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Der offizielle Landespatron von Südtirol ist der heilige Josef. Der inoffizielle heisst Reinhold Messner, denn der Extrembergsteiger hat Südtirol mit seinen sechs Museen stark geprägt. Der Bau der Architektin Zaha Hadid auf Brunecks Hausberg Corones komplettiert sein umfassendes Museumsprojekt und eröffnet gleichzeitig eine neue Zukunft für Bergstationen. Einmal mehr ist Reinhold Messner Pionier. Im Februar tourt er durch die Schweiz.

von Anton Ladner

Die Bedeutung von Reinhold Messner erschliesst sich erst in Südtirol umfassend – in der Heimat des 74-Jährigen. Er ist der erste Mensch, der den Mount Everest und alle 14 Achttausender ohne Sauerstoff aus der Flasche bestiegen hat. Aber er hat auch die Antarktis, Grönland und die Wüste Gobi durchquert. Sieben Zehen musste er für seine Abenteuerbegeisterung opfern. Ein Mann der Extreme, zweifellos. Das setzt natürlich eine grosse Hartnäckigkeit voraus. In Südtirol nennt man sie Sturheit. Was sich Messner vornimmt, das realisiert er, wie das Projekt Messner Mountain Museum (MMM) klar dokumentiert. Die Idee, im Schloss Sigmundskron bei Bozen, ein Museum einzurichten, hatte Messner schon in den 1990er-Jahren. Die Burg hat in der Südtiroler Geschichte eine grosse Bedeutung: Von hier aus begann 1957 die Bewegung für eine autonome Verwaltung in Südtirol. Entsprechend gross war die Opposition gegen Messners Vorhaben, diese historischen Mauern umzufunktionieren, obschon die älteste Burg der Region damals nur noch eine Ruine war. Messner gab aber nicht auf. Er realisierte an der Peripherie von Südtirol kleine Museen. Was auf Sigmundskron nicht sein durfte, verteilte er auf Satelliten, wie er die kleinen Museen nannte. 2004 waren zwei Museen realisiert, zwei weitere waren in Nordtirol und im Trentino in Planung. Doch dann kam die Wende. Die Reaktivierung von Schloss Sigmundskron wurde in einem europaweiten Wettbewerb ausgeschrieben, allerdings so, dass eigentlich nur Messner als Gewinner hervorgehen konnte. Heute ist das Museum Firmian das Herzstück seines MMM-Projekts. Der Schwerpunkt liegt auf der Auseinandersetzung des Menschen mit dem Berg. Wege, Treppen und Türme führen Besucher aus der Tiefe der Gebirge, wo Entstehung, Verwitterung und Ausbeutung der Berge nachvollziehbar werden, über die religiöse Bedeutung der Gipfel bis hin zur Geschichte des alpinen Tourismus. Das Schloss, in dem Messner jeweils den Sommer verbringt, ist somit das Zentrum der fünf Satelliten mit den Themen Eis, heilige Berge, Felsklettern, Bergvölker, traditioneller Alpinismus. Mit dem Neubau der aus dem Irak stammenden britischen Architektin Zaha Hadid auf Messners Hausberg Kronplatz (Corones) auf 2275 Meter fand sein Konzept 2015 die Vollendung, aber auch eine neue Zukunft. Das Projekt MMM liegt nämlich heute in den Händen seiner Tochter Magdalena, die für die Konzeption verantwortlich zeichnet.

Das futuristisch anmutende Museum MMM Corones spiegelt die Seele von Messner: Es ist auf die Dolomiten ausgerichtet, für Messner das Schönste der Bergwelt. Und der Standort ist für Messner das «grossartigste Aussichtsplateau Südtirols». Es bietet eine Panoramasicht von den Lienzer Dolomiten im Osten bis zum Ortler im Westen, von der Marmolada im Süden bis zu den Zillertalern im Norden. Alle diese Massive waren für Messner lebensprägend.
«Im Museum spiegeln sich die Welten meiner Kindheit – die Gseilerspitzen, der Mittelpfeiler am Heiligkreuzkofel, die schwierigste Kletterei meines Lebens, die vergletscherten Granitberge über dem Ahrntal», so Messner. Die Gestaltung der Ausstellung erwies sich im MMM Corones allerdings als schwieriges Unterfangen. Zaha Hadid wollte die Linien ihrer Architektur nicht durch Ausstellungsvitrinen unterbrochen sehen. Das Haus ist im wahrsten Sinne des Wortes ein architektonisches Erlebnis. Solche Erfahrungen sind in der Regel nur in grossen, Städten möglich, die die Finanzierung für das Engagement von Stararchitekten aufbringen können. Zaha Hadid, die im März 2016 verstorben ist, hatte allerdings eine Schwäche für Bergprojekte. Sie realisierte auch die spektakuläre Sprungschanze Bergisel in Innsbruck, die 2003 eröffnet wurde.

Mit dem MMM Corones hat Messner an einem weiteren sehr symbolträchtigen Ort Südtirols seine Spuren hinterlassen. Der Berg, der aufgrund seiner Form auch Panettone genannt wird, bietet Skipisten auf allen Seiten und wurde 2018 zum «Best Ski Resort» gekürt. 2016 ging die Auszeichnung an Zermatt.
Das Städtchen Bruneck liegt am Fuss des Corones und wirkt in seiner Ausrichtung rund um die Burg sehr malerisch. Das Schloss Bruneck beherbergt Messners Museum Ripa, das dem Erbe der Berge gewidmet ist. Es dokumentiert, wie die Bergvölker während Jahrtausenden ihr Überleben sichern konnten. Was viele nicht wissen: Messner hat von seinen Bergbesteigungen grosse Mengen an Geschenken, Erinnerungsstücken und Akquisitionen nach Südtirol gebracht. «Mein 15. Achttausender ist die Summe all meiner Erfahrungen», sagt Messner und meint damit sein Museumsprojekt MMM.

