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Milch Küh
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7000 Kilogramm Milch produziert im Schnitt eine Schweizer Kuh. Das ist eine Höchstleistung, die auch Verschleiss bedeutet. Geht das auf Kosten ihrer Lebenserwartung?

von Renate Hodel

Zur grossen Mehrheit gehören sie nicht – aber es gibt sie, die alten Kühe: Luzia und Lotti wurden 15 Jahre alt. Die Diskussion rund um die Lebenserwartung von Milchkühen ist schwierig und ganz sicher nicht Schwarz und Weiss. Bei Kühen, die als Nutztiere gehalten werden, muss man zwischen der natürlichen Lebenserwartung und der – zugegebenermassen wenig schmeichelhaft klingenden – Nutzungsdauer unterscheiden. 

Die natürliche Lebenserwartung von Kühen ist das Alter, das sie erreichen könnten, wenn sie nicht landwirtschaftlich genutzt würden. Mit Betonung auf könnten: Vor Krankheiten und Unfällen sind auch nicht landwirtschaftlich genutzte Kühe nicht gefeit – zudem hängt die Lebenserwartung von Kühen auch stark von der Rasse, der Pflege, der Haltung und der Fütterung der Tiere ab. Unter besten Bedingungen gehalten, hat eine Kuh eine natürliche Lebenserwartung von 20 bis sogar 25 Jahren. 

Zur Produktion genutzte Nutztiere erreichen die natürliche Lebenserwartung in der Regel nicht. Bei diesen Tieren ist die Nutzungsdauer ausschlaggebend: Bei einer Milchkuh beginnt die Nutzungsdauer nach dem ersten Abkalben und dauert, bis sie schliesslich aus dem Produktionsprozess ausscheidet und in der Regel beim Metzger landet. Die sogenannte Nutzungsdauer – und damit die Lebenserwartung von Milchkühen – liegt in der für sie bestimmten Nutzungsform entsprechend deutlich niedriger als die natürliche maximale Lebenserwartung. Der Alterszentralwert oder -medianwert lag bei Schweizer Milchkühen in den letzten zehn Jahren bei fünfeinhalb bis etwas über sechs Jahre. Dies geht aus der Zahlenabbildung «Alter von Kühen bei der Schlachtung nach Nutzungsart» der Identitas AG hervor. Die Auswertung erfolgte mit den Daten aller in der Schweiz in der Tierverkehrsdatenbank per Stichtag 28. Februar 2021 registrierten Milchrassen-Kühe, für die eine Schlachtungsmeldung vorlag. 

Abhängig von der Rasse
2020 lag der Medianwert bei den geschlachteten Kühen mit Nutzungsart Milchkuh bei 5,9 Jahren. Bei den im Jahr 2020 geschlachteten Kühen wies das oberste Quartil – 25 Prozent aller Milchkühe – bei der Schlachtung ein Alter von mindestens 92 Monaten auf – ein Viertel der Kühe war also mindestens 7,6 Jahre alt – das unterste Quartil zeigte einen Maximalwert von 54 Monaten oder 4,5 Jahren. Minimum und Maximum lagen im Jahr 2020 bei 20 respektive 149 Monaten.

Wie alt eine Milchkuh wird, ist aber auch rassenabhängig: Die Holstein-Rasse hat generell eine etwas tiefere Lebenserwartung als beispielsweise Braunvieh oder Swiss Fleckvieh.

Milch Kuh
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Trotzdem erreichten laut Eric Barras von der Organisation Holstein Switzerland die Schweizer Holstein-Milchkühe 2020 ein Durchschnittsalter von 5,9 Jahren. Die Nutzungsdauer beträgt durchschnittlich gut 3,5 Jahre. Das Durchschnittsalter der Holstein-Kühe in der Schweiz blieb in den letzten zehn Jahren konstant.

