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Im indischen Gir-Nationalpark leben die letzten Asiatischen Löwen der Welt. Intensive Schutzmassnahmen machen das Waldgebiet zum Löwenparadies – doch längst ist es zu klein für die wachsende Population. Seit Jahren schwelt ein Streit: Wohin mit den grossen Katzen?

von Bernd Eberhart

Der ganze Wald liegt still unter einer Schicht feinen Staubes. Die Fiederblättchen der Akazien, die grossen, ledrigen Teakblätter, die Bienennester in den Banyan-Bäumen, alles ist hellbraun bepudert. Die Farbe der Löwen. Doch die Stille trügt. Zwei Hanuman-Languren turnen gemächlich durch die Bäume. Axishirsche schauen wachsam auf. Eine Rotmanguste huscht über den Weg. Glück soll es bringen, einem der kleinen Räuber zu begegnen, erzählen sich die Einheimischen. In der Ferne ist ein lautes Stöhnen zu hören – es brüllt der Asiatische Löwe.

Das Gir-Schutzgebiet liegt im indischen Bundesstaat Gujarat, nordwestlich von Mumbai. Knapp 1500 Quadratkilometer Natur, Heimat für fast 70 000 Axis- und 4700 Sambarhirsche, für gut 4000 Nilgauantilopen – und für mehr als 300 Asiatische Löwen. Sie bilden eine eigene Unterart: Panthera leo persica ist ein wenig schmächtiger als sein afrikanischer Verwandter, die Mähne der Männchen ist nicht ganz so prächtig und eine charakteristische Hautfalte verläuft längs über den asiatischen Löwenbauch. Für die Katzen ist der Gir-Wald ein Paradies. Auf einen Löwen kommen mehr als 260 Huftiere. Dass er diese mit insgesamt gut 300 Leoparden und 150 Streifenhyänen teilen muss, dürfte ihn also kaum stören. Einst war der Asiatische, Indische oder Persische Löwe – seine vielen Namen verraten es schon – über ein riesiges Gebiet verbreitet, vom Balkan über den Nahen Osten bis hin zur Grenze des heutigen Bangladesch. Bis die stetig wachsende Bevölkerung immer mehr Platz für sich reklamierte und schiesswütige britische Kolonialherren zur Löwenjagd bliesen.

Gewehre sind heute längst nicht mehr in Gebrauch im Schutzgebiet. Auf einer Lichtung sind die Ranger des Parks zusammengekommen. Nach der Nachtschicht strecken sie ihre müden Glieder in der Sonne; einige stützen sich erschöpft auf ihre massiven Holzstäbe. Dies sind die einzigen Waffen, die sie tragen. Ganz in der Nähe hätten sie kürzlich zwei Löwen gesehen, erzählen sie und deuten in Richtung Tiefe des Waldes.

Nur noch 50 Exemplare

Um die Wende zum 20. Jahrhundert war der Asiatische Löwe auch hier so gut wie ausgerottet. Weniger als 50 Exemplare waren im Wald verblieben, als endlich die Löwenjagd verboten wurde. Anfang der 1970er-Jahre wurde ein Grossteil des im Waldgebiet lebenden einheimischen Hirtenvolks der Maldhari zwangsweise umgesiedelt – und 1975 offiziell ein Nationalpark als zentraler Schutzraum ausgerufen.

Die jüngste Geschichte dieser Löwen ist eine Erfolgsgeschichte. Bis 1974 war die Population auf 180 Individuen angewachsen. 1995 waren es schon 304. Von diesen hatten sich gut 40 Tiere bereits aufgemacht – über die Grenzen des Schutzgebietes hinweg. Der letzte grosse Löwenzensus kam vor drei Jahren auf insgesamt 523 Tiere. Mehr als 200 von ihnen waren aus der Schutzzone hinaus in die Welt gewandert, in die umliegenden Dörfer, sogar bis in die südlich gelegene Küstenregion um die Insel Diu. Rings um das Schutzgebiet verläuft eine niedrige Mauer. An manchen Stellen ist sie kaum 80 Zentimeter hoch. Blickt man vom Wald aus darüber hinweg, tut sich eine weite Graslandschaft auf: sanfte Hügel, gespickt mit vereinzelten Dörfern und Feldern. Dass die Tiere über die Grenzen hinweg ziehen, ist nicht nur geduldet, sondern regelrecht erwünscht – für einen Artenschützer gibt es nichts Grossartigeres, als wenn sich eine bedrohte Art von selbst wieder ausbreitet.

