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Der achtsame Blick auf die Narren

Alljährlich finden vielerorts zwischen dem Schmutzigen Donnerstag und dem Aschermittwoch die närrischen Tage statt. Fasnacht, Fastnacht, Karneval oder gar die fünfte Jahreszeit – so vielfältig wie die Bezeichnungen sind die regionalen Gepflogenheiten dieses Brauchtums. Der historische Hintergrund ist jedoch überall derselbe: vor dem Beginn der Fastenzeit für einmal richtig die Sau rauslassen und die gesellschaftlichen Strukturen auf den Kopf stellen. Schon in der Antike wurden zur Winterszeit bunte, närrische Feste gefeiert, an denen Herren und Sklaven die Rollen tauschten und gemeinsam prassten. Später, im Mittelalter, konnte man sich während der Fasnacht aus dem engen Korsett der Kirche lösen und den Klerus gar ins Bockshorn jagen. Rückblickend mag man es den Menschen von anno dazumal so richtig gönnen, dass während dieser kurzen Wintertage der soziale Status bedeutungslos wurde und die Verballhornung furchteinflössender Institutionen ungeahndet blieb.

Die Gesellschaft hat sich inzwischen radikal verändert, sie ist viel egalitärer und liberaler geworden. Ist die Fasnacht als Umkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse überhaupt noch angebracht? Aussenstehende Beobachter sehen in der Fasnacht wohl lediglich laute Musik, viel Alkohol und absolute Hemmungslosigkeit. Ich möchte hier auf keinen Fall abstreiten, dass das zu einem gewissen Grad auch stimmt. Dennoch lohnt sich für den Aussenstehenden der achtsame Blick, denn die Fasnacht hat ihren wahren Kern aus der Antike durchaus bewahrt. Mit dem Überziehen des Kostüms wird der gesellschaftliche Status, den es auch heute noch gibt, über Bord geworfen und mit ihm ein Stück Political Correctness. An der Fasnacht darf man sich über vieles lustig machen. Politik, Wirtschaft, Behörden, Kultur oder nach wie vor die Kirche sind die gängigsten Opfer närrischen Treibens. Die Fasnacht ist also Satire schlechthin: inszenierte Kritik des kleinen Bürgers gegen die hohen Mächtigen.

Ich persönlich staune jedes Jahr, wie viel kreative Energie an der Fasnacht zum Vorschein kommt. Das fängt bei den Jungfasnächtlern am Kinderball an, geht über all die Einzelmasken, Paare, kleinen und grossen Gruppen am Umzug bis hin zu den Guggenmusikern, die das ganze Jahr lang proben und während der Fasnachtszeit durch die halbe Schweiz touren.

Mein persönliches Highlight sind aber definitiv die Schnitzelbänke. Die oben erwähnte Satire wird bei ihren Vorträgen am eindrücklichsten zelebriert. Nebst der Satire kommen bei den Schnitzelbänken weitere Kunstformen zum Tragen – einerseits die bildende Kunst anhand von aufwendig illustrierten Plakaten und andererseits die Lyrik, da die Vorträge der Schnitzelbänke in Versform präsentiert werden. Mit einem achtsamen Blick befriedigt die Fasnacht also höchste intellektuelle Ansprüche.

An dieser Stelle möchte ich die Doppelpunkt-Leserschaft animieren, den achtsamen Blick auf die Fasnacht zu wagen. Und vielleicht traut sich ja der/die eine oder andere hinter dem Schutzschild eines Kostüms, seine/ihre satirischen Fertigkeiten vor Publikum auf die Probe zu stellen. Ich freue mich über jede Kontaktaufnahme (broedlimeister@spanischbroedlizunft.ch).

 

Niklaus Merker ist Brödlimeister der Spanischbrödlizunft Baden und Co-Präsident des OK Badener Fasnacht.