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Urbanes Kapital der Zukunft

Lange wurde der öffentliche Raum in Städten rund um das Auto herum geplant. Heute verlangen die Menschen diesen Lebensraum für sich zurück. Wegen des Klimawandels muss der öffentliche Raum zukünftig auch eine ökologische Funktion übernehmen. Zwei, die sich der Gestaltung des öffentlichen Raums verschrieben haben, sind Martin Burri und Andreas von Euw. Im Interview geben sie Einblick in die Überlegungen, die hinter ihrer Planung stecken.

von Christine Schnapp

 

Andreas von Euw, das Verständnis von öffentlichem Raum ist aktuell stark in Veränderung begriffen.

Ein guter öffentlicher Raum ist nach unserer Überzeugung einer der wichtigsten Werte, den ein Gemeinwesen haben kann. Es sollte das oberste Ziel eines Gemeinwesens sein, möglichst grosse soziale Integration von möglichst vielen Menschen