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Die Gedanken sind frei

Nie hätte ich gedacht, dass der Tag kommen würde, an dem ich mir Verhaltensvorschriften wünsche. Als dieser Tag eintrifft, sitze ich mit meiner Ukulele auf dem Balkon und spiele «Die Gedanken sind frei» für alle Nachbarn, mit der angemessenen Dringlichkeit, Dramatik und einem Stück Selbstbeweihräucherung. So, wie ich es mag.
Die Fenster bleiben zu. Die Nachbarn bauen ihr Nest für die unbestimmte Zeit in den Höhlen. Sollte ich eigentlich auch tun, praktisch werden. Und sperrt man mich ein …
Sperrt man uns ein, kommen flugs von allen Seiten Tipps, wie diese Zeit auszuhalten, zu überstehen, vielleicht sogar zu geniessen sei, sofern wir gesund bleiben.
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Ganz lieben Dank! Ich schätze es sehr! Doch wieso hyperventiliere ich jetzt? Raus!

Wir schliessen die Tür mittlerweile gekonnt mit den Ellenbogen, packen die Jungs auf die Rückbank und fahren den Kirschbäumen entlang, den Feldern, sichten Milane in einem biblisch stillen Himmel, spielen Wunschkonzert, veranstalten unfaire Wettrennen, die unsere Kinder immer gewinnen. Tun so, als ob, um nicht aus der Ankerung zu kippen. Alles auf Probe? Nein. Die reale Welt spielt in dem Buch, welches auf meinem Nachttisch liegt. Wir sind die, die Schwellen überschreiten.
Die Milane drehen ihre Runden, nie waren es so viele. Mein Sohn fragt, ob alle Menschen die Fähigkeit zur Telepathie besitzen.
«Wer will öppis Gruusigs?» rufe ich und verteile Bonbons, die es locker an die Spitze der Lebensmittelpyramide schaffen. Alle paar Meter verlangen Plakate, wir sollen Menschen aus dem Weg gehen. Wir Spazierenden lächeln uns zu und ich bin mir nicht sicher, ob es ein entschuldigendes Lächeln ist, ich würde Ihnen sonst nicht aus dem Weg gehen, aber es ist auch zu Ihrem Schutz. Ein junges Paar, er trägt das Neugeborene vor dem Bauch, müde gehen sie ihren Weg und ich weiss nicht, ob die Grosseltern das Kindchen halten dürfen.
Ein Teenager in Schlabberhosen sitzt auf einer Gartenmauer, betrachtet düster einen spriessenden Zweig. Was für Fragen er wohl hat?
Noch hat kein Schmetterling unseren Weg gekreuzt. Aber der Wind seines Flügelschlags hat unsere Türen für einen historischen Roman lang geschlossen.
Ich glaube, ja, antworte ich meinem Sohn. Wir besitzen die Fähigkeit zur Telepathie. Zeit, sie für die hoffnungsfrohen Gedanken auszuprobieren. Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten …

Lea Gottheil ist Autorin und schreibt Romane, Gedichte, Theaterstücke, Soloprogramme und Lieder. Als Schauspielerin tritt sie vor Erwachsenen und Kindern auf.