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Nein hat etwas Negatives. Wer Nein sagt, ist für den andern nicht verfügbar. Ein Nein zeigt die Grenzen auf. Aber Nein kann auch eine Mauer sein für Selbstbestimmung, ein Schutz im Sinne einer kognitiven Selbstfürsorge.

Je keiner ein Kind ist, desto grösser die Mühe, ein Nein wegzustecken. Ein Kleinkind bleibt in der Regel beharrlich dran, um das Nein zu besiegen. Und oft – vor allem beim Einkaufen – gelingt ihm das. Später im Jugendalter werden die Techniken raffinierter, um ein Nein zu durchbohren. Diplomatie, kleine Erpressungen, Wutanfälle, Schmeicheleinheiten – alle Taktiken werden eingesetzt, um das Ziel zu erreichen. Sei es für ein Wochenende ausser Haus mit Freunden oder für einen neuen Laptop. Ein elterliches Nein gilt als Herausforderung, daraus ein Ja zu machen. Ab einem gewissen Alter, das mit dem Erwachsensein beginnt, gilt es jedoch langsam, ein Nein als Nein zu akzeptieren. Die Konfrontation mit Nein von links und rechts ist besonders frustrierend, wenn man das früher zu wenig «trainiert» hat. Das ist die eine Seite von Nein. Die andere Seite ist, Nein zu sagen. Damit haben viele bedeutend mehr Mühe, als ein Nein wegzustecken.

Kurt Tucholsky schrieb: «Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!» Er meinte damit, sich vom Mainstream der Gesellschaft abzusetzen und zum Beispiel Menschenrechtsverletzung offen zu kritisieren. Aber auch im privaten Rahmen unter Erwachsenen erfordert ein Nein oft viel Charakter. Schweigen ist bequemer und um den Brei reden oft einfacher, als sich in Gegensatz zu stellen. Und wenn man aus seinem Umfeld um etwas gebeten wird, dies oder das zu tun, erscheint ein Ja oft einfacher als ein Nein, obschon man Nein sagen möchte.

Ende Jahr ist bei Suhrkamp Wissenschaft das Buch «Negativität» erschienen, das in zahlreichen Beiträgen aus Kunst, Recht und Politik aufzeigt, dass Negativität nicht einfach dem Gelingen im Wege steht. Im Gegenteil: Negativität wird als eine Kraft der Befreiung dargestellt, die ein Gelingen anderer Art ermöglicht. Ein Nein kann eine notwendige Mauer sein, um die Selbstbestimmung und Selbstfürsorge zu schützen. William Ury, Experte für Verhandlungen und Mediation an der Harvard Law School, ist überzeugt: «Manchmal müssen wir zu vielen kleinen Dingen Nein sagen können, um das Wesentliche zu verwirklichen.»

Anton Ladner