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Unter den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm sind es gerade die Publikumslieblinge, die den unbefangenen Leser erst einmal gründlich irritieren. Doch die oft aberwitzig unlogischen Handlungsabläufe der guten alten Märchen mit ihren sonderbaren Bildern und Sprachmustern enthalten die tiefsinnigsten Lebensweisheiten. Beim Froschkönig drehen sie sich um Beziehungsfragen.

von Christian Feldmann

Die ganze Geschichte klingt völlig verrückt: Einer Prinzessin (gibt es heute nicht mehr, ausser in Bhutan und Grossbritannien) fällt beim Spielen ihre goldene Kugel (wer spielt mit so was? Ein vernünftiger König schliesst seinen Goldkram im Banktresor ein) in den Brunnen. Ein Frosch guckt aus dem Wasser und bietet ihr seine Hilfe an (seit wann können Frösche reden?), das Prinzesschen lässt sich sofort auf Verhandlungen mit dem Glitschtier ein, doch kaum hat sie ihr Spielzeug wieder, läuft sie hurtig ins Schloss und kümmert sich nicht mehr um ihr Geschwätz von gestern. Doch der Frosch ist hartnäckig, er hüpft platschend die Marmortreppe hoch (unwahrscheinlich), will zum Dinner eingeladen werden, was er auf die Fürsprache des redlichen Königs auch schafft (noch unwahrscheinlicher), und peilt jetzt auch noch einen Schlafplatz im „seiden Bettlein“ der Prinzessin an (was man von seiner Warte aus schon eher verstehen kann).
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Völlig normal oder zumindest verzeihlich erscheint uns auch, dass die entnervte Schöne ihren glibberigen Verehrer in einem Wutanfall an die Wand wirft. Dass er sich bei diesem Mordanschlag in einen Königssohn verwandelt, das allerdings ist die grösste aller Verrücktheiten. Die ganze Geschichte klingt völlig verrückt: Einer Prinzessin (gibt es heute nicht mehr, ausser in Bhutan und Grossbritannien) fällt beim Spielen ihre goldene Kugel (wer spielt mit so was? Ein vernünftiger König schliesst seinen Goldkram im Banktresor ein) in den Brunnen. Ein Frosch guckt aus dem Wasser und bietet ihr seine Hilfe an (seit wann können Frösche reden?), das Prinzesschen lässt sich sofort auf Verhandlungen mit dem Glitschtier ein, doch kaum hat sie ihr Spielzeug wieder, läuft sie hurtig ins Schloss und kümmert sich nicht mehr um ihr Geschwätz von gestern.
Doch der Frosch ist hartnäckig, er hüpft platschend die Marmortreppe hoch (unwahrscheinlich), will zum Dinner eingeladen werden, was er auf die Fürsprache des redlichen Königs auch schafft (noch unwahrscheinlicher), und peilt jetzt auch noch einen Schlafplatz im „seiden Bettlein“ der Prinzessin an (was man von seiner Warte aus schon eher verstehen kann).

 

Völlig normal oder zumindest verzeihlich erscheint uns auch, dass die entnervte Schöne ihren glibberigen Verehrer in einem Wutanfall an die Wand wirft. Dass er sich bei diesem Mordanschlag in einen Königssohn verwandelt, das allerdings ist die grösste aller Verrücktheiten.

 

Als ermutigende Geschichte einer sexuellen Initiation hat man das Märchen gelesen: So manches, was zunächst erschreckend, ekelhaft, animalisch erscheinen mag, birgt nicht nur höchstes körperliches Glück, sondern auch die Chance einer umfassenden menschlichen Begegnung. Oder man hat eine Erlösungsgeschichte herausgelesen, eine bittersüsse Lovestory, wie durch die Begegnung mit einer Prinzessin aus einem hässlichen Schlammbewohner ein fescher Prinz wird. Erlöst wird hier freilich nicht durch Liebe, nicht einmal durch Mitleid, sondern scheinbar durch brutale Aggression: Die Königstochter wirft den ständig Ansprüche stellenden Frosch wütend an die Wand.

 

Einleuchtender ist es, Froschkönig als Paargeschichte zu deuten, als Beziehungsdrama zwischen zwei unfertigen, verkorksten, von Lebenslügen und unrealistischen Erwartungen verbildeten jungen Akteuren, die durch Missverständnisse, Konflikte und Aggressionen hindurch tatsächlich zur Partnerschaft, ja vielleicht sogar zur Liebe finden.

