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Das Recht auf Behandlung rechtzeitig erfüllen

Psychische Erkrankungen und Krisen sind häufig. Fast die Hälfte der Bevölkerung erleidet mindestens einmal im Leben eine psychische Krankheit. In der ambulanten Psychotherapie gibt es jedoch Zugangshürden, die zu Versorgungsengpässen führen. Mit der Petition «Hürden abbauen – Behandlung psychischer Krankheiten sicherstellen», welche am 11. März 2019 mit 94 000 Unterschriften eingereicht wurde, fordern der Schweizerische Berufsverband für Angewandte Psychologie (SBAP) und zwölf weitere Organisationen den Bundesrat auf, diese Zugangshürden zu beseitigen.

Hilfesuchende müssen in vielen Regionen monatelang auf einen Therapieplatz bei einem Psychiater warten. Einerseits, weil diese Menschen eine Therapie nicht selbst bezahlen können und auf die Kostenübernahme der Krankenkasse angewiesen sind. Andererseits, weil es nicht genug Psychiater und Psychiaterinnen gibt. Eine Situation, welche sich durch die vielen anstehenden Pensionierungen zuspitzen wird. In bestimmten Bereichen, wie bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen, existiert eine massive Fehl- und Unterversorgung. Die langen Wartefristen sind für den Krankheitsverlauf fatal.

Gleichzeitig sind qualifizierte Fachpersonen vorhanden, denen aber die Leistung in eigener fachlicher Verantwortung mit Kostenübernahme der Krankenkassen nicht ermöglicht wird – trotz entsprechender Ausbildung und Gesetzeslage.
Psychologen und Psychologinnen haben einen Master absolviert, Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen noch dazu eine Weiterbildung von mindestens vier Jahren mit Berufspraxis. Eidgenössisch anerkannte Psychotherapeuten sind vom Psychologieberufegesetz her ermächtigt, die Psychotherapie in eigener fachlicher Verantwortung auszuüben. In der Praxis ist es jedoch nicht so. Selbstständig arbeitende Psychotherapeuten dürfen nicht über die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) abrechnen.

Die Grundversicherung bezahlt heute die Psychotherapie durch Psychotherapeuten nur dann, wenn die Therapie unter Aufsicht und in Verantwortung von Psychiatern und in deren Räumlichkeiten durchgeführt wird. Eine akademische Gruppe wird damit technischem Hilfspersonal gleichgestellt, obwohl sie bezüglich ihrer psychotherapeutischen Qualifikationen und Leistungen ihren delegierenden medizinischen Fachpersonen ebenbürtig ist. Die Ausübung der Psychotherapie in eigener fachlicher Verantwortung sollte für Psychotherapeuten in der Praxis anerkannt werden.

Der SBAP ist überzeugt, dass durch einen Systemwechsel die Missstände in der Versorgung behoben werden können. Psychologische Psychotherapie muss auf ärztliche Anordnung hin, im Rahmen der OKP, von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten selbstständig durchgeführt werden können. Dies würde es ermöglichen, dass Patienten ihre Psychotherapeuten frei wählen können – gerade in der Psychotherapie ist die Passung essenziell für den Erfolg. Ein adäquates Angebot wäre gewährleistet, der Berufsstand anerkannt, die gesellschaftlichen Kosten gesenkt und die soziale Verantwortung gegenüber Betroffenen stärker wahrgenommen.

Michèle Andermatt ist Leiterin der Abteilung Berufspolitik beim Schweizerischen Berufsverband für Angewandte Psychologie (SBAP).