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Sind die Pandemie-Massnahmen dieses Sommers Katalysator für einen längst fälligen Modernisierungsschub im Kulturbetrieb oder Todesstoss für ein Kulturschaffen abseits staatlicher Subventionierung und ausserhalb globaler Vermarktungsketten? Eine Bestandsaufnahme.

von John Micelli

«Oper trotzt Corona». Die Staatsoper Stuttgart reagierte schnell: Musikerinnen und Musiker spielten in sogenannten 1-zu-1-Konzerten für eine Hörerin oder einen Hörer, «eine ungewöhnliche, aber für beide Seiten intensive Erfahrung, die Nähe trotz Distanz ermöglicht». Sie spielte «Die Zauberflöte» im Autokino und schickte den Staatsopernchor zusammen mit dem Publikum auf einen Spaziergang. Und sie brachte Igor Strawinskys «Histoire du soldat» auf dem «Operntruck» – eine mobile Bühne – unters Volk. Denn «Die Geschichte vom Soldaten», die der Russe Strawinsky – einer der bedeutendsten Vertreter der «Neuen Musik» – 1917 zusammen mit dem Waadtländer Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz im Schweizer Exil geschaffen hatte, entstand unter durchaus mit der Aktualität vergleichbaren Bedingungen: «Grenzen wurden geschlossen, die Freizügigkeit einer kosmopolitischen europäischen Gesellschaft eingeschränkt, Teile des öffentlichen Lebens bis auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Künstlerinnen und Künstler verloren den Kontakt zueinander, Möglichkeiten der Produktion wurden beschnitten, ohne Einnahmen und ohne Publikum war Kunst kaum möglich», beschreibt der Stuttgarter Dramaturg Franz-Erdmann Meyer-Herder die Situation während des Ersten Weltkriegs. Für sein Musiktheater reduzierte Strawinsky deshalb den teilweise gigantischen Orchesterapparat seiner früheren Kompositionen auf ein siebenköpfiges Ensemble, das Werk war der Not gehorchend zur Aufführung auf Jahrmarktsbühnen vorgesehen. Ideale Voraussetzungen also, das Stück gut 100 Jahre später im Corona-Sommer wieder aufzunehmen.

Opernhaus vs. Clubkultur

Der Dirigent und Generalmusikdirektor der Staatsoper Cornelius Meister ist begeistert von der Kreativität, die an seinem Haus durch die Krise freigesetzt wurde: «Wir arbeiten unter anderen Bedingungen und mit anderen Mitteln als vor einem halben Jahr», erklärt er im Interview mit dem Tagesspiegel. «Aber das macht ja nichts. Wir können jetzt neue Formen erproben, künstlerische Projekte realisieren, die zwar theoretisch immer möglich waren, zu denen es aber nie kam, weil die Konzertreihen immer nach demselben Schema geplant wurden.» Die Berliner Tageszeitung allerdings gibt zu bedenken, dass derart unbeschwert nur jemand schwärmen könne, der sich um die finanzielle Seite seiner Aktivitäten keine Sorgen machen müsse, «denn eigentlich sind grosse Orchester dazu da, grosse sinfonische Partituren vor einem möglichst grossen Publikum aufzuführen. Damit die in sie investierten Steuergelder sinnvoll genutzt werden.» Eines nämlich ist klar: Auch die Experimente, die neuen Formen, die künstlerischen Projekte – sie kosten Geld. Geld, das im Moment privaten Anbietern und Kleinbetrieben vielfach fehlt. Im Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit macht die Wiener Soziologin Michaela Pfadenhauer in der Krise denn auch eine «vermeintliche Rückkehr zu alten Werten» aus, eine Neuauflage der Epoche des Biedermeier, «geprägt von Häuslichkeit und einer Freude an Genuss und Idylle»: «Man sagt es zwar nicht laut, aber die Grundhaltung ist: Erst wenn wir gar keine Probleme mehr haben, beschäftigen wir uns mit der Frage, ob Leute wieder in den Clubs Spass haben sollten.»

Branche im Umbruch

Diese Beurteilung Pfadenhauers allerdings will der selbstständige Kultur- und Eventmanager Gaetano Florio aus Basel so nicht unterschreiben und verweist auf die seit längerer Zeit – also nicht erst seit Corona – andauernde und teilweise kontrovers geführte Grundsatzdebatte über die Kulturfinanzierung, der Gegensatz von sogenannter «etablierter» und «freier» Kultur. Seiner Meinung nach sind die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für den subventionierten Kulturbetrieb noch nicht absehbar – und werden sicherlich auch staatlich geförderte Kulturbetriebe in den nächsten Jahren im Nachgang der Krise und unter dem Druck schwindender Steuereinnahmen einer Prüfung ihrer Angebote unterzogen. Aber auch Florio weiss von kreativen und innovativen Ansätzen der Branche, um den Herausforderungen dieses besonderen Sommers, der sich in nichts mit dem Sommer 2019 vergleichen lasse, zu begegnen. Vielfach aber seien diese Projekte am mangelnden Interesse der Adressaten gescheitert oder hätten den Reiz des Neuen für das Publikum – trotz des bisweilen beträchtlichen technischen Aufwandes beispielsweise für Livestreams von Konzerten oder Theateraufführungen – schon nach kurzer Zeit wieder verloren: «Ein Theaterabend zu Hause vor dem Fernseher kann den Besuch im Schauspielhaus halt doch nicht ersetzen.» Für die Branche selbst aber blieb in diesem Sommer – die Jahreszeit, in der in der Schweiz in normalen Jahren ein Wochenende ohne Freilichttheater, Musik- oder Filmfestival unvorstellbar ist – kein Stein auf dem anderen. «Die Krise hat die Abläufe im Kulturbetrieb komplett infrage gestellt und noch immer fehlt uns Planungssicherheit für Veranstaltungen in naher Zukunft», erklärt Gaetano Florio, der diesen Sommer aufgrund der Unsicherheit und der Notwendigkeit, Schutzkonzepte zu erarbeiten und umzusetzen, eher mehr gearbeitet hat als in anderen Jahren, obwohl das Auftragsvolumen – und damit die Einnahmen – um geschätzte 80 Prozent zurückgegangen sei: «Spurlos wird die Krise nicht an uns vorübergehen. Es werden Betriebe in Konkurs gehen. Institutionen werden schliessen müssen. Nur schon aufgrund fehlenden Steuersubstrates werden die Kantone ihre Ausgaben in allen Bereichen herunterfahren müssen: Soziales, Bildung, Infrastruktur – und natürlich Kultur. Das wird Folgen haben, an die wir jetzt noch gar nicht denken oder abschätzen können», gibt der Projekt- und Produktionsleiter zu bedenken. Den Geschmack des Publikums aber scheint Corona nicht nachhaltig verändert zu haben.

Wie weiter nach der Pandemie?

Für die fehlende Euphorie des Publikums macht Redaktor Manuel Burg von der Tageszeitung Die Welt den mangelnden Mut der Künstlerinnen und Künstler verantwortlich. Burg blickt 100 Jahre zurück: «Da war der Erste Weltkrieg vorbei, die Spanische Grippe, das wissen wir jetzt wieder, forderte weitere Millionen Tote. Aber mehr noch: Eine Gesellschaftsordnung war umgestossen, weggeputzt, Europa diverser Monarchien beraubt. Demokratie, Sozialismus, Kommunismus – alles war ein sehr realer Experimentierbaukasten. Und die Künste, damals vorneweg, suchten das Neue, Radikale, Noch-nie-Dagewesene.» Aber: «COVID-19 hat, man kann das gut oder schlecht finden, bis jetzt künstlerisch nichts zerstört und verändert. Manches wird gehen oder geschlossen bleiben. Aber umstürzlerisch Neues hat das Virus bisher nicht hervorgebracht. Sicher, es ist zu früh, danach zu rufen. Aber man sieht auch keine Zeichen an dem Flipchart oder auf der Denkerstirn», führt der Kulturjournalist aus und begründet damit seine Kritik am grosszügigen Kulturförderungssystem Deutschlands. Auch die Schweiz hat zu Beginn der Krise grosszügig Gelder gesprochen: Im März kündigte das Bundesamt für Kultur ein Hilfspaket für Kulturschaffende von 280 Millionen Franken an. Drei Monate später aber kann der Direktor der Pro Helvetia im Interview mit dem Schweizer Fernsehen nur bedauern, dass das Geld noch nicht bei den freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern angekommen ist: «Es tut mir wahnsinnig leid, dass viele warten müssen», gibt Philippe Bischof zu Protokoll und führt die Verzögerungen auf strukturelle Gründe zurück: «Wir sind nicht in einem zentralistischen, sondern in einem föderalistischen System. Die verschiedenen Massnahmen, die ergriffen wurden, sind eingebunden ins schweizerische Sozialversicherungssystem. Das kann man nicht einfach aufheben, selbst in einer Notlage nicht. Ich finde es auch richtig, dass man keinen Ausnahmezustand schafft.» Bischoff befürchtet aber, dass es ohne entsprechende Massnahmen zu einer «Flurbereinigung» kommen könnte, und ist überzeugt, dass Massnahmen bis weit in das Jahr 2021 nötig sein würden: «Die Krise hat wie eine Lupe die prekäre Situation von freischaffenden Künstlern gezeigt. Das ist die traurige Bilanz. Im Moment können wir uns nur mit COVID-19 und den Folgen beschäftigen. Aber sobald wir wieder eine Art Normalität haben, muss man die soziale Sicherung von Kulturschaffenden verbessern.»

Kultur für die Zukunft

«Die Gesellschaft hat ein Grundbedürfnis nach Kultur und ein Recht darauf», erklärt Dirigent Cornelius Meister seinen Aktivismus und den des von ihm geführten Stuttgarter Hauses während des Lockdown. Auch Pro Helvetia-Direktor Bischof stellt mit Bezug auf Saläre für vergängliche, nicht verkaufbare – also beispielsweise performative, installative – Kunst die Frage: «Will man sich das leisten als Gesellschaft?» und ist selbst der Meinung: «unbedingt!» In den vier Szenarien, die der Thinktank «Zukunftsinstitut» für eine Zeit nach der Pandemie entworfen hat, spielt Kultur allerdings nur noch eine marginale Rolle: In der positivsten Variante der Prognosen der Frankfurter Trendforscher finden Kunst und Kultur noch in der «Virtual Reality» statt, im ungünstigsten Fall käme das öffentliche kulturelle Leben fast komplett zum Erliegen. Das aber wäre ein herber Verlust nicht nur für die Branche, die diesen Sommer bewiesen hat, dass sie zwar nicht permanent das Rad neu erfindet, aber auch nicht aus dem Elfenbeinturm für die Nachwelt produziert, sondern im aktuellen Geschehen verwurzelt trotz ausbleibender Einnahmen mit Fantasie auf die Umstände und die Bedürfnisse der Kundinnen und Konsumenten reagiert. Ein «Konkurs» des Kulturbetriebs wäre auch ein Verlust für die Gesellschaft als Ganzes: «Der Begriff Kultur wird ja heute recht inflationär gebraucht – man spricht von Arbeitskultur, von Esskultur oder Kommunikationskultur – aber sie ist in jeder Form identitätsstiftend», sagt Kulturmanager Florio und gibt seiner Sorge Ausdruck, dass sich die Identitätssuche einer Gesellschaft nach einem Niedergang des Kulturbetriebs andere Ausdrucksformen suchen könnte: «Und das, das wissen wir aus der Geschichte, kann negative Folgen haben.»

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