 

Nichts als Lebenslügen

Froschprinz und Königstochter, beide gehen durch eine harte Schule. Das Prinzesschen führt sich in der Anfangsszene am Brunnen als unreife, narzisstische Kindfrau ein. Offensichtlich hat sie nichts zu tun und im Kopf als das Herumgetändel mit einem Ball – ein goldener allerdings. Dieses ihr liebstes Spielwerk steht für ihre ganze behütete und verträumte Kinderwelt. Doch auch eine in goldenem Glanz aufgewachsene Königstochter muss sich verändern, um erwachsen zu werden. Und wenn sie das nicht selbst begreift, dann kommt das Schicksal zu Hilfe und lässt die Fassade brutal zusammenkrachen: Die goldene Kugel – und mit ihr die ganze heile Welt der Kindheit im Königsschloss – fällt in den Brunnen.

 

Im Märchen ist der Brunnen immer der unheimliche Abgrund, der in die Tiefe der Erde zu führen scheint. Aber auch Spender und Hüter des frischen Wassers, welches Leben und Gesundheit, ja sogar Jugend und Unsterblichkeit schenkt, Symbol für die unbewussten Kräfte der Seele und für den Eintritt in eine neue Lebensphase.

 

Ein praktisch veranlagtes Mädchen hätte nach einem Fischnetz oder einem Obstpflücker Ausschau gehalten, um das Spielzeug aus dem Brunnen zu holen. Auf solche Ideen kommt das Prinzesschen nicht. Kindfrauen haben keine Ideen, aber die Gabe, eindrucksvoll zu weinen und damit in Blitzesschnelle Retter anzulocken. Das ist die zweite Lebenslüge: dass jemand anderer – bisher war es der Vater – ihr Dasein vergolden und ihre Probleme lösen wird, dass nicht sie selbst es tun muss. Und die dritte: Man kann freundliche Helfer ausnutzen und dann stehen lassen, ohne Verpflichtungen einzugehen und eine Beziehung zu knüpfen.

Beziehungsdeal statt Liebe

Der so schnell zur Hilfe herbeieilende Frosch, hässlich, quakend, unangenehm riechend, legt freilich selbst einen unreifen Charakter an den Tag. Er wird der Königstochter beistehen, oh ja – aber nur, wenn sie ihm seine Wünsche erfüllt, und die sind ebenfalls noch recht kindlich. Die Tiefenpsychologen, die bei C. G. Jung in die Schule gegangen sind, vermuten, dass der Frosch von einer Mutter als Mann-Ersatz missbraucht, vergöttert, mit Liebe, Klagen und Ansprüchen erdrückt worden sei. Er sei «von einer bösen Hexe verwünscht worden», so drücken die Märchen dieses Beziehungsmodell aus. Jemanden verhexen, das heisst, ihn in ein Lebensmodell festbannen, aus dem er nicht herauskommt.

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Der Frosch: ganz gross als Helfer, Tröster, Hausgenosse – aber erbärmlich verklemmt und unsicher, wenn er ein Mann sein soll. Er sucht eigentlich gar keine Partnerin, das könnte Herausforderung, Provokation, Konflikt bedeuten. Er sucht die Geborgenheit und Symbiose, die er von der Froschmutter her gewohnt ist. Auch der junge Herr Frosch hat seine Lebenslüge: Die ganze stürmisch erwachende Leidenschaft eines Mädchens lässt sich durch ein perfekt organisiertes Hilfs- oder Unterhaltungsprogramm erkaufen.

 

Trösten, helfend beispringen, alles für jemanden tun, das kann er, der Frosch – und genau so jemanden braucht die Königstochter. Der Frosch hat ihr die goldene Kugel wiedergebracht und dafür gesorgt, dass sie Kind bleiben kann: hilfsbedürftig, unselbstständig, süss und ein bisschen zickig. Ein Prinzesschen, das er bewundern, beschützen, auf Händen tragen kann, das hat wiederum der Frosch sich immer gewünscht. Einen Partner wollen sie beide nicht.

 

Die Kindfrau, der Helfer. Das Opfer, der Retter. Die Hilflose, der Starke. Die Schöne, der Zuverlässige. Was soll daraus werden? Beide reduzieren den anderen auf eine bestimmte, gerade dringend benötigte Funktion. Die goldene Kugel, Hilfe, Trost, Geborgenheit, begehrt die Prinzessin; Tellerlein und Bettlein, Schönheit, Glanz, Geborgenheit, das Flair der Jugend der Frosch. Was sie beide nicht wollen, ist eine Person, die immer sperrig ist und Erwartungen nie erfüllt, sondern übersteigt, die Herausforderungen bringt und Überraschungen birgt. Dabei kommt keine Liebe heraus, sondern eine Art Vertrag, etwas Erpresserisches, an das man sich ohnehin nur so weit halten wird, als es den eigenen Interessen dient.

