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Mögen Sie in interessanten Zeiten leben! So lautet das Thema der 58. Biennale in Venedig, die Mitte Mai eröffnet wurde und bis Ende November dauert. Sie bietet Einblick in das Kunstschaffen in den verschiedenen Nationen. Die Hauptausstellungen der 79 Künstlerinnen und Künstler sind in freistehenden Länderpavillons in den Giardini della Biennale und in einem Komplex einer ehemaligen Werft, im Arsenale, zu sehen. Ein Blick auf einige Werke mit viel Aussagekraft.

von Carl Meissen

Der zuständige Kurator für die 58. Biennale, Ralph Rugoff, hat 79 Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, die das Thema alternative Fakten, die Zeit nach der Wahrheit, bearbeitet haben. «In einer Zeit, in der die digitale Verbreitung gefälschter Meldungen und alternativer Fakten den politischen Diskurs und das Vertrauen, von dem dieser abhängt, zersetzt, sollten wir innehalten, wann immer dies möglich ist, um unsere Aufgabenstellung zu überdenken», erklärt er den Geist der Internationalen Kunstaustellung. Die Biennale werfe deshalb einen besonderen Blick auf die soziale Funktion von Kunst, die sowohl Freude als auch kritisches Denken umfasse, so der amerikanische Kurator Rugoff.

ARTHUR JAFA, DAS WEISSE ALBUM
Der Goldene Löwe für den besten Teilnehmer der Internationalen Ausstellung ging an den Amerikaner Arthur Jafa für sein Video «Das weisse Album». Er hat als Cinematographer in Hollywood, aber auch als Autor und Musiker gearbeitet und thematisiert in Venedig den Rassismus in den USA. Sein Video zeigt bewaffnete weisse Männer, Szenen von Polizeigewalt, kombiniert mit Musikvideos schwarzer Künstler. Kommentatoren meinten, Jafa sei nicht für diese Arbeit ausgezeichnet worden, sondern für sein Engagement gegen den Rassismus, der in den USA unter US-Präsident Donald Trump wieder aufflammte. Jafa zeigt in Venedig auch Skulpturen im Arsenale aus Monstertruck-Reifen, die in Ketten liegen. Er will damit die Erfahrungen nichtweisser Menschen sichtbar machen.

LITAUISCHER PAVILLON, SONNE & MEER
Im litauischen Pavillon herrscht Hochsommer am Strand. Die Indoor-Strandinstallation dreier Künstler wurde mit dem Goldenen Löwen als bester nationaler Pavillon ausgezeichnet. Die Strandsituation zeigt, wie eine Gruppe harmloser Urlauber einen Tag am Wasser verbringt. Aber so harmlos sind die Sonnenbadenden nicht. Sie sind Sängerinnen und Sänger, die wie in der Oper die Schwierigkeiten und das Leiden des modernen Lebens beklagen. Sie singen von der ökologischen Katastrophe oder von den ausgebeuteten Textilarbeiterinnen, die ihre Bikinis in Serie zu miserablen Löhnen produziert haben. Was am Anfang lustig erscheint, wird zum nachdenklichen Strandausflug, der die wahren Kosten des angenehmen Tages vor Augen führt.

PAULINE BOUDRY UND RENATE LORENZ, ZURÜCK BEWEGEN
Das Künstlerinnenduo zeigt im Schweizer Pavillon eine filmische Installation, die Rückwärtsbewegungen darstellen. Was figürlich gezeigt wird, hat eine politische Aussage. Die Welt bewegt sich rückwärts: Demokratieschwund, Spannungen zwischen den Weltmächten und Konsensverlust. Die Lausannerin und die Berlinerin arbeitenseit 2017 zusammen. Präsent ist auch der Schweizer Künstler Christoph Büchel. Er zeigt im Arsenaledie Barca Nostra, das Wrack eines Flüchtlingsschiffs, das vor vier Jahren in Siziliengesunken ist und über 800 Menschen das Leben gekostet hat. Nach der Biennale wird das Schiff in Sizilienals «Garten des Gedenkens» aufgestellt.

SUN YUAN UND PENG YU, KANN MIR NICHT HELFEN
Das wohl bedrohlichste Werk der Biennale haben Sun Yuan und Peng Yu aus Peking im Auftrag des Guggenheim Museums geschaffen. Ein Roboter, der blutrote Flüssigkeiten hin und her wischt. Ohne Pause wird die rote Flüssigkeit in der Gegend umhergeschoben. Statt sie wegzuwischen, entsteht aber immer wieder von neuem eine «Sauerei». Das künstliche Blut klatscht gegen die Scheibe, die den Roboterarm umschliesst. Die Installation hat eine klare Botschaft: Gewalt lässt sich nicht wegwischen, sie entsteht immer wieder neu. Wenn dort kein Blut mehr fliesst, beginnt es gegenüber zu fliessen.

LAURE PROUVOST, TIEF BLAUES MEER UMGIBT DICH
Laure Prouvost, die 2013 den Turner-Preis gewann, zwingt die Besucher durch ein Loch in den französischen Pavillon: Im Inneren sind filmische Elemente zu sehen – eine prächtige Meereslandschaft, eine Opernaufführung. Aber irgendwie scheint das alles nicht so ganz zu stimmen. Denn Laure Prouvost ist eine Meisterin der Irreführung und Dissimulation, indem sie eine Mischung aus Kino- und iPhone-Material verwendet, um eine fast echte, aber eben doch künstliche Welt zu vermitteln. Ihre Installation ist ein Plädoyer dafür, die Gültigkeit des Gesehenen zu hinterfragen. Was wir mit unseren Augen sehen, ist im Zeithalter von Facebook und Instagram schon lange nicht mehr die Wahrheit, obschon man das immer wieder meint.

TAVARES STRACHAN, ROBERT
In der Dunkelheit verfolgen die Neonlichter das Kreislaufsystem eines Menschen, der wie ein toter Astronaut im Weltraum schwebt. Das Kunstwerk erinnert an Robert Henry Lawrence, an den ersten afroamerikanischen Astronauten, der es nie ins Weltall schaffte, weil er 1967 bei einem Trainingsunfall ums Leben kam. In der Geschichte der amerikanischen Raumfahrt ist er weitgehend ignoriert geblieben. Deshalb hängt an der Wand ein Nachruf, der den Rassismus offenbart, der sich auch noch nach dem Tod des Astronauten gegen ihn richtete.Tavares Strachan wirft mit seiner Installation ein Licht auf den vergessenen Raumfahrer und damit auch auf ein unterschwellig rassistisches Menschenbild in den USA.