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Leben in unserer neuen Schweiz

Ich habe ein Rundschreiben erhalten, von einer Togoerin, in der Schweiz aufgewachsen, zur Schule gegangen, studiert und am wohlsten, wenn sie Baseldeutsch reden kann. Sie fühlt sich hier wohl, zugehörig und doch, schreibt sie, sei sie empört, wolle nicht mehr schweigen. Sie nahm, trotz Corona-Verbot, an Demonstrationen teil, aus Solidarität mit George Floyd, aber nicht nur. Sie nahm teil, um gegen den institutionellen und strukturellen Rassismus in der Schweiz zu protestieren. Weil sie als schwarze Person Rassismus immer und immer wieder erlebt. Weil sich noch immer zu viele schwer damit tun, über Rassismus und Diskriminierung hier in der Schweiz zu reden.

Ob wegen des Aussehens, des Namens, der Lebensweise, der angenommenen oder zugeschriebenen Religionszugehörigkeit als fremd, nicht dazugehörig markierbar – die Erfahrungen rassistischer Äusserungen, Ausgrenzungen, Behinderungen sind allgegenwärtig. Natürlich – meist in wohldosiertem schweizerischem Mittelmass. Meist ist eine rassistische Bemerkung oder Handlung so «unterschwellig», dass sich das Opfer fragen muss, ob es der Täter eigentlich merkt, dass er sich rassistisch verhält. Etwas sagen, sich wehren, ignorieren?

Was wissen wir eigentlich über Rassismus in unserer Gesellschaft? Die Nachrichtenschwemme aus den USA könnte den Eindruck bestärken, Rassismus komme nur dort vor. Und wenn nicht, dann zeigt man auf Italien und Salvini, Ungarn und Orban, Deutschland und die AfD. Aber die Schweiz?

Tatsächlich, die Fallzahlen von hartem, gar gewalttätigem Rassismus sind tief. Die Berichte der Fachstelle für Rassismusbekämpfung und der Beratungsstellen für Rassismusopfer bestätigen dies. Doch die Baslerin spricht von der alltäglichen Erfahrung, als Fremde wahrgenommen, ausgegrenzt, diskriminiert zu werden, von der Unfähigkeit der Mehrheit, die eigenen Privilegien zu erkennen, im System verankerte Diskriminierungen zu hinterfragen. Schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche, tagtägliche Sticheleien. Wer es nicht erlebt, weiss nichts davon, und wer es erlebt, fragt sich, ob es sich überhaupt lohnt, etwas zu sagen – will man nicht isoliert und allein dastehen.

Es darf nicht dem Opfer überlassen bleiben, sich zu wehren. Es geht eben nicht um Minderheiten und Mehrheiten, nicht um sie und wir. Es geht um uns, um die reale, neue Schweiz und Diskriminierung und Rassismus. Die heutige Schweiz ist diverser, aufregender als die Bilderbuch-Schweiz, die uns noch immer prägt – und die manche vorgeben, verteidigen zu müssen. Leben in dieser neuen Schweiz verunsichert. Niemand − auch nicht die Minderheiten, auch nicht die Opfer − hat ein Patentrezept fürs neue Zusammenleben.

Wir alle, ob als Individuen oder Institutionen, müssen lernen, mit der immer wieder neuen Realität umzugehen. Das ist nicht einfach, wenn es um strukturelle Diskriminierung geht. Wir haben uns immer wieder zu überprüfen: Werden wir der gesellschaftlichen Realität gerecht? Stellen wir uns unserer Vergangenheit, damit wir gemeinsam an einer offenen Gesellschaft arbeiten können? Wenn wir als Institutionen nicht bereit sind, uns diesen Fragen zu stellen, machen wir uns mitverantwortlich, wie jemand, der oder die nur stumm zu- oder wegschaut und Unrecht geschehen lässt.

 

Michele Galizia ist Sozialanthropologe und leitet die Fachstelle für Rassismusbekämpfung im Eidgenössischen Departement des Innern.