 

Befreiungsschlag mit Folgen

Das schlimme Ende naht, als der Frosch die Treppe zum königlichen Speisesaal erklimmt, eine Spur aus Schleim und Schlick hinterlassend wie eine Nacktschnecke. Alle Beteiligten kann man irgendwie verstehen: den Frosch, der seinen zugesagten Lohn einfordert, die Prinzessin, die sich graust und fürchtet, den Vater, der in aller Strenge auf heilige Prinzipien pocht … und doch ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. Die unmögliche Situation schreit nach einer radikalen Lösung.

 

Die aber niemand finden wird, solange sich jeder vom anderen unter Druck gesetzt oder betrogen fühlt und in seiner unglückseligen Erwartungshaltung verharrt. Der Frosch arbeitet mit Vorwürfen, macht dem Königstöchterchen ein schlechtes Gewissen, mault und quakt herum. Die Prinzessin ist viel zu genervt und angeekelt, um das eigene Verhalten zu überprüfen; als der kalt-glibberige Gast dann auch noch ihr «schönes reines Bettlein» entern will, fängt sie an zu heulen, wie immer, wenn sie vor einem Problem steht.

 

In diesem Moment geschieht das Unerwartete: Als der Frosch damit droht, sie bei ihrem Vater – dem seine Prinzipien über alles gehen und der bestimmt wieder Partei für das glitschige Monster ergreifen wird – zu verpetzen, wird sie zur Furie: Sie packt das quengelnde Tier und schleudert es wütend gegen die Wand!

 

Zum ersten Mal in ihrem jungen Leben hat sie spontan eine Entscheidung gegen die Erwartungen ihrer Umgebung getroffen. Egoistisch ist sie geblieben, die verwöhnte Königstochter, aber zum ersten Mal riskiert sie etwas, ist sie massiv ungehorsam, verweigert sie dem vom Vater protegierten tierischen Prinzgemahl nicht nur das Bett, sondern versucht ihn umzubringen! Mit dem feuchten Frosch hat das Prinzesschen auch sein süsses, angepasstes, unschuldiges Kinder-Ich von sich geworfen.

 

Der Befreiungsschlag hat ungeahnte Folgen. Das grüne Monster landet platschend an der Wand – und fällt als bildschöner junger Mann herunter. Von einer Sekunde zur anderen ist der erbärmliche Deal überflüssig geworden, kann Beziehung beginnen. Im selben Moment, in dem der Frosch entzaubert wird, sehen wir die Prinzessin verzaubert: Erblickt sie doch in dem hilfreichen, aber nervenden Diener von vorhin plötzlich eine Person, die sie zu lieben beschliesst.

 

Uns irritiert lediglich, dass diese erfreuliche Wandlung der Dinge nicht in einem vernünftigen Gespräch oder auf einer schönen Urlaubsreise geschehen ist, sondern in einem mörderischen Gewaltakt. Was nun wirklich kein Modell für Paarbeziehungen sein sollte – oder doch? Man muss den Partner ja nicht gleich an die Wand stossen. Aber manchmal hilft es, Klartext zu reden, all die Lebenslügen und falschen Erwartungen und eingefahrenen Rollenspiele in einem tapferen Kraftakt hinter sich zu lassen und in aller Konsequenz, Härte und Aufrichtigkeit einen neuen Anfang zu setzen. Und dabei vielleicht erstaunt festzustellen, wie viel Kraft der Beziehung plötzlich zuwächst und wie viel verschüttete Zuneigung, Liebe, Zärtlichkeit in dem erkalteten, glanzlos gewordenen Miteinander verborgen sind.

 

Verwandelt haben sich beide. Der Frosch hat sein Froschverhalten aufgegeben, er hat begriffen, dass er Zuwendung und Liebe nicht durch hilfreiches Wohlverhalten erzwingen kann. Was in Familien- und Paarbeziehungen so wichtig ist, das Loslassen, das Abschiednehmen ohne Bitterkeit, hat er plötzlich und erstaunlich schnell gelernt. Das tut weh, eröffnet aber die wundersame Chance, vom Frosch zum Prinzen zu werden. Aber auch die Königstochter beginnt mit einem Mal Persönlichkeit zu entwickeln – weil sie Gefühle zulässt und sogar herausschreit, und seien es zunächst auch nur negative. Gefühle, wenn sie erst einmal wahrgenommen werden, können sich wandeln. Genau wie der Frosch in ihr nicht mehr die symbiotische Mutterfigur sucht, löst sie sich vom Vaterideal, stellt sich auf einen neuen Typ Mann ein, beginnt wohl auch ihre kindliche Abneigung vor der Sexualität zu überwinden. Sieh mal an, aus dem glitschig-animalischen Bewerber ist ein aufregender Prinz geworden, mit dem man sicher mehr anstellen kann als Ball spielen und an der langweiligen königlichen Tafel sitzen.

 

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