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Es ist ein zeitloses Phänomen. Männer aller Bildungsschichten – aber bevorzugt gebildetere – sehen sich dabei in bestimmten Gebieten als Experten und drängen darauf, ihr «Fachwissen» weiterzugeben. Auch wenn sie dazu keines haben. Dieses Mansplaining, so nennt man das heutzutage, kommt beim anderen Geschlecht eher weniger gut an. Auch die Gründer von Pinky Gloves mussten das vor Kurzem am eigenen Leibe erfahren.

von Flavia Müller

Alles begann mit einer simplen Erfindung. Zwei junge Männer erkannten ein «Problem» und entwickelten eine Lösung. Businesspläne wurden erstellt, Finanzen organisiert, Prototypen produziert und Investoren gesucht – und gefunden. Bei «Die Höhle der Löwen» wurde das Produkt Pinky Gloves vorgestellt und einer der – männlichen – Investoren liess sich überzeugen und investierte 30 000 Euro. Eine Erfolgsgeschichte – auf dem Papier. Eine Tragödie im echten Leben. Die beiden jungen Gründer, wohnhaft in einer WG, wurden durch ihre weiblichen WG-Gspänli auf das Thema Menstruation aufmerksam bzw. auf deren problematische Folgen. Sie erkannten, dass Frauen oft gebrauchte Tampons in WC-Papier einwickeln, bevor sie diese im Badezimmer-Mülleimer entsorgen. Da auch die Herren diesen Eimer nutzen und WC-Papier im feuchten Zustand nun mal nicht komplett blickdicht ist, erhaschten die beiden immer mal wieder einen Blick auf etwas Rötliches. Blut.

Und so entstanden die Pinky Gloves. Handschuhe – natürlich absolut gendergerecht in Pink – blickdicht und mit eingearbeitetem Verschluss, zur hygienischen und «unsichtbaren» Entsorgung des monatlichen Sichtbeweises des erkannten Problems.

Bereits während der Sendung, in der das Produkt vorgestellt wurde, brach der Shitstorm in den sozialen Medien los. Während das Meiste harmloser Spott war über das eigentlich überflüssige Produkt, kamen bei den Gründern und beim Investor gar konkrete Drohungen an. Dies führte dazu, dass das Produkt wenige Tage nach der Sendung vom Markt genommen wurde. All dies hätte sich verhindern lassen mit einer simplen Marktbefragung – der Damen aus der WG oder bei Freundinnen und Familie. Dadurch hätte man(n) schnell festgestellt, dass, zumindest hier in Europa, kein grosser Bedarf an diesem Produkt ist. Jedes öffentliche WC führt Hygiene-Plastiksäckchen für genau dieses «Problem». Auch zu Hause kann man solche Säckchen verwenden.

Viel schlimmer ist aber die unterschwellige Botschaft, die durch so ein Produkt entsteht – nämlich die, dass Menstruation etwas «Ekliges» sei. Ein Thema, das Frauen weltweit seit Jahren zu enttabuisieren versuchen. Etwas, was völlig normal und natürlich ist und für das sich niemand schämen sollte.

Woher kommt das also, dass Männer meinen, den Frauen erklären zu müssen, wie die Welt zu funktionieren hat? Feministinnen haben das Wort Mansplaining seit Jahren in ihrem Repertoire, wenn sie auf immer noch existierende Missstände hinweisen.

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Mansplaining – eine Fusion aus «man» (Mann) und «explaining» (erklären) – ist nur eine (zum Glück eher harmlose) Form von Sexismus, dem Frauen täglich ausgesetzt sind.

Mansplaining bezeichnet herablassende Erklärungen einer meist männlichen Person, die davon ausgeht, sie wisse mehr über den Gesprächsgegenstand als die – meist weibliche – Person, mit der diese spricht.

Hier hört der Spass auf
Was bei solch einem Thema vielleicht noch lustig erscheinen mag, wird im Berufsleben jedoch sehr schnell ernst, wenn männliche Kollegen den Frauen am Arbeitsplatz ihren Beruf erklären wollen, obwohl diese vielleicht über eine bessere Ausbildung oder mehr Erfahrung im Job verfügen. In der Geschlechterforschung wird zudem angenommen, dass der Begriff jahrzehntelange feministische Gesellschafts- und Wissenschaftskritik verdeutliche: «männliche Selbstvergessenheit im Allgemeinen (Androzentrismus)» sowie «Verzerrungen und Abwertungen weiblicher Denk- und Lebenserfahrungen im Besonderen (Sexismus)».

All diesen Ausprägungen liege stets die Vorstellung zugrunde, der Mann – als Vertreter des Allgemein-Menschlichen – sei von Natur aus vernunftbegabt, objektiv und allwissend, ganz im Gegensatz zum weiblichen Geschlecht.

Psychologisch gesehen gibt es einige Erklärungsansätze für Mansplaining. Auch wenn dies teilweise von Frauen praktiziert wird, ist es eben mehrheitlich doch ein typisch männliches Gehabe – auch unter Männern.

Nadeem Kalak, Psychotherapeut an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, versucht zu erklären: «Aus psychologischer Sicht ist interessant, welches dahinterliegende Bedürfnis befriedigt werden und welche Botschaft damit gesendet werden möchte. Eine mögliche Auswahl:

Mansplaining
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‹Ich möchte helfen.› 

‹Ich möchte imponieren.›  

‹Ich möchte durch das Beeindrucken meines Fachwissens an Status gewinnen.›

‹Ich möchte mein Ego polieren.› 

‹Ich muss, weil dies von mir als Mann verlangt wird.› 

‹Ich muss anderen die Welt erklären, weil sie dumm sind.› 

‹Ich merke nicht, wann es angebracht ist und wann nicht.›

Das Verhalten kann natürlich auch kulturell, gesellschaftlich oder religiös beeinflusst sein, da in einigen Kulturen die Stellung und der Wert der Frau noch immer als geringer erachtet werden als die des Mannes. Mansplaining kann aber zum Beispiel auch auf Menschen mit ausgeprägter narzisstischer Persönlichkeitsstruktur hinweisen, einen Minderwertigkeitskomplex, auf Menschen, die unter einer bipolaren Störung leiden und in der manischen Phase keine Krankheitseinsicht haben, oder auf eine Form des Asperger-Syndroms, bei dem der betroffene Mensch auf die zwischenmenschlichen Feinheiten weniger gut reagieren kann. Das Spektrum ist hier sehr breit gefächert.»

Im Mansplaining lebt das historisch gewachsene Patriarchat weiter, das Frauen weniger zugesteht als den Männern. Denn Mansplaining ist kein gleichberechtigter Wissensaustausch, sondern es entsteht eine bevormundende Kommunikationshierarchie. Auch wenn es «nur gut gemeint» ist, wirkt Mansplaining oft degradierend oder beleidigend.

Wie man Mansplaining erkennt, zeigt das Flussdiagramm. Wer Opfer von Mansplaining wird, sollte sich wehren. Meist reicht es schon, einfach den Redefluss des Gegenübers zu unterbrechen und höflich darauf hinzuweisen, dass eine Erklärung nicht nötig sei. Man kann aber auch Gegenfragen stellen, um das Gegenüber zu «enttarnen». Dabei ist zu empfehlen, sachlich zu bleiben, um nicht selbst zum Mansplainer zu werden. Einerseits zeigt man so dem Mansplainer, dass man in diesem Gebiet viel weiss, und andererseits ist es auch gleichzeitig eine sympathische Form der Eigenwerbung für allfällige weitere Zuhörer.

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