Zurück zum MMM Corones. «Dieser Rückzugsraum öffnet alle menschlichen Sinne für das Darüber und Dahinter», so Messner. «Die Berge werden zum Erfahrungsraum, Teil unserer Kultur. Im Geistesflug über alle Gipfel hinweg gilt es, sie neu wahrzunehmen.» Damit verweist Messner auf ein bisher nur auf dem Kronplatz exemplarisch realisiertes Potenzial von Bergstationen im Winter: Kultur auf dem Gipfel. Die allermeisten Bergstationen in den Alpen verfügen über Restaurants, die oft aus Selfservices bestehen. Scheint die Wintersonne, lädt eine Terrasse zum Verweilen ein. Ansonsten gilt, Skier an und Berg runter.

Dass es auch anders geht, ist heute auf dem Kronplatz erlebbar. Nach dem Bau des spektakulären MMM Corones, das tatsächlich die Bergwelt in einer neuen sinnlichen Qualität erlebbar macht, wurde auch die alte Bergstation der Seilbahn in das Fotomuseum Lumen umgebaut, das vergangenen Dezember eröffnet wurde. Das wohl einzige Fotomuseum, das Besucher in Skischuhen akzeptiert, hat eine Sogwirkung. Man verweilt länger, als man sich vorgenommen hat, was in der herausragenden Art von Gestaltung und Ausstellungskonzept liegt. Auf einer Ausstellungsfläche von 1800 Quadratmetern wird auf vier Stockwerken die faszinierende Geschichte der Bergfotografie erlebbar. Mit den grossartigen Arbeiten in fantastischen Räumen hätte Lumen in jeder Hauptstadt eine starke Ausstrahlung. Aber Lumen steht am Gipfel des Kronplatzes. Kultur auf dem Berg ist ein völlig neuartiges Konzept. Die Südtiroler eröffnen mit MMM Corones und Lumen eine neue Dimension des Skisports. Bergspitzen verdienen tatsächlich mehr als einen Zwischenhalt für einen WC-Besuch oder für ein warmes Getränk in einer wenig inspirierenden Umgebung. Nur wenn die Sonne scheint und der Wind erträglich ist, findet vielleicht eine sinnliche Auseinandersetzung mit der Umgebung und der Aussicht statt. Mit dem neuen Angebot auf dem Kronplatz ändert sich das radikal. Die Bergstation wird zu einer neuen Erlebniswelt. Der zeitliche und finanzielle Aufwand, um auf den Berg zu gelangen, kann mit Kultur veredelt werden. Der Skisport, der wohl zunehmend auf Kompaktschnee stattfinden wird, erhält dadurch eine neue Dimension. Das im Lumen integrierte Restaurant AlpiNN ist in einem auskragenden Anbau untergebracht, und der Name steht für Alpen Norbert Niederkofler. Im lichtdurchfluteten Restaurant mit einer 270-Grad-Aussicht wurde die Decke mit Lodenstoff ausgekleidet, der in Bruneck gewoben wird, was dem Raum eine Wärme im finnischen Stil verleiht. Das Bergrestaurant serviert Gerichte, die Nobert Niederkofler kreiert hat. Sein Restaurant St. Hubertus im Hotel Rosa Alpina in St. Kassian ist seit 2018 mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Im AlpiNN empfängt seine Frau, die in Bruneck aufgewachsene Schauspielerin Christine Lasta, die Gäste. «Wir bieten hier keine Sterne-Küche, aber wir kochen mit dem Sternekönnen regional und saisonal. Wintergemüse aus der Gegend lässt sich sehr gut einlagern, was heute viele vergessen haben.» Kurz danach umarmt Karl Baumgartner die Schauspielerin. Der Südtiroler betreibt das Restaurant Schöneck in Pfalzen, das seit vielen Jahren mit einem Michelin-Stern bewertet ist: «Wir halten im Südtirol zusammen und sehen uns nicht als Konkurrenten», sagt Baumgartner. In Südtirol vereinigen sich 27 Michelin-Sterne auf 20 Restaurant, was für Italien eine einmalige Dichte darstellt. Zum Vergleich: In Rom – mit einer Bevölkerung von 2,8 Millionen Menschen – haben fünf Restaurants insgesamt acht Michelin-Sterne. Mir nur 520 000 Einwohnern bringt Südtirol immer wieder erstaunliche Leistungen hervor – auch ohne Reinhold Messner.

Messner Mountain Museum
Das Projekt MMM besteht aus dem Museum Firmian in Bozen, dem Museum Dolomites in einem Fort auf dem Monte Rite, dem Museum Juval im Privatschloss von Messner in Kastelbell, dem Museum Ripa auf Schloss Bruneck, dem Museum Ortles am Ortler auf 1900 Metern und aus dem Museum Corones auf dem Kronplatz.

Messner in der Schweiz
Im Rahmen der Tournee «Reinhold Messner Live-Tour» mit Multivisionsvorträgen «ÜberLeben, Wild & Weltberge» ist Messner am 17. Februar im Kuk in Aarau und am 18. Februar im Volkshaus in Zürich zu sehen.