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Der neue Roman von Julian Barnes «Die einzige Geschichte» beginnt mit einer entscheidenden Frage, die ein Lebenskonzept betrifft: «Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?» Aber bevor man sich eine Antwort darauf überlegt hat, klärt der Autor in den Folgesätzen auf, dass man im Leben gar keine Wahl habe, denn die Gefühle würden sich einfach einstellen. Tun sie das wirklich? Oder irrt der grosse britische Schriftsteller an dieser Stelle? Denn Gefühle fallen nicht vom Himmel, sie wachsen aus Herz und Kopf. Manchmal in rasantem Tempo und mit unglaublich kurzer Halbwertszeit. Barnes vertritt in seinem neuen Roman die Meinung, die Menschen würden von Gefühlen überrollt, seien ihnen ausgesetzt und könnten sie nicht steuern. Für ihn gibt es dabei zwei Muster: Wer grosse Gefühle lebt, hat sie auf der Sonnenseite wie auch im Schatten. Das Pendel schlägt stärker aus. Die Freude ist intensiver, das Leid schmerzlicher. Das ist der Preis der Intensität. Wer hingegen den Kopf zur obersten Instanz erklärt und die Gefühle in Schach hält, lebt die Mittelmässigkeit mit flachen Hochs und minimen Tiefs. Ein konstantes Leben in einer engen emotionalen Bandbreite. Kann der Mensch entscheiden, welches Muster er leben will? Oder ist das einfach dem Schicksal überlassen?
Wer eine emotionale Selbstfürsorge wagt, kann Richtung Intensität steuern. Das kann mit einem ehrlichen Rückblick in die Kindheit beginnen. Man kann sich fragen, wie die Beziehung zu den Eltern, zu den Geschwistern gewesen ist. Was man damals von ihnen erwartet hat, was man erhalten hat, was nicht. Wie man sich dabei gefühlt hat. Was damals die grossen Freuden waren, was die Enttäuschungen. Wie man damit umging, was man dabei empfunden hat. Solche Rückblenden sind nicht einfach. Sie kosten Energie, rufen Verletzungen in Erinnerungen und hinterlassen für einige Stunden Irritationen. Der Gewinn daraus ist ein besserer Draht zu den erlebten Emotionen. Wie die Lektüre von guten Publikationen den Horizont erweitert, dehnt ein Abtasten von entscheidenden Befindlichkeiten aus früheren Zeiten das Emotionspotenzial aus. Starke Gefühle hängen nicht vom Schicksal ab, vom Zufall, sondern vom Zugang zum eigenen Gefühlstresor. Das schöne im Leben ist, jeder Mensch hat einen reich bestückten Gefühlstresor. Oft sind die belastenden Gefühle in der Überzahl. Das spielt jedoch keine Rolle. Entscheidend ist der Zugang zum Tresor und dass man ihn immer wieder öffnen kann. Dann wird er zur Quelle der Lebendigkeit. Und wer diese Lebendigkeit pflegt, hat fast automatisch starke Gefühle – auf der Sonnenseite, aber auch im Schatten.

Anton Ladner