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Mode ist ein Billionen-Geschäft. Jährlich werden Billionen Dollar umgesetzt, Billionen Kilogramm CO2 verursacht und Billionen Liter Wasser verbraucht und verschmutzt.

Mode basiert aber auch auf kleinen, feinen Fasern von Rohstoffen wie Wolle, Seide, Polyester und mehr.

Wie das Grosse und das Kleine der Mode einander beeinflussen und bedingen und daraus betörende Kleidung wird, das zeigt die Ausstellung «Material Matters» im Textilmuseum St. Gallen.

von Christine Schnapp

Es sind gigantische Zahlen – selbst wenn sie numerisch klein sind. So gilt die Mode- nach der Erdölindustrie als die zweitgrösste Verursacherin des Klimawandels. Zehn Prozent des weltweit emittierten CO2 geht den Vereinten Nationen zufolge auf die Modeindustrie zurück – mehr als die internationale Luft- und Schifffahrt zusammen ausstösst – ebenso wie 20 Prozent des globalen Abwassers. 13 Jahre lang müsste ein Mensch Wasser trinken, bis er genau die Menge konsumiert hätte, die es für die Herstellung einer Jeans und eines T-Shirts braucht. Allein das Färben von neuer Kleidung benötigt jedes Jahr etwa die Wassermenge des halben Mittelmeers. Der grösste Teil des oftmals belasteten Abwassers der Bekleidungsindustrie geht nicht durch eine Kläranlage, weil er in Ländern anfällt, wo es solche nicht gibt und Umweltschutz ohnehin keine grosse Rolle spielt. Und als wenn das noch nicht genügend schockierend grosse Zahlen gewesen wären, sprechen wir bei der Modeindustrie auch noch von einem Wachstumsmarkt. Zwischen den Jahren 2000 und 2015 hat sich der Anteil der insgesamt hergestellten Kleidung fast verdoppelt – auf mehr als 100 Milliarden Tonnen.

Was wir tragen, wie lange wir es tragen, woher unsere Kleidung kommt, wer sie unter welchen Umständen genäht hat und aus welchen Materialien sie gefertigt wurde, sind demnach wichtige Fragen, wenn man sich bewusst wird, dass die Mode eine der Schlüsselindustrien ist beim Aufhalten des Klimawandels. Einige Antworten auf diese Fragen und viel Wissen, das es braucht, um beim Kleidungskauf nachhaltige Entscheidungen treffen zu können, erhält man gegenwärtig in der Ausstellung «Material Matters» – von der Faser zur Mode − im Textilmuseum St. Gallen. Die Schau, die in Zusammenarbeit mit der Abteilung Design und Kunst der Hochschule Luzern sowie der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa konzipiert wurde, ist in verschiedene Bereiche unterteilt.

 

Kompakte Materialkunde

Im Faserkabinett werden die einzelnen Rohstoffe, aus denen Mode bestehen kann, anschaulich gezeigt und informativ in puncto Herkunft, Bedeutung, Umwelteinfluss und Eigenschaften aufbereitet. Von Schafwolle über Seide, Flachs und Baumwolle bis hin zu künstlichen Fasern und Mischgewebe schlüsselt das Kabinett überdies die Materialien in Bezug auf Treibhauseffekt, den Verbrauch fossiler Rohstoffe und Wasserfussabdruck auf – Informationen, die den nächsten Kaufentscheid durchaus beeinflussen können. Etwa wenn mal wieder klar wird, dass synthetische Chemiefasern halt einfach aus Erdöl bestehen und bei jeder Maschinenwäsche von Kleidung aus diesem Material Mikroplastik gelöst wird. Oder dass Bekleidung aus Mischfasern kaum recycelt und damit für neue Produkte wiederverwendet werden kann, eben wegen des Fasergemischs, das sich nicht mehr auftrennen lässt.

In einem anderen Bereich der Ausstellung wird gezeigt, wie Materialien die Mode beeinflussen können. Materialbeschaffenheit, Verfügbarkeit oder Preisgestaltung haben in den Jahrhunderten zu bestimmten Modestilen und Vorlieben geführt. Alle Informationen sind mit Beispielen illustriert und mit einem Blick auf neuste Entwicklungen ergänzt. So erfährt man hier beispielsweise auch, dass Seidenraupen schon seit Jahrtausenden gezüchtet werden, aber erst vor einigen Jahren das Zürcher/Londoner Label Komana auf die Idee gekommen ist, dass man die Raupen bei der Gewinnung der Seide auch leben lassen kann. Statt die reifen Kokons ins kochende Wasser zu geben, macht man ein kleines Loch, durch das die Räupchen entschlüpfen können. Der Seidenfaden wird dadurch etwas kürzer, bei der Qualität gibts aber keine Abstriche. Oder man lernt die kompostierbare Hose des Labels Freitag kennen, sieht in einem Film – eines der Herzstücke der Ausstellung –, dass Bekleidung aus einer Faser, die aus Holz gewonnen wird, mit tiefem Energieaufwand hergestellt werden kann und dass es bereits ein Verfahren gibt, Stoffe ohne Wasser zu färben. Beim Einsatz von komprimiertem Gas – sogenanntes überkritischem Kohlendioxid, das bei diesem Prozess verwendet wird – können 50 Prozent der Energie und 50 Prozent an Chemikalien eingespart werden im Vergleich zum Färben mit Wasser.

Interessant ist auch, den Textilentwicklerinnen und -entwicklern in diesem Dokufilm zuzuschauen, die an den Stoffen von morgen tüfteln. So zum Beispiel an einem Material aus lebenden Bakterien, die in einer Flüssigkeit aus Grüntee, Zucker, Apfelessig und Hefezellen wachsen. Zum Trocknen gibt man sie in einen Behälter, der die Form hat, den man sich für diesen «Stoff» wünscht.

Und immer wieder gern hört man auch Menschen wie Rick Ridgeway zu, Vizepräsident für öffentliches Engagement bei Patagonia. Das Unternehmen, das Outdoorkleidung und -bedarf herstellt, schon seit Jahren auf ökologische, fair produzierte Materialien setzt, ein vorbildlicher, sozialer Arbeitgeber ist, sich für Umweltschutzprojekte engagiert, mindestens ein Prozent seines jährlichen Umsatzes für Umweltprojekte spendet, im Kampf gegen den Klimawandel aktiv ist und noch viel Gutes mehr, ist sich nicht zu schade, in einer Werbekampagne auch mal zu sagen, man solle dieses Produkt nicht kaufen – oder nur dann, wenn man es wirklich brauche. Ausserdem kann man bei Patagonia für alle Produkte Reparatursets mit Anleitungsfilmchen beziehen oder die Produkte von der Firma flicken lassen.

 

Neue Wege unerlässlich

Nach dem Rundgang durch die Ausstellung ist einmal mehr klar, dass unser Umgang mit Mode und Kleidung dringend eine radikale umwelt- und klimafreundliche Überarbeitung braucht. Wenige ökologische, fair und um die Ecke produzierte Kleidung, die bis zum Gehtnichtmehr getragen und geflickt werden und nicht mehr tragbar zu Rohstoff für Neues werden (bspw. Füllmaterial für Polster), sind der einzige Weg, um die Rolle der Modeindustrie als bedeutende Mitverursacherin des Klimawandels zu entlasten. Und es ist der einzige Weg für die Menschen in den Industrienationen, ihre Verantwortung in puncto Mode wieder zu übernehmen. Denn die ganze Fast-Fashion-Industrie mit ihrer gigantischen Umweltbelastung ist nur entstanden, damit Menschen, die ausreichend Geld zum Leben haben, Kleidung zu Spottpreisen kaufen können.

Ausstellung:
MATERIAL MATTERS

Von der Faser zur Mode
Ausstellung im Textilmuseum St. Gallen
Bis 21. Februar 2021
Mo–So, 10–17 Uhr

Weitere Informationen und Veranstaltung unter www.textilmuseum.ch

 

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