzer Fleck auf der Landkarte, wo man nicht zufällig hinkommt: Während der Wintersperre der Klausenpassstrasse stecken Glarnerinnen und Glarner in der wortwörtlichen Sackgasse. Berührt wird der Kanton von Reisenden oft nur auf ihrem Weg nach Chur, wenn sie sich an der Autobahnraststätte «Glarnerland» eine Pause gönnen oder sich im Zug fragen, warum der Regio-Express in Ziegelbrücke hält – ein Bahnhof und drei Häuser. Zwar erfreut an schönen Tagen der Blick von beiden Standorten auf den Kärpf im Glarner Hinterland den Blick. Woher aber sollten die eilig Durchreisenden wissen, dass sich im Massiv die «Freiberge», das älteste Wildschutzgebiet Europas, befinden?

Dass Wissenslücken bestehen, bestätigt auch der Neu-Ständerat: «Es fängt damit an, dass uns die Ratskolleginnen und -kollegen aus der Romandie der Suisse Primitive zuordnen», erklärt Zopfi und lacht. Denn zur Innerschweiz − die die Welschen durchaus respektvoll im Sinne von «ursprünglich» primitiv nennen – gehört das Glarnerland nicht: Im Radio läuft das Regionaljournal für die Ostschweiz und das Fürstentum Liechtenstein, mit Graubünden teilt sich das Kantonsgebiet die Tageszeitung Südostschweiz. Wer den Kanton nun wie das ZDF aber als «stets konservativ» bezeichnet, hat ein kurzes Gedächtnis: Mit mutiger und bisweilen äusserst progressiver Innenpolitik sorgt die Glarner Stimmbevölkerung alle paar Jahre wieder für eine Sensation. Der Blick weiter zurück offenbart: Nicht immer waren Glarnerinnen und Glarner in der Vorhut − aber dem Fortschritt haben sie sich nie in den Weg gestellt. Und in manchen Fällen – zum Beispiel bei der Sozialgesetzgebung im 19. Jahrhundert – erbrachten sie tatsächlich Pionierleistungen.

 

Trotz und Pragmatismus

Die Superlative: neben dem ersten Wildbanngebiet Europas (seit 1548) der erste Markenartikel der Schweiz (der Schabziger, geschützt seit 1463), das erste Fabrikgesetz (1864), anteilmässig die meisten Arbeitsplätze in der fertigenden Industrie unter den Kantonen, das tiefste aktive Stimm- und Wahlrechtsalter des Landes (16, seit 2007) und die umfassendste Gemeindefusion. Am 7. Mai 2006 verwarf die Landsgemeinde den Vorschlag der Kantonsregierung – und entschied sich für eine deutlich radikalere Variante: 68 Körperschaften (Orts-, Schul-, Fürsorge- und Ortsbürgergemeinden) vereinigten sich am 1. Januar 2011 durch den Beschluss zu den drei Einheitsgemeinden Glarus, Glarus Nord und Glarus Süd. Woher aber kommt der Mut der Glarnerinnen und Glarner, immer wieder Präzedenzen zu schaffen? Liegt es an der speziellen Dynamik der traditionellen Landsgemeinde, wo im «Ring» zu Glarus die Stimmberechtigten am ersten Sonntag im Mai «raten, mindern, mehren und wählen», also kantonale Fragen verhandeln und entscheiden? «Sicher spielt die Landsgemeinde eine Rolle», bestätigt Zopfi, relativiert aber gleichzeitig, weil auch an der Landsgemeinde die Beschlussfassung der Bürgerinnen und Bürger meist den Empfehlungen der Regierung folge. Und nicht immer stehe visionäres Denken hinter den Entscheidungen, vermutet der junge Politiker. Bei der Senkung des Wahlrechtsalters 2007 sei auch Trotz im Spiel gewesen, weil ein sehr konservativer Redner im Ring über die «verantwortungslose Jugend» hergezogen sei und die Schwelle am liebsten auf 20 Jahre erhöht hätte. In der Regel aber stehe hinter den Entscheidungen der Glarnerinnen und Glarner ein solider Pragmatismus, so Zopfi: Der historisch versierte Politiker erinnert daran, dass die Glarner bei der nationalen Abstimmung 1971 das Frauenstimmrecht zwar abgelehnt hatten, bei der folgenden Landsgemeinde aber – gegen die Empfehlung der Regierung – den Ring, den Zeichen der Zeit folgend, auch für Frauen öffneten.

