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Der Schriftsteller Peter Stamm zählt nicht erst seit der Verleihung des Buchpreises 2018 an ihn zu den ganz Grossen seines Fachs in diesem Land. Mit seinen kurzen, fast spröden Sätzen, in denen kein einziges überflüssiges Wort stört, hat er sich lange davor in die Schweizer Literaturlandschaft hinein geschrieben. Im Interview spricht er über ein an sich unprosaisches Thema, das Älterwerden, und was das mit einem Autor und seiner Prosa anstellt.

von Christine Schnapp, Bild von Stefan Kubli

 

Peter Stamm, Sie zählen 57 Jahre. Wie alt oder jung fühlen Sie sich?

Ich habe mich von jung an nie wirklich jung oder alt gefühlt und das ist bis heute so geblieben. Nur wenn mir irgendetwas weh tut, merke ich, dass ich keine 20 mehr bin.

 

Ist die Zunahme an Altersjahren für Sie eher eine Last oder mehr eine Befreiung?

Körperlich eher eine Belastung, wenn auch noch keine grosse. Psychisch eher eine Entlastung, ich bin entspannter geworden und mache nur noch, wozu ich Lust habe. Und glücklicherweise gehöre ich auch nicht zu den alternden Männern, die das Gefühl haben, sie müssten den Everest besteigen oder einen Triathlon machen.

 

Älter werden heisst auch, dass man auf mehr Entscheidungen zurückblickt, die man nicht mehr ändern kann, und auf der anderen Seite der Gestaltungsraum des eigenen Lebens kleiner wird.

Ich habe etliche Umwege gemacht in meinem Leben, aber fast alle haben sich im Nachhinein als gut herausgestellt. Aber vieles ist natürlich Interpretationssache. Zufriedenheit hat vielleicht weniger damit zu tun, was einem widerfahren ist, als damit, wie man es interpretiert.

 

Blicken Sie gerne zurück? Oder gibt es dort zu viel, das Sie heute anders machen würden?

Schreiben ist erinnern, es ist also quasi mein Beruf, zurückzublicken. Auch auf Dinge, die nie geschehen sind. Ansonsten bin ich aber nicht jemand, der dauernd an die Vergangenheit denkt. Ich habe einfach in der Gegenwart so viel zu tun, dass ich nur selten dazu komme. Am ehesten, wenn ich alte Fotos anschaue oder Leute aus der Vergangenheit treffe.

 

Und schauen Sie zuversichtlich in die Zukunft? Oder gibt es dort zu viel, das Ihnen Angst macht?

Nicht wirklich. Das hat mit einer gewissen Demut zu tun. Ich versuche, so anständig wie möglich zu leben, so ökologisch wie möglich, aber ich bin mir auch bewusst, dass ich die Welt nicht retten kann. Es gibt bei den Umweltschützern zum Teil denselben Grössenwahn, den sie bei ihren Gegnern kritisieren. Es gibt keine grosse Lösung für alle Probleme, wir müssen ganz viele einzelne Schritte machen, jede und jeder für sich.

 

Wie stellen Sie sich ein würdevolles Altern vor?

Viel hat natürlich mit Gesundheit zu tun, mit der Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben. Dann würde ich mir eine gewisse Gelassenheit wünschen. Und dass ich nicht versuchen werde, mich wie ein junger Mann zu benehmen. Und dass ich akzeptieren werde, dass junge Leute nachkommen, die andere, vielleicht bessere Ideen haben, andere Vorstellungen, was richtig und was falsch ist. Nichts ist schlimmer als alte Männer, die meinen, sie müssten allen die Welt erklären. Und von denen gibt es schon mehr als genug.

 

Sie haben beruflich zuerst anderswo Erfahrungen gesammelt, bevor Sie sich ganz dem Schreiben zuwandten. Braucht es ein Mass an Lebenserfahrung, um Literatur zu schaffen, die auch für andere Menschen interessant ist?

Es hilft bestimmt, aber es gibt auch tolle Bücher, die von ganz jungen Menschen mit wenig Lebenserfahrung geschrieben wurden. Es gibt so viele verschiedene Arten zu schreiben, das ist ja das Tolle an diesem Beruf. Und Erfahrungen macht ja jeder, wir können gar nicht anders, selbst wenn es die Erfahrung ist, nichts zu erleben, ein eintöniges Leben zu führen. Auch daraus lässt sich grosse Literatur machen.

 

Wie wirkt sich Ihr Älterwerden auf Ihr Schreiben aus? Gibt es da überhaupt einen linearen Zusammenhang?

Nicht stark. Am ehesten vielleicht dadurch, dass meine Figuren mit mir älter werden. Ich hoffe auch, dass ich sicherer werde, mutiger, besser, aber das hat eher mit der Erfahrung als mit dem Alter zu tun.

 

Gehen Sie eigentlich mit 65 in Rente? Oder kommt das beste Schreiben erst danach?

Sicher nicht. Ich werde schreiben, solange ich Freude daran habe und die Kraft, die es braucht. Schreiben ist eine Art zu leben, nicht ein Beruf, den man von acht bis fünf ausübt. Und auch keiner, in dem man pensioniert wird. Ob die Bücher besser werden, kann man nicht sagen. Einige ältere Autorinnen und Autoren haben in hohem Alter tolle Bücher geschrieben, andere eher nicht.

 

Wir leben in unruhigen Zeiten. Beeinflussen Politik und Weltgeschehen Ihre literarische Arbeit?

Indirekt bestimmt. Ich habe immer aus meiner Zeit heraus über meine Zeit geschrieben. Da fliesst alles mit ein, was ich erlebe und beobachte. Ich werde sicher nicht einen Roman über die Flüchtlingskrise oder den Klimawandel schreiben, man sollte sowieso keine Bücher «über» etwas schreiben. Die Zeit, die Situation der Welt äussert sich in den Büchern auf andere Weise.

 

Was antworten Sie denen, die fordern, dass sich Künstlerinnen und Künstler zum politischen Geschehen äussern sollen?

Das ist ein kompliziertes Thema. Grundsätzlich sind Künstlerinnen und Künstler in politischen Fragen aber nicht kompetenter als irgendjemand. Es gibt viele Beispiele von – vor allem – Autoren, die furchtbare politische Ansichten hatten. Die hätten besser die Finger gelassen von der Politik. Es kann aber durchaus sinnvoll sein, als Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, seine Meinung zu vertreten. Das gilt ebenso sehr für Künstlerinnen wie für Politiker, Sportlerinnen, Wirtschaftsleute.

 

Sie bezeichnen sich selbst als Grünen. Machen Ihnen Klimawandel und der Verlust von Biodiversität Angst?

Natürlich. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass der Klimawandel vor allem unser Problem ist. Die Natur hat schlimmere Klimaveränderungen überstanden, von Eiszeiten bis zu extremen Warmzeiten. Wenn der Meeresspiegel steigt, ist das für die Natur kein Problem, nur für die Menschen, die in den Gebieten leben, die überschwemmt werden. Das heisst nicht, dass wir den Klimawandel nicht mit aller Kraft bekämpfen sollten. Im Gegenteil: Wir tun es für uns. Und ich glaube, wir könnten viel besser leben, wenn wir ökologischer leben würden.

 

Was ist das Gute an der Gegenwart?

Dass sie veränderbar ist.

Buchtipp:
Peter Stamm:
Die sanfte Gleichmütigkeit der Welt
Fischer, Frankfurt am Main 2018.
160 Seiten, Fr. 31.90.
ISBN 978-3-10-397259-7.