Von den typischen Milchrassen in der Schweiz gehört das Braunvieh zu den Rassen, die eine der längsten Nutzungsdauern und damit Lebenserwartung haben. Beim Verband Braunvieh Schweiz liegen aktuell bereinigte Daten zur Nutzungsdauer bis 2018 vor: Dabei wurden Abgänge aus dem Herdebuch ohne Schlachtung herauskorrigiert. «Die Braunvieh-Kühe hatten 2018 eine durchschnittliche Nutzungsdauer von gut vier Jahren», erklärt Martin Rust, Verbandsvizedirektor und Fachbereichsleiter Zucht. Das Erstkalbealter lag bei durchschnittlich 31,8 Monaten – das heisst, Braunvieh-Milchkühe hatten 2018 eine durchschnittliche Lebenserwartung von 6,7 Jahren. Die durchschnittliche Nutzungsdauer und damit die durchschnittliche Lebenserwartung beim Schweizer Braunvieh haben sich in den letzten Jahren erfreulicherweise auch leicht gesteigert. Weder die Zahlen von Holstein Switzerland noch die Zahlen vom Braunvieh-Verband sind allerdings direkt mit den Zahlen aus der Tierstatistik vergleichbar, da die Datengrundlage und -auswertung anders sind. 

Kürzeres Leben in Deutschland
Ein Blick ins benachbarte Ausland nach Deutschland zeigt: Schweizer Milchkühe werden tendenziell älter als ihre ausländischen Nachbarinnen. Laut dem Deutschen Bauernverband werden die deutschen Milchkühe im Durchschnitt 4,5 Jahre alt. Diese Zahl beruht auf den Jahresberichten der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter. Allerdings sind rund 60 Prozent der in Deutschland gehaltenen Milchkühe der Rasse Holstein-Friesian zugehörig und diese werden durchschnittlich etwas weniger alt als die deutschen Fleckvieh-Milchkühe, die durchschnittlich 4,9 Jahre alt werden und ein Viertel der deutschen Milchkuh-Population ausmachen.
 

Wie eingangs erwähnt, erbringen Milchkühe Höchstleistungen. Mit einer durchschnittlichen jährlichen Milchleistung von knapp 7000 Kilogramm gibt die Schweizer Milchkuh jeden Tag rund 20 Kilogramm Milch. Eigentlich würde sie aber sogar noch mehr schaffen – rund 25 Liter pro Tag sind bei einer gesunden und fitten Kuh möglich. Das Leistungsoptimum wird aber erst in der dritten bis fünften Laktationsperiode erreicht, also wenn eine Kuh drei- bis fünfmal abgekalbt hat. Die meisten «Milch-Profisportlerinnen» werden somit aus dem Verkehr gezogen, bevor sie ihr volles Leistungsvermögen ausschöpfen konnten. 

Je älter eine Kuh wird, desto wirtschaftlicher und gewinnbringender ist sie. Es ist deshalb den Landwirtinnen und Landwirten ein Anliegen, dass ihre Kühe möglichst lange leben. Allerdings wird eine Milchkuh mit zunehmender Leistungssteigerung auch anspruchsvoller in der Haltung, anfälliger für Krankheiten, und der Betreuungsaufwand wird höher. Zucht, Haltung, Fütterung, Hygiene, Management und weitere Voraussetzungen spielen eine Rolle. Gerät auch nur ein Aspekt leicht aus dem Gleichgewicht, macht das die Kuh anfällig für Krankheiten. Über zwei Drittel sind darum unfreiwillige und krankheitsbedingte Abgänge – die häufigsten Abgangsursachen bei Milchkühen sind Fruchtbarkeitsstörungen und Euterkrankheiten. 

Unter anderem mit einer besseren und robusteren Zucht versuchen Landwirtinnen und Landwirte zu frühe Abgänge zu vermeiden: Es wird nicht mehr nur auf Leistung, sondern auch auf Fitness gezüchtet. Doch auch durch stark verbesserte Fitnessmerkmale konnte die Nutzungsdauer von Milchkühen bisher nicht signifikant verlängert werden. Auf rein züchterischem Weg können Kühe das entsprechende Alter für ihr Leistungsoptimum also nicht erreichen. Deshalb wird auch bei der Fütterung weiter geforscht und die Haltungsbedingungen werden, wo möglich, nachhaltig optimiert. «Management und Kuhkomfort haben sehr viel Einfluss auf die Kühe», sagt auch Daniel Seematter, Präsident der IG Swiss Fleckvieh. «In der aktuellen Agrarpolitik rund um die Diskussion der CO2-Ausstösse ist eine langlebige Kuh sicher auch der richtige Weg. Bei Swiss Fleckvieh sind wir deshalb bestrebt, auf langlebige Kühe zu setzen.» Mit Zucht, Tierhaltung und Ernährung sollen also die Leistungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit der Profisportlerin Milchkuh verbessert werden. 

Dieser Text ist zuvor auf der Plattform des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes erschienen. 

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