Kundendienst: Tel. 056 203 22 33 kundendienst@dornbusch.ch

Es war einmal …

Nein, ich will kein Märchen erzählen. Nein, ich will die Geschichte hervorholen, die im Jahr 1989 die Schweiz erschütterte: die Fichenaffäre. Da fanden die Parlamentarierinnen und Parlamentarier der Untersuchungskommission zur Geheimdienstaffäre Jeanmaire – die Älteren erinnern sich – Schränke voll mit Fichen, die offenbarten, dass Schweizerinnen und Schweizer, Alte, Junge, Frauen und Männer sorgfältig, ja akribisch beobachtet worden waren. Ihr Verhalten wurde notiert und Meldungen aus allen Ecken minutiös aufgeführt. Man war entsetzt. Leben wir in der DDR? Haben wir eine Stasi? Die Empörung war gross.

Man konnte auch lachen, herzhaft und doch etwas bedrückt. Da stand: Frau A trinkt abends gern ein Bier. Herr B ist sauber, er hat keinen Herrenbesuch.

Es blieb ein fahles Gefühl zurück. Sind wir immer so nah am Diktatorischen? Wir die stolzen Schweizerinnen und Schweizer, die doch in einem freien Land leben und darauf stolz sein wollen! Man entdeckte auch in der Stadt Zürich, dass seit Jahren ein Erkundigungsdienst bestand, dem Sozialamt angegliedert, wo 16 (!) Leute im rechtsfreien Raum Informationen zusammensuchten. Sie beobachteten Menschen, die Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen beziehen mussten, sich für eine Stelle bei der Stadt bewarben oder sich für eine städtische Wohnung anmeldeten. Die Empörung war links und rechts riesig. Alle schrien, so wie nie mehr danach.

Es war einmal … Und dann wurden wieder Detektive für die Sozialhilfe gefordert und eingeführt, und heute sollen es Detektive für die IV-Beziehenden sein – aus Fairnessgründen, wie das Abstimmungsplakat treuherzig vermeldet. Damit wir uns richtig verstehen: Betrug ist Betrug. Betrug ist ein Straftatbestand und dafür gibt es Gesetz, Ermittlungsverfahren und Richter. Es braucht keine Pseudosheriffs und Sherlock Holmes, die mit Feldstechern durch die Gärten schleichen. Sie sind in einem Rechtsstaat einfach nicht vorgesehen. Beschiss ist Beschiss. Der Beschiss – in der IV, bei der Autoversicherung, bei der Krankenkasse, bei den Steuern, oben wie unten – ist ein Charakterlump-Verhalten und kann von keinen «Detektiven» ermittelt werden. Das braucht Erziehung, Haltung und Ächtung. Wir müssen in Professionalität investieren, nicht in Misstrauen. Die IV hat gespart und will nun in neue Kontrollstrukturen Millionen investieren: Das ist falsch! Wir brauchen genügend Fachpersonal, das kompetent ist, das nicht einfach husch, husch ein paar Kreuze auf einem Formular macht. Gesprächsführung, Fragetechnik, auch heikle Dinge gekonnt ansprechen. Nachfragen, wo Unsicherheit bleibt, hartnäckig, korrekt – das sichert die Qualität.

Es war einmal … Da hatten wir in der Schweiz den Grundsatz von Treu und Glauben. Wir vermuteten zuerst mal Ehrlichkeit und nicht Lüge. Auch die Politik funktionierte so. Heute ist alles Fake, ein Deal, Rechtsmittel sind schon im Kopf und der PR-Berater steht daneben. Ich wünsche mir nicht gerade den Rütlischwur zurück, aber einen Stil, wo gilt, was gilt, wo man zuerst mal vertraut und nicht misstraut. Naiv? Ich glaube, der Kontrollwahn ist naiv.

Es war einmal … Kennen Sie Dornröschen? Nach 100 Jahren wurde es wachgeküsst – das lässt hoffen, immerhin.

Monika Stocker, ehemalige Stadträtin Zürichs Sozialpolitikerin.