Man kann das Schutzgebiet als Angebot für die Löwen verstehen, als Rundum-sorglos-Paket mit jedem erdenklichen Komfort. 500 Trinklöcher hat die Forstbehörde gegraben. Ranger streifen Tag und Nacht durch den Wald, auf der Suche nach den Grosskatzen und deren Hinterlassenschaften, nach illegal grasenden Nutztieren, nach gerissener Beute oder gar verletzten Löwen. Es gibt eine eigene Tierklinik. Und der menschliche Einfluss ist so weit wie möglich minimiert: Nur noch 43 Maldhari-Dörfer befinden sich im Schutzgebiet. Die rund 2500 Einwohnerleben vom Verkauf von Büffel- und Ziegenmilch.

Die Maldhari und die Beamten der Forstbehörde sind nicht die dicksten Freunde. Die einen müssen überleben, die anderen das Überleben der Löwen sichern – so haben sie zwei unterschiedliche Perspektiven auf den Wald. Aber sie kommen miteinander aus, auch wenn es Reibungen gibt: Etwa ein Viertel der Beute, die in den Löwenmägen landet, kommt aus Nutzviehbeständen. Hirten und Bauern erhalten zwar eine Kompensation, doch die ersetzt nur 40 Prozent des Wertes. «Wenn wir die Hirten auf unserer Seite haben wollen, müssen wir die Kompensationen sehr ernst nehmen», sagt die indische Wildtierökologin Meena Venkataraman, die seit über 15 Jahren im Gir-Gebiet arbeitet.

Zwei Kälbchen gerissen

Der Viehbauer Lakhan Valha Gadwi lebt mit seiner Frau und zwei kleinen Söhnen in einer Lehmhütte am Rand des Waldes. Zwei Büffelkälbchen stehen mit ihrer Mutter allein im Stall. Gadwis restliche 25 Büffel grasen derweil im Schutzgebiet. Erwischt sie eine Patrouille der Forstbehörde ausserhalb der ihm zugewiesenen Zone, muss Gadwi eine saftige Strafe zahlen: 1000 Rupien würden ihm die Beamten eilends abknöpfen, berichtet er, über 13 Franken. 40 Liter Büffelmilch muss er dafür verkaufen. Die Kompensationen für gerissenes Vieh dagegen liessen auf sich warten.

Erst am Tag zuvor habe ein grosser Löwe zwei Kälbchen im Nachbardorf getötet, berichtet Gadwi. Angst habe er dennoch keine. «Die Löwen sind auch von Gott geschaffen», sagt er. «Wir teilen uns das Land mit ihnen. Dass sie manchmal Ziegen und Büffel reissen – das passiert eben.» Auch die Forscherin Meena Venkataraman hat in ihren vielen Jahren im Gir-Gebiet immer wieder erfahren, wie selbstverständlich die Einheimischen mit den Löwen zusammenleben. Tatsächlich geht von den Tieren kaum Gefahr aus; unprovozierte Angriffe auf Menschen sind äusserst selten. Doch selbst gegen den gefährlicheren Leoparden – immer wieder kommt es vor, dass die geschmeidigen Katzen Kinder töten – hegen die Menschen keinen Groll. «Ich habe gut 4000 Interviews geführt mit den Dorfbewohnern in und um Gir», erzählt Venkataraman. «Und ich bin überzeugt: Den grössten Teil zum Schutz der Löwen tragen die Einheimischen bei, mit ihrer positiven Haltung zu den Tieren.» Auch Ram Natan Nala schätzt diese Einstellung sehr. Nala ist stellvertretender Leiter der Forstbehörde. «Der Löwe hat sich seinen Teil genommen» – das sei eine tief verwurzelte Reaktion der Hirten auf gerissenes Vieh. «Diese Koexistenz von Löwe und Mensch», sagt Nala, «ist einzigartig hier.»

Das Argument ist beliebt in einem lange währenden Streit um die letzten Asiatischen Löwen. Seit Jahren kämpfen andere indische Bundesstaaten darum, einen Teil der Löwen beherbergen zu dürfen. Ein wichtiges Back-up für die Unterart sei das, sagen die Befürworter. Eine Gefahr für die Individuen, sagen die Gegner, und obendrein ein billiger Trick, um mehr Besucher in die eigenen Nationalparks zu locken. Rechtlich ist die Sachlage seit Anfang 2013 geklärt: Das Oberste Gericht Indiens hatte eine Umsiedlung in andere Parks angeordnet. Doch der Staat Gujarat stellt sich quer. Zum einen, weil man dort mächtig stolz ist auf die letzten indischen Löwen. Zum anderen aus finanziellem Kalkül. Denn der Gir-Park mit seinen exklusiven Grosskatzen und steigenden Besucherzahlen wirft ordentlich Gewinn ab.

