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Zum 1. August

Ich zähle die Jahre nicht mehr. Es müssen wohl schon zehn Jahre sein, dass ich in dieser Kartonschachtel auf dem Estrich liege. Ja, es ist bitter.

Es war der 1. August 2009, als ich damals stolz durch den Wald getragen wurde. Das imposante Höhenfeuer war durch die Bäume hindurch gut sichtbar und spendete Licht. Eine Kapelle spielte und die Kinder waren voller Stolz mit uns Lampions unterwegs. Ich und meine Schwestern und Cousinen gehörten zu den Begehrtesten, denn die Kinder stritten sich um uns. Alle wollten mit uns an den Lampionumzug. Denn aufgefaltet bilden wir eine herrliche rote Kugel, und unser Schweizerkreuz leuchtet mit einer angezündeten Kerze in der Mitte ganz hell.

Nach dem Umzug gab es Bratwurst vom Grill mit Bürli. Mein Träger, ein Siebenjähriger, verdrückte zwei Bratwürste, und ich leuchtete stolz neben ihm. Ja, seither gammle ich in dieser Kartonschachtel vor mich hin. In der Schweiz schämen sich die Menschen ab einem gewissen Alter, am 1. August Lampions aufzuhängen. Solar-Leuchtketten von Ikea sind heute bei den Erwachsenen angesagt. Natürlich haben die keine Schweizerkreuze, sie sind ja «Made in China».

Apropos China: Meine entfernten Verwandten haben dort ein viel besseres Leben. Lampions sind in China bei Jung und Alt sehr beliebt. Da schämt sich niemand unserer, wie das hier zunehmend der Fall ist. Die Angst, kindlich zu wirken, geht ja heute überall um. Offenbar war das nicht immer so. Früher, so habe ich per Zufall erfahren, dekorierten am 1. August auch Erwachsene ihre Balkone mit Lampions. Das müssen herrliche Zeiten gewesen sein, in einer Reihe mit Geschwistern und Cousins stolz leuchtend zu hängen. Der 1. August wird ja erst seit 1891 als Nationalfeiertag begangen. Viele fanden damals zwar, der 12. September sei präziser, weil die Schweiz am 12. September 1848 eine Verfassung bekam. Zugegeben, das ist ziemlich technisch. Da passt die Gründung der Eidgenossenschaft auf der Rütliwiese mit erhobenen Schwurfingern eindeutig besser zu uns Lampions. Es spielt auch keine Rolle, dass bis ins 19. Jahrhundert der Rütlischwur auf den 8. November 1307 datiert wurde. Erst mit der Wiederentdeckung des Bundesbriefes wurde dieses Datum angezweifelt, denn der Brief war auf Anfang August 1291 datiert. Das ist natürlich für uns Lampions ein Glücksfall. Wer möchte schon in der Schweiz am 8. November mit Lampions auf einem Balkon sitzen?

Aus meiner Sicht spielt das Datum keine Rolle, sondern nur die Freude, die mit einem solchen Tag verbunden ist. Und die ist eindeutig grösser, wenn wir Lampions zum Einsatz kommen. Wer achtsam leben will, schenkt somit uns am 1. August Beachtung und Achtung. Auch schon den eigenen Kindheitserinnerungen zuliebe. Vielleicht werde ich ja an diesem 1. August wieder herausgeholt. Es wäre herrlich, wieder einmal im Duft grillierter Bratwürste leuchten zu können.

Der Papierlampion