«Wenn hohe Berge die Sicht versperren, muss man sich selbst darum bemühen, seinen Horizont zu erweitern», erklärt Hermann Luchsinger, Geschäftsführer der Schabziger-Herstellerin GESKA − die letzte verbliebene Manufaktur der lokalen Spezialität von einst zehn Zigermühlen im Kanton – die Innovationsfreude der Glarnerinnen und Glarner. Schon der Landsgemeindebeschluss von 1463, der die Hersteller verpflichtete, den Würzkäse nach Qualitätsvorgaben zu produzieren und mit einem Herkunftsstempel zu kennzeichnen, sei ein Signal gewesen, dass mit den Berglern zu rechnen sei. Missen wollen würde Luchsinger die steilen Flanken allerdings nicht und er betont die Wohnqualität – die Ruhe und die Natur vor der Haustüre –, die das Glarnerland biete.

Glarner Schabziger war als Würzkäse – man schmeckte mit ihm Speisen pikant ab, bevor exotische Gewürze wie Pfeffer für jedermann erschwinglich wurden – einst ein Verkaufsschlager und wurde in die ganze Welt exportiert. «Aber sagen wir es ohne Umschweife: Der Absatz ist seit 100 Jahren rückläufig», gesteht Luchsinger. Heute gehe es vor allem darum, als letzte verbliebene Manufaktur weltweit den Erhalt der über 1200-jährigen Spezialität zu garantieren und mit einer wachsenden Produkt-Palette die Milch der Glarner Bauern im Tal zu verarbeiten.

 

Glarus geht voraus

Auch Zopfi bejaht die Frage, ob die Landschaft die Menschen präge. Für einflussreicher aber hält er historische Faktoren – die lange Handelsgeschichte, die Reisläuferei und das Söldnerwesen, die frühe Industrialisierung – und weist auf eine erstaunliche Tatsache hin: dass nämlich die Modernisierung des Kantons im Hinterland begonnen hatte. Während im Norden noch manch einer seinen Lohn als Söldner im Dienst des französischen Königs verdiente, ging hinten im Tal 1740 die erste Zeugdruckerei in Betrieb. Sie legte den Grundstein für eine in den folgenden Jahrzehnten florierende Textilindustrie, deren bauliches Erbe noch heute die Dorfbilder prägt und deren internationaler Erfolg Mitte des 19. Jahrhunderts die gebeutelten Arbeiterinnen und Arbeiter auf die Barrikaden zwang: 1864 beschränkte die Landsgemeinde im Rahmen des ersten Fabrikgesetzes der Schweiz die tägliche Arbeitszeit auf zwölf Stunden und verbot die Kinderarbeit. Der Bund verabschiedete sein erstes Fabrikgesetz erst 13 Jahre später – nach dem Muster der Glarner Vorlage. 1916 stimmte die Landsgemeinde der Schaffung einer kantonalen Alters- und Invalidenversicherung zu, die erst 1948 mit der AHV ihre Entsprechung auf nationaler Ebene fand. Und Zopfi verweist auch auf die konfessionelle Frage, die im Glarnerland zwar ebenfalls zu etlichen Verwerfungen bis in die Neuzeit geführt habe, jedoch ohne dass sich der Kanton je vollständig geteilt hätte. Im Gegenteil war durch die Reformation ein weiteres Schweizer Unikum entstanden: Bis zum Neubau einer katholischen Kirche 1964 teilten sich die beiden Konfessionen über Jahrhunderte die Stadtkirche in Glarus.

Mathias Zopfi selbst war von seiner Wahl weniger überrascht als der Rest der Schweiz. Der Erfolg – oder vielmehr die Möglichkeit eines Erfolgs – habe sich im Vorfeld abgezeichnet: «Als mir beim Einkaufen im Ort das Verkaufspersonal davon erzählte, wie viele Kundinnen und Kunden mich wählen wollten, wusste ich, dass es klappen könnte.» Der Ständerat fügt hinzu, dass er – neben der grünen Welle – auch der ideale Kandidat gewesen sei: unideologisch, jung, aber politisch erfahren, dadurch dialog- und kompromissbereit, pragmatisch, eine umgängliche Persönlichkeit, durch seine Engagements im Kanton bekannt – und aus einer seit vielen, vielen Generationen im Land ansässigen Familie. Und bei diesem Thema kommt dann beim Pragmatiker Zopfi doch noch etwas Leidenschaft auf, nämlich bei einer der Schattenseiten der Kleinräumigkeit: «Es stört mich, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft daran gehindert werden, ihr Potenzial zu entfalten.» Zwar zeige das Beispiel von FDP-Landammann Andrea Bettiga, dass die Nachkommen von Migranten in Glarus durchaus Karriere machen könnten. Politiker links der Mitte aber müssten einen höheren Anforderungskatalog – auch bezüglich der Herkunft – erfüllen. Dementsprechend lauten auch die Hoffnung und das Anliegen Zopfis: dass sich der politische Pragmatismus der Glarnerinnen und Glarner als sozialer Pragmatismus auch gesellschaftlich breiter entfaltet, und dass sich der politische Gestaltungswille der Glarner Stimmbevölkerung national deutlicher zeigt.

 

Bleibende Einzigartigkeit

Dass alte Seilschaften weiter an Macht und Einfluss verlieren werden, hofft auch der GESKA-CEO. Luchsinger betont aber auch, dass die Umsetzung von Entscheidungen wie die Gemeinde-Fusion ein Generationenprojekt sei. Deshalb begrüsse er es, dass mit Zopfi frischer Wind, neue Blickwinkel und Perspektiven in die Glarner Politik Einzug nehmen würden.

Schon seit 2015 sorgt Judith Welter als Direktorin des Kunsthauses Glarus für neue Blickwinkel und Perspektiven. Die Ausrichtung des Museums aber – zeitgenössisch und international – besteht seit bald 30 Jahren. Auch das ein pragmatischer Entscheid, wie Welter ausführt: Der Glarner Kunstverein habe nie über viele Mittel verfügt und nur schon die Versicherungsbeiträge für eine Ausstellung klassischer Werke hätten diese Mittel erschöpft. Das Haus geniesse heute internationales Renommee, im Kanton werde ihre Ausstellungspolitik aber durchaus kontrovers diskutiert – seltener in der Presse, vielfach im Foyer des Kunsthauses, wo die Direktorin gleich nebenan im Büro sitzt. Dass vieles im kleinräumigen Glarnerland persönlich und direkt erledigt werde, sei sicher ein wichtiger Grund für Zopfis Wahlerfolg gewesen, glaubt Welter. Jedoch auch die Offenheit der Glarnerinnen und Glarner, die sie wiederum mit der langen Handelstradition und der Industriegeschichte erklärt, aber auch mit dem Umstand, dass im Kanton höhere Ausbildungsstätten fehlen würden, weshalb viele zumindest vorübergehend das Tal verlassen müssten und mit neuen Ideen zurückkommen würden. In vielerlei Hinsicht aber – zum Beispiel in Bezug auf die Dichte des kulturellen Angebots im Kanton – sei Glarus einzigartig in der Schweiz. Eine Einzigartigkeit – darin sind sich die Direktorin, der Geschäftsführer und der Politiker einig –, die stark von der Eigenstaatlichkeit des Glarnerlandes geprägt sei. Eine Kantonsfusion ist also in nächster Zeit nicht zu erwarten, auch wenn Glarus zunehmend – beispielsweise im Gesundheitswesen – Kooperationen mit Nachbarn eingehen muss und die Bilanz der Gemeindefusion nach bald zehn Jahren vorsichtig positiv ausfällt: Sie habe die Verwaltung professioneller, aber bürgerferner gemacht, resümierte vor Kurzem die Neue Zürcher Zeitung. Deshalb müsse der Kanton Glarus – trotz geringer Grösse und nur rund 40 000 Einwohnerinnen und Einwohner – selbstständig bleiben, erklärt Ständerat Zopfi. Was aber hält die Schweiz zusammen, wenn alle so viel Wert auf ihre Eigenständigkeit legen? «Dass wir wissen, dass wir nicht alle gleich sind. Und das unser Staatssystem – der Föderalismus – es ermöglicht, mit diesen Unterschieden zu leben.»