Nachhaltig handelten die Gujaratis damit nicht, ist Ravi Chellam überzeugt. Man fordere das Schicksal heraus, indem man die Löwen nur an einem Fleck belasse, mahnt der Wildtierbiologe. Bis 2017 war Chellam Direktor von Greenpeace India. Seit Jahren ist er einer der prominentesten Fürsprecher eines Löwenumzugs. «Wenn wir einige Tiere umsiedeln, schliessen wir eine Lebensversicherung für den Asiatischen Löwen ab.» Ein aggressives Virus, ein Waldbrand oder andere Katastrophen könnten sonst auf einen Schlag die ganze Population ausrotten – und damit eben die letzten ihrer Unterart. Ram Natan Nala, der Vizedirektor der Waldschutzbehörde in Sasan Gir, sieht das anders: «Wir setzen doch gar nicht alles auf eine Karte. Die Löwen haben sich in mehrere Gruppen aufgeteilt. Und solange die Population wächst, gibt es keinen Grund, sie zu stören.»

Neue Lebensräume für Löwen

Die Debatte ist emotional stark aufgeladen. Als heissester Kandidat für eine zweite Löwenheimat gilt das Kuno Wildreservat im benachbarten Bundesstaat Madhya Pradesh. Indische Wölfe und Leoparden streifen bereits durch das Waldgebiet. Neben Löwen könnten in Zukunft auch Asiatische Geparden wieder angesiedelt werden. Der Verhaltensökologe Heribert Hofer vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin forscht seit Jahrzehnten zum Artenschutz von Raubtieren. «Die Gründung einer neuen Population an einem anderen Ort ist kein Allheilmittel», erklärt Hofer. «Ein aktiver Eingriff ist immer weniger gut. Besser ist es, wenn sich die Löwen selbst neue Lebensräume suchen. Und was wir gelernt haben in all den Jahren: Wiedereinbürgerungen von Raubtieren machen grosse Probleme, wenn sie nicht richtig gut abgeklärt sind mit der Bevölkerung.» «Dass die Löwen überhaupt überlebt haben, ist eine starke Leistung des Staates Gujarat», sagt Heribert Hofer anerkennend. Möglicherweise jedoch könnten die Motivation und damit die Anstrengungen im Artenschutz abnehmen, wenn es noch eine zweite Löwenheimat geben würde. Denn die Verantwortung für die Art wäre dann geteilt, genau wie der Stolz darauf. Langfristig komme es aber einfach auf den Platz an, ob aktiv umgesiedelt werden müsse oder nicht, erklärt Hofer. Wie viel Raum haben die Löwen im Gir-Gebiet zur Verfügung? Wie weit können sie sich natürlich ausbreiten? Und wie gross sind dann die Konflikte mit der Bevölkerung? Dass es vor allem den männlichen Löwen im Gir-Schutzgebiet langsam eng wird, ist klar. «In einem solchen Fall gilt es, überschüssige Tiere anderweitig unterzubringen», sagt Hofer – zumindest, wenn sie in den Genuss von Schutzmassnahmen kommen sollen. In die festgefahrene Diskussion scheint nun etwas Schwung zu kommen: Im März hat die Regierung von Gujarat ein neunköpfiges Komitee eingesetzt, das für einen reibungsarmen Umzug in den Nachbarstaat Madhya Pradesh sorgensoll –nachdem alle Bedenken zur Zufriedenheit Gujarats ausgeräumt sind, wie ein Beamter verlauten liess. Wer die indische Bürokratie kennt, der weiss aber: Bis wirklich etwas passiert, kann es dauern. Für Meena Venkataraman ist der kritische Punkt ohnehin ein anderer: «Ganz egal wo, entscheidend für ein Überleben der Löwen ist, wie sich die Landnutzung entwickelt.» Auch im Umkreis des Gir Schutzgebiets schreitet die Urbanisierung voran, werden Strassen gebaut, wachsen Einwohnerzahlen, Wirtschaft und Tourismus. «Die Löwen brauchen Bewegungsräume. Die aber nehmen rapide ab mit einer höheren Bevölkerungsdichte. Und die Konflikte nehmen zu», befürchtet die Ökologin.

Trotzdem ist es noch immer ein Glücksspiel, im Schutzgebiet auf die Katzen zu treffen. Doch an diesem Morgen macht der Rotmungo seinem Ruf als Glücksbringer alle Ehre. Leise knackt es zwischen in Zweigen, dann schlendern zwei junge Löwen über die staubige Strasse. Vermutlich ein Geschwisterpaar–das Weibchen vorneweg, hintendrein ein Männchen, noch mähnenlos. In den kommenden Monaten wird es damit beginnen, sich nach einem eigenen Rudel umzuschauen – der Wald könnte ihm bald zu klein sein. Die Mauer jedenfalls kann und soll ihn nicht aufhalten.