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Über seinen Körper zu verfügen, wie man will, wird als grosse Freiheit verstanden. Doch mit dieser Annahme befindet sich die Vernunft auf dem Holzweg. Es geht nämlich darum, als gereifter Mensch Zugang zum Körper zu finden und Leib zu werden.

von Anton Ladner

Die Sensibilität gegenüber dem eigenen Körper hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Der Freizeitsport wurde zu einer grossen Sache, die richtige Ernährung ist überall ein Thema und auf den Zigarettenschachteln kleben Aufklärungen über die Gefährlichkeit des Rauchens. Das gestiegene Körperbewusstsein brachte auch neue Wirtschaftszweige hervor – von Kosmetikgiganten bis hin zur Schönheitsindustrie in Kliniken. Der Köper steht heute mehr denn je im Vordergrund der Aufmerksamkeit, Instagram lebt davon. Aber der Mensch hat nicht nur einen Körper, er ist auch Leib. Viele Menschen nehmen das gar nicht oder viel zu wenig zur Kenntnis. Es ist nicht der Körper, der die Beziehungen zur Welt darstellt, sondern der Leib. Der eigne Leib ist das Medium, der Übermittler von innen nach aussen. Für den Philosophen Gernot Böhme, Autor von «Leibsein als Aufgabe» und dem soeben erschienenen Buch «Leib. Die Natur, die wir selbst sind», kommt die Leiblichkeit zu kurz, weil die heutige Lebensform in der Leistungs- und Konsumgesellschaft, in der technischen Zivilisation keinen Platz dafür bietet. Böhme verweist aber auch darauf, dass schon in der Antike der Körper vor allem als Instrument gesehen wurde. Der Verlust der Erfahrung der Leiblichkeit, das Hinspüren in den Körper ist somit nicht neu. Heute wird aber der Körper ähnlich wie ein Auto gesehen. Funktioniert etwas schlecht, fährt man im übertragenen Sinne in die Garage (Arzt, Klinik, Universitätsspital) und lässt es beheben. Der Körper hat zu funktionieren, losgelöst davon, was in der Umgebung passiert, wie man sie fühlt. Für Böhme funktioniert dieses Konzept auf Zeit nicht: «Wer seinen Körper wie ein Ding behandelt, versäumt sein Menschsein oder vollzieht es zumindest nur recht und schlecht», sagte er kürzlich in einem Interview. Für ihn gehören zum Leibsein nicht nur die von der Vernunft gesteuerten Handlungen des Körpers, sondern auch das, was einfach im Leben geschieht und von aussen auf den Körper einwirkt und im Innern des Körpers weiter wirkt: Schicksale, Krankheiten oder Ereignisse im Lebensumfeld. Wie viel Betroffenheit lässt der Mensch in solchen Situationen zu? Das ist letztlich eine Frage der Sensibilität, und die braucht es für ethisch relevante Situationen. «Der Leib ist der Ort, in dem sich unsere Betroffenheit realisiert», sagt Böhme. Es gilt also, hinzuspüren, wo Regungen und Bedürfnisse aufsteigen. Denn Leibsein ist die Erfahrung des Menschen in seiner existenziellen Hülle. Sich darüber klar zu werden, hilft, den Körper nicht mehr als Mass aller Dinge zu sehen, vor allem im Alter, wenn sich da und dort Schmerzen bemerkbar machen. Menschen mit körperlichen Behinderungen leben deshalb oft eine beispielhafte Leiblichkeit.