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Wer leidet, neigt dazu, das Leiden zu konservieren. Paradoxerweise tut man dann das Gegenteil von dem, was helfen würde, das Leiden einzugrenzen.

Prüfung bestanden, neue Stelle erhalten, Zusage für die begehrte Wohnung bekommen – das sind wunderbare Gründe zum Feiern. Man spendet eine Torte, lädt in die Bar zu einem Drink ein oder offeriert ein Nachtessen. Alle erachten das als gerechtfertigt und sinnvoll. Wer sich aber ein Paar Schuhe kauft, weil die Probezeit nicht bestanden wurde, Freunde zur Pizza einlädt, weil eine Absage eingetroffen ist, gilt als verhaltensauffällig. Enttäuschungen sind in unseren Breitengraden kein Grund, um Geld auszugeben. Die meisten verfügen über eine innere Belohnungsbehörde. Bei Misserfolg muss sie unverzüglich der Strafbehörde die Führung überlassen: Sie sorgt dafür, dass bei einem negativen Ereignis das aufsteigende Leiden anhält. Das ist paradox. Denn verliert eine Freundin oder ein Freund die Stelle, steht man tröstend zu Seite. Bricht die Beziehung auseinander, versucht man, den Betroffenen mit Relativierungen, Ablenkungen und Einladungen aufzuheitern. Andern gegenüber gelingt das leicht, sich selbst gegenüber aber oft nicht.

Herbert Grönemeyer singt in seinem Lied «Selbstmitleid»: «Alle Türen zugeschlagen, (…) keiner kann dich ertragen, du bist einfach ein Nichts (…). Tu dir leid, tu dir leid.» Das Leiden, das die innere Strafbehörde verfügt hat, kippt nämlich früher oder später automatisch in ein Selbstmitleid. Das führt zu Gedanken, dass es allen andern besser geht, dass es alle leichter haben, dass so viele unverdient erfolgreich sind. Eine Abwärtsspirale wird in Gang gesetzt, das empfundene Leiden verstärkt sich, oft überproportional. Das Selbstmitleid führt zum Grübeln, zum Bohren in der schmerzenden Wunde und schliesslich zu einem Erlahmen im Leiden.

Nicht bei einem Erfolg soll auf die Pauke geschlagen werden, dann ist man ohnehin in Hochstimmung, sondern bei einem Misserfolg, bei einer Enttäuschung. Mitgefühl statt Leiden, das zu Selbstmitleid führt. Mitgefühl besteht darin, sich bei einem Schlag auf den Kopf etwas zu gönnen – leidenschaftlich. Ein gemeinsames Bier in der Bar, ein Kinoabend und, warum nicht, ein Paar neue Schuhe. Und das leidenschaftlich geniessen, trotz Schicksalsschlag. Mitgefühl ist ein Verbünden mit sich selbst, ein Tatbeweis, dass man zu sich hält, dass man das negative Ereignis durchsteht. Dies verändert die Perspektiven: Das Ausmass des Misserfolgs erscheint kleiner und Lösungsmöglichkeiten entfalten sich.

Anton Ladner