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Burkini, Bikini, Badeanzug: alles erlaubt?

Die junge muslimische Sprechstundenhilfe in einer Arztpraxis erzählte mir von ihrer jungen muslimischen Kollegin am Empfang. Diese habe sich jetzt einen Burkini gekauft, aber sie traue sich nicht damit ins Schwimmbad. Das gebe sicher böses Blut.

Irgendwie ist das doch eine merkwürdige Debatte. Früher durften Frauen sich nicht ausziehen. Der Bikini galt als frivol, verpönt, Sexsymbol. Es war die Nackttänzerin Micheline Bernardini, die 1946 erstmals den Bikini von Louis Réard vorführte. Das löste einen Skandal aus. Réard hat seine Kreation übrigens so benannt, weil vier Tage vor der Vorführung die USA erstmals einen Atomwaffentest durchgeführt hatten – auf dem Pazifik-Atoll gleichen Namens …

Auf jeden Fall war die Empörung so gross, dass der Bikini in der Versenkung verschwand, bis Brigitte Bardot ihn 1953 salonfähig machte und Ursula Andress ihm in «James Bond jagt Dr. No» zum Durchbruch verhalf. Frauen dürfen heute im Bikini herumlaufen, wenn sie mögen, zumindest hierzulande. Warum aber nicht im Burkini, frage ich mich.

Allüberall sind Menschen in Neoprenanzügen zu sehen, die auf einem Surfbrett auf eine Welle warten. Dürfen die ihren Körper so bedecken? Wie absurd war dieses Foto vom Strand von Nizza, wo Polizisten 2016 offenbar eine Frau drängten, ihr Oberteil auszuziehen. Inzwischen gibt es ein Burkiniverbot in Cannes und an vielen anderen Stränden der Mittelmeerküste. Ich finde das absurd. Es ist doch wunderbar, wenn Frauen endlich schwimmen dürfen. Was für eine Freiheit! In welchen merkwürdigen Konstruktionen sind Frauen auch an Ost- und Nordsee früher ins Wasser gegangen. Was sie anhaben oder nicht anhaben, sei ihnen überlassen. Ich bin überzeugt, dass islamistischer Terror nicht in einem Burkini daherkommt.

Natürlich ist mir bewusst, dass dieser absurde Streit mit der Frage nach der Rolle der Frau und auch nach dem Kopftuch verbunden ist. Ich habe alte Frauen Kopftuch in meiner Kindheit tragen sehen, ebenso Frauen, die aus Russland zugewandert in unsere Gottesdienste kamen, aber auch Audrey Hepburn. Es geht nicht um das Kopftuch, sondern um die Frage der Unterdrückung von Frauen und Frauenrechten. Natürlich halte auch ich eine Burka oder einen Tschador für nicht akzeptabel, das Gesicht muss frei erkennbar sein. Manchmal aber, denke ich, werden grundsätzliche inhaltliche Fragen an Symbolen ausgetragen und vor allem auch über Frauen und Frauenbilder. Wird ein Mädchen oder eine Frau gezwungen, ein Kopftuch oder einen Burkini zu tragen, ist das in unserem Land nicht akzeptabel – und sollte nirgendwo der Fall sein. Möchte eine Frau das ganz persönlich gern – und ich habe solche Frauen kennengelernt –, ist es ihre freie Entscheidung, die ich selbstverständlich akzeptiere. Wir leben in einer freien Gesellschaft. Und in der schwimme ich gern im Badeanzug mitten zwischen Frauen im Bikini und im Burkini.

Margot Kässmann war Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Von 2012 bis 2017 war sie Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017 im Auftrage der Evangelischen Kirche in Deutschland.