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Die heute 80-Jährigen gelten als die 60-Jährigen von damals. Frauen zwischen 40 und 50 Jahren werden als alterslos bezeichnet. Soziologen sehen die Menschen auf dem Weg zur «Peter-Pan-Gesellschaft». Was das für die Zukunft bedeutet.

von Anton Ladner

Zur Erinnerung: Peter Pan ist die Hauptfigur einiger Kindergeschichten von James Matthew Barrie und dort das einzige Kind, das niemals erwachsen wird und im Nimmerland auf einer fiktiven Insel lebt. In dieser Welt steht der Spass, das unmittelbare Gefühl, die sofortige Befriedigung der Bedürfnisse im Vordergrund. Verständlich, es ist eine Kinderwelt, und Kinder leben ganz spontan. Doch in der heutigen Gesellschaft scheinen diese Kriterien zunehmend an Bedeutung zu gewinnen. Vor allem die sofortige Befriedigung von Bedürfnissen: Onlineshopping mit Lieferungsversprechen innert 24 Stunden, Filme auf Abruf bei Netflix und immer zahlreicheren Anbietern. Steht das in einem Zusammenhang damit, dass Verantwortungsgefühle für die Gesellschaft zurückgehen? Stimm und Wahlbeteiligungen nehmen ab, Parteien haben Mühe, neue Mitglieder zu finden und Vereine haben damit zu kämpfen, ihren Vorstand zu bestücken. Hängt der Rückzug aus dem Öffentlichen ins Private mit einem Peter-Pan-Effekt zusammen? Viele Erwachsene wollen heute keine Verantwortung mehr übernehmen, oft auch nicht für sich selbst. Michael Winterhoff, Autor des Buches «Mythos Überforderung – was wir gewinnen, wenn wir uns erwachsen verhalten», sieht den Grund dieser Entwicklung im Wohlstand: «Je mehr Wohlstand vorhanden ist, desto grösser die Gefahr, dass der Mensch regrediert. Er fällt in ein Versorgungsverhalten zurück, die dem eines kleinen Kindes entspricht.» Der eigentlich Erwachsene bekomme vermittelt, dass es nur noch darum gehe, sich so gut wie möglich zu fühlen, und alles zur Verfügung zu haben, was er dazu braucht. «Er dreht sich immer mehr um sich und die Frage, wie er seinen Eigengewinn maximieren kann.»

Jungbrunnen Digitalisierung

Die durch das Internet immer reicheren Angebote (aus der Schweiz kann jetzt auch in US-amerikanischen Warenhäusern eingekauft werden) wecken eine Unersättlichkeit und damit ein kindliches Verhalten. Die digitalen Möglichkeiten verführen dazu, die Selbstbestimmung zu vernachlässigen. So dominiert das Smartphone über uns. Klingelt es, hat der Anruf erste Priorität. Trifft eine SMS ein, gilt ihr die Aufmerksamkeit, gleich was wir tun. «In der Evolution ist es einfach nicht vorgesehen, dass Informationen in schneller Taktung auf uns einprasseln. Wir sind hochgradig überfordert und so nicht mehr in der Lage, Entscheidungen zu treffen», meint Winterhoff. Zum Erwachsensein gehört «die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zum Aufschub unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung», definierte Neil Postman. Für die Kinder stehe der Impuls, für die Erwachsenen die Überlegung, für die Jungen das Gefühl, für die Älteren die Vernunft, für die Kids der Narzissmus, für die Oldies das Verantwortungsgefühl, so der US-amerikanische Gesellschaftskritiker. Aber in der alterslosen Gesellschaft gilt das nicht mehr. Die Babyboomer, die jetzt zunehmend in ihre Pensionierung übertreten, leben diese Phase so aktiv, gesund und technologieaffin wie keine Generation zuvor. Und im Silicon Valley werden gigantische Summen in Technologien investiert, die das Altern hinauszögern – oder gar abschaffen sollen. Deshalb wird der Begriff digitale Gesellschaft gerne mit dem Weg zur alterslosen Gesellschaft verknüpft.

Aber bedeutet eine alterslose Gesellschaft, eine kindliche Gesellschaft? Für Winterhoff schwingt diese Gefahr mit: «Je mehr Entscheidungsaufforderungen uns bedrängen, desto schlechter werden wir im Entscheiden überhaupt. Die Folge: Wir resignieren und überlassen die Wahl andern. Wie Kinder.» Im September 2013 hat Google mitgeteilt, sich mit der Gründung der Tochterfirma Calico auf den Weg zu machen, die Unsterblichkeit zu ermöglichen. Mehrere Milliardäre träumen vom Gleichen: Der US-Hedgefonds-Manager Joon Yun hat den Palo-Alto-Longevity-Preis lanciert, um den «code of life» zu hacken und eine Lebensdauer von 120 Jahren zu ermöglichen. Der Antrieb dahinter liegt in einer einfachen Statistik. Diese geht davon aus, dass ein 25-Jähriger ein 0,1-prozentiges Risiko habe zu sterben. Können diese Konditionen ins hohe Alter gerettet werden, vergrössert sich die Lebenserwartung erheblich. Dadurch dürften sich aber auch die einzelnen Entwicklungsabschnitte des Menschen ausdehnen. Vor gut zehn Jahren prägte der US amerikanische Psychologe Jeffrey Jensen Arnett den Begriff «heraufkommende sich entwickelndes Erwachsenensein», Erwachsene in Entstehung. Es handelt sich um eine Phase der verlängerten Adoleszenz, die bei Männern wohl bis zum Alter von 23 Jahren und länger andauert. Der Grund dafür wird darin gesehen, dass junge Menschen erst viel später Verpflichtungen haben und Verantwortung übernehmen.

Mangelware Spielverderber

Es ist also die Verantwortung, die erwachsen macht und wohl auch erwachsen hält. Eine alterslose Gesellschaft wird zur Peter-Pan-Gesellschaft, wenn sich die Menschen jünger fühlen, als sie auf dem Papier sind, und sich dabei den altersgerechten Verantwortungen verweigern. In der Peter-Pan-Gesellschaft gibt es keine altersspezifischen Vorlieben mehr, weil die traditionellen Vorstellungen von Erwachsensein aufgelöst sind. Ein Beispiel dafür ist der enorme Erfolg von Malbüchern für Erwachsene. Und überall blüht die Betreuung der Erwachsenen: Fitness-Coach, Diätberater, Karriere-Optimierer – ein Geschäft mit der Fremdbestimmung. Dahinter verbirgt sich immer das gleiche Muster: Verantwortung abgeben, sich sagen lassen, was zu tun ist – ergo: wie ein Kind sein. Es ist logisch, dass das gefühlte Alter durch die längere Lebenserwartung sinkt. Wenn der Jugendwahn jedoch zu einer Infantilisierung führt, weil man sich aus der Verantwortung in allen Lebensbereichen zurückzieht, wird es kritisch. Dann richtet sich die Spassgesellschaft am Spass zugrunde.