Kundendienst: Tel. 056 203 22 33 kundendienst@dornbusch.ch

In Ischgl, im österreichischen Paznauntal, haben sich Touristen aus aller Welt mit dem Coronavirus infiziert. Eine Schweizerin habe das Virus in den Wintersportort gebracht, erklärten die Behörden. Es sollte ein Befreiungsschlag sein, um aus der internationalen Kritik zu kommen. Aber das ging gänzlich daneben, wie oft bei Schuldzuweisungen.

Franz Allerberger von der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit trat in Wien vor die Medien mit einer Erklärung, auf die viele gewartet hatten. Eine Schweizerin habe am 5. Februar die Seuche ins Skigebiet Ischgl gebracht. Der Barkeeper vom «Kitzloch» sei der erste Erkrankte gewesen, aber nicht der Verbreiter. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits fest, wie fahrlässig Verantwortliche und Behörden in dem österreichischen Skiort nach dem Corona-Ausbruch gehandelt hatten. Der Spiegel titelte «Gau statt Gaudi», denn Hunderte infizierte Urlauber trugen bei ihrer Rückkehr das Virus in ihr Heimatland. Jetzt hagelt es Strafklagen gegen Behörden, Seilbahnbetreiber und Touristiker.

Nachdem Allerberger die Schuldige für das Desaster in Ischgl benannt hatte, musste Stunden später Gesundheitsminister Rudolf Anschober korrigierend eingreifen. Die Schweizerin sei erst am 5. März und nicht am 5. Februar im Tiroler Skiort gewesen, erklärte er. Damit war die Schuldige aus der Schweiz vom Tisch, denn eine Tiroler Kellnerin war schon am 8. Februar in Ischgl infiziert. Szenenwechsel: Der deutsche Landkreis Heinsberg hat besonders viele Corona-Infizierte. Ein Ehepaar, das zu den ersten Betroffenen dort gehörte, wurde deswegen in den sozialen Medien zur Zielscheibe massiver Angriffe. Inzwischen müssen sogar Autofahrer mit dem Nummernschild aus dem Landkreis Heinsberg mutwillige Beschädigungen hinnehmen. Sie werden stigmatisiert als Verursacher. Nun wird dort die erste repräsentative Studie gestartet, die zeigen soll, wie durchseucht Deutschland tatsächlich ist.

Je unreflektierter eine Gesellschaft handelt, desto schneller greift sie zu Schuldzuweisungen, um sich der Verantwortung zu entziehen. In Ischgl wurde die Frage nach der eigenen Verantwortlichkeit eindeutig verdrängt, vielleicht auch bei den Behörden im Landkreis Heinsberg. Dann auf die Betroffenen loszugehen, die ihr Schicksal ja nicht gewählt haben, bringt nichts. Das musste auch US-Präsident Donald Trump einsehen, der vom Chinavirus sprach, das bei steigenden Temperaturen im April verschwinden werde. Das Gegenteil ist der Fall. Das sich in den USA verbreitende Virus stammt aus Europa und die USA sind jetzt das am stärksten betroffene Land der Welt, trotz steigender Temperaturen. Schulddiskussionen sind immer rückwärtsgewandt und tragen eben nichts zur Lösung des aktuellen Problems bei, sondern wirken zersetzend auf die Gesellschaft. Das Beispiel Trump zeigt das jetzt schmerzlich.