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​Die meisten haben geschwiegen. Viele kollaboriert. Zahlreiche haben direkt oder indirekt profitiert: Wie gehen die Nachkommenden mit den Vergehen ihrer Eltern und Grosseltern während der Zeit des Dritten Reichs um? Und wie lebt es sich mit einem Familiennamen, der untrennbar mit den schlimmsten Gräueln der Nationalsozialisten verbunden ist? Sollten sich die Kinder und Kindeskinder der Übeltäter schämen?

von John Micelli

Jennifer hatte keinen leichten Start ins Leben. 1970 als Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers in München geboren, wurde sie schon nach wenigen Wochen ins Heim gegeben. Erst als sie sieben Jahre alt war, wurde sie von der Familie Teege adoptiert. Etwas Licht und Wärme in jene düsteren ersten Jahre brachte einzig ihre Grossmutter, die im Gegensatz zur Mutter versuchte, den Kontakt so lange es ging aufrechtzuerhalten, die dem Mädchen zu Geburtstagen und Weihnachten Karten ins Kinderheim schickte. Jennifer Teege wurde erwachsen, studierte fünf Jahre lang in Israel, kam zurück nach Deutschland, heiratete und wurde selbst Mutter zweier Söhne. Aber: «Wie alle Kinder, die weggegeben worden sind, trage ich ein Trauma in mir: das Gefühl der Wertlosigkeit. Meine eigenen Eltern fanden mich nicht liebenswert genug, um mich zu behalten», erinnert sich Teege später.

 

Im Jahr 2008 macht sie in einer öffentlichen Bibliothek in Hamburg eine schlimme Entdeckung. Beim Stöbern fällt ihr das Buch «Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?» in die Hände, in dem Schriftsteller Matthias Kessler die Lebensgeschichte von Monika Kalder aufarbeitet. Teege erkennt den Namen ihrer leiblichen Mutter und erfährt, dass Kalder die Tochter ist von Amon Göth. Regisseur Steven Spielberg hatte die Erinnerung an den «Schlächter von Płaszów» im Film «Schindlers Liste» von 1993 wiederaufgefrischt: Der Konzentrationslager-Kommandant schoss vom Balkon seines Wohnhauses oberhalb des Lagers zum Vergnügen auf Häftlinge. «Er war ein Monster. Das, was er tat, hat er genossen. Ich habe seinen Gesichtsausdruck nach dem Töten gesehen. Er wirkte zufrieden», beschreibt Göths ehemaliges Dienstmädchen Helen Jonas-Rosenzweig den SS-Offizier. Und dieser Mann also war Teeges Grossvater, die zärtlich erinnerte Grossmutter schwärmte noch in den 1970er-Jahren: «Es war eine schöne Zeit. Mein Göth war König und ich Königin.»

 

Jennifer Teege ist während Wochen unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen: «Es war, als würde ich in einen See fallen. Ich bekam keine Luft mehr, dachte, ich würde ertrinken», schildert Teege den Auftakt einer Depression, die sie ihrerseits mit einem Buch bewältigt: «Amon: Mein Grossvater hätte mich erschossen», erschienen im Jahr 2014. Aber auch wenn Teege die Existenz einer «Erbschuld» verneint, macht ihr Erleben eines deutlich: Für die Nachkommenden ist ein distanzierter, sachlicher Umgang mit den Verbrechen ihrer Eltern und Grosseltern fast unmöglich.

 

Schamloser Mahner

Rainer Höss − fünf Jahre älter als Teege − war 15, als er nach einem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Dachau eins und eins zusammenzählte und seinen Vater zur Rede stellte. Denn über Rudolf Höss, 1940 bis 1943 Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, wurde in der Familie nicht gern gesprochen. Für Rainers Eltern, Tanten und Onkel war Rudolf Höss ein treuer Soldat und «Gefängnisleiter». Was der Enkel heute weiss über seinen Grossvater, der das grösste deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus aufgebaut hat, musste er aus Büchern zusammentragen. Es kommt zum Bruch mit der Familie. Rainer Höss führt jahrelang ein eher unscheinbares Leben als Koch in Süddeutschland, bis er 2010 zusammen mit dem israelischen Journalisten Eldad Beck für den Film «Meine Familie, die Nazis und Ich» nach Oświęcim fährt, um die Gedenkstätte des Konzentrationslagers zu besuchen. Der Auftritt macht ihn bekannt: Rainer Höss wird zum gefragten Gast in Talkshows deutscher und internationaler TV-Sender. «Weil ich einfach gesehen habe, wie dieser Rechtsruck weltweit immer mehr kommt und dass die Leute weltweit wieder anfangen, das alles zu ignorieren», erklärt Höss, warum er diese Angebote gerne annimmt, um über seinen Grossvater und den Umgang seiner Familie mit Geschichte zu reden, warum er auf Gedenkveranstaltungen spricht und vor Schülerinnen und Schülern referiert.

 

Seinen Beruf hat der Koch mittlerweile aufgegeben, um sich ganz der Erinnerung an den Holocaust zu widmen. Auch Höss verneint, für die Taten des Grossvaters Verantwortung zu tragen, sich für dessen Rolle im Dritten Reich zu schämen. Beinahe zerbrochen aber sei er an der «Grabeskälte» des Vaters, Hans-Jürgen Höss, der auf einem luxuriösen Anwesen vor den Toren des Konzentrationslagers aufgewachsen ist, darüber aber nie ein Wort verliert. «Zum Glück ging ich diesen Weg. Denn dadurch müssen es meine Kinder und Enkel nicht mehr tun. Sie können einfach sagen: ‹Ich bin ich›», kommentiert er seinen Bruch mit der Familie.

 

Journalist Beck aber kommt Jahre nach der gemeinsamen Reise zu dem Schluss: «Es ist reiner Opportunismus, der ihn antreibt. Er interessiert sich nicht wirklich für Birkenau, sondern ausschliesslich für seine eigene Geschichte. Er ist ein gequälter Mensch, zerrissen zwischen persönlicher Verantwortung und familiärem Wahnsinn.» Denn mit den Jahren wächst der Verdacht, Höss versuche aus dem Familiennamen Kapital zu schlagen, die Opfer des Grossvaters erneut zu schädigen: Er sammelt Spenden für dubiose Projekte, will Memorabilia verkaufen, behauptet, rechtmässiger Besitzer der «Villa Höss» auf dem Gelände der Gedenkstätte zu sein. Im Juni 2020 wird Rainer Höss von einem Amtsgericht in Baden-Württemberg wegen Betrugs zu einer achtmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Gegen das Urteil wird keine Berufung eingelegt, wohl aber geht Höss mit seinen Anwälten gegen die Berichterstattung darüber vor. Auf Medienanfragen, ob er seinen Ruf als Mahner durch das Urteil beschädigt sehe und ob sich etwas an seinen öffentlichen Auftritten ändern werde, reagiert er nicht.

 

Trügerische Erinnerungen

Grundsätzlich aber werden Vermittlungskonzepte für die deutsche Geschichte nach Ableben der letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs angepasst werden müssen. Denn eine umfangreiche Studie einer Forschungsgruppe um den Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer hat eine erstaunliche Ambivalenz in der deutschen Gesellschaft offenbart: Zwar wurde in mehreren 1000 Interviews zwischen 1997 und 2000 ein «politischer und gesellschaftlicher Grundkonsens in der Ablehnung des Nationalsozialismus» bestätigt. Im familiären Rahmen aber neigten die nachfolgenden Generationen dazu, das Verhalten der Vorfahren im Dritten Reich zu beschönigen. «Die Erinnerungen der Zeitzeugen verändern sich im familiären Gespräch, sie unterliegen einer steten Aktualisierung durch die Kinder, Enkel und Zeitgenossen selbst.»

 

Kinder und Enkel würden dazu neigen, Eltern und Grosseltern zu viktimisieren oder zu heroisieren, «das ist bequemer und leichter mit persönlichen Loyalitäten zu vereinbaren. Mehr noch, im Extremfall sind es die Zuhörer, die Geschichten von Kriegsverbrechen und Mord in Opfer-Geschichten oder Berichte über widerständiges, gar heldenhaftes Handeln ihrer Angehörigen umformen», schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie und konstatieren, dass «im Prozess der Tradierung von Vergangenheit die emotionale Dimension der Vermittlung von bildhaften Vorstellungen eine grössere Rolle spielt als kognitiv repräsentiertes Wissen». Gerade das Wissen um den verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus rufe in den nachfolgenden Generationen das Bedürfnis hervor, eine Vergangenheit zu konstruieren, in der ihre eigenen Verwandten in Rollen auftreten würden, die mit den Verbrechen nichts zu tun hätten.

 

Dieser Vorgang lässt sich mithilfe zweier Metaphern verdeutlichen: Im wissensbasierten «Lexikon» ist die umfangreiche Aufklärung über das NS-System enthalten. Diese im Bereich der öffentlichen Erinnerungskultur aus Schulunterricht und politischer Bildung resultierende Vorstellung vom Dritten Reich wird in Deutschland ergänzt durch ein «Album» der Familienerinnerungen aus jener Zeit. «Dieses Album stellt ein für die Interpretation der NS-Vergangenheit emotional hoch bedeutsames Referenzsystem dar, denn zu diesem Familienalbum gehören konkrete Personen und ihre Erzählungen sowie Briefe, Fotos, persönliche Dokumente oder Erinnerungsgegenstände», fassen die Studienautorinnen und -autoren zusammen. Oft aber sind die Einträge in «Lexikon» und «Album» für die Folgegenerationen kaum zu vereinen, wie in einem Gespräch deutlich wird, das das Wochenmagazin Stern vor fünf Jahren mit einer Tante von Rainer Höss geführt hat.

 

Ingebrigitt Höss, Schwester von Hans-Jürgen und Tochter von Rudolf Höss, wohnt seit über einem halben Jahrhundert in den USA. «Vati war streng, aber er war nie böse. Er hat am Tisch auch erzählt, so Familiensachen und was wir am Wochenende für Ausflüge unternehmen. Aber nie etwas von nebenan, da haben wir nie etwas gewusst», erinnert sie sich. Ingebrigitt Höss schaut auf ein ereignisreiches Leben zurück. Sie macht als Model Karriere in Spanien, wo sie ihren späteren Ehemann kennenlernt. Die beiden werden sesshaft in den Vereinigten Staaten und Höss findet Arbeit in der Boutique eines jüdischen Ehepaares. Als diese von ihrer Abstammung erfahren, sagt die Inhaberin: «Ingebrigitt, du kannst nichts dafür, du warst nur ein Kind. Aber du musst akzeptieren, was geschehen ist.» «Das war der Moment», gesteht Höss, «an dem ich aufgehört habe, Auschwitz zu leugnen.»

 

Verantwortung statt Schuld

Ohne Scheuklappen mit der Geschichte ihrer Familie auseinandergesetzt hat sich auch die Politikwissenschaftlerin Kathrin Himmler. Ihr Grossvater Heinrich Himmler gilt als Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei sowie Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums und später als Reichsinnenminister als einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust, den Völkermord an den europäischen Roma, die Verfolgung und Inhaftierung von politischen Gegnern sowie die Ermordung von Millionen von Kriegsgefangenen. In ihrem 2005 erschienenen Buch «Die Brüder Himmler. Eine deutsche Familiengeschichte» widerspricht sie der langjährigen Darstellung der Brüder von Heinrich, Ernst und Gebhard als unpolitische Technokraten und Befehlsempfänger.

 

Sie stört sich daran, dass die Familie hinter der «Bestie» Heinrich Himmler in Deckung gegangen sei – denn ihrer Recherche zufolge waren alle überzeugte Nationalsozialisten. Aber auch sie glaubt nicht an eine Erbschuld: «Das Böse vererbt sich nicht über das Blut», erklärte Himmler und fügt hinzu: «Wenn wir das denken würden, hätten die Nazis mit ihrer Rassenlehre gewonnen.» Für die Enkelin tragen die Nachfahren der NS-Täter und ihrer ungezählten Mitläufer «keine persönliche Schuld. Aber sie haben Verantwortung.» Den verlockenden Heilsversprechen selbst ernannter Führer dürften sie nicht folgen, die Ausgrenzung von Minderheiten dürften sie nicht mitmachen, wiederholt die Wissenschaftlerin immer und immer wieder bei Podiumsgesprächen und in Debatten mit Schülerinnen und Schülern. Sie plädiert für einen offenen Umgang der Deutschen mit ihrer Familiengeschichte und fordert gerade ihre jüngsten Zuhörerinnen und Zuhörer auf, Familiengeschichte vorurteilsfrei und ganz ohne Scham, aber auch ohne Beschönigungen zu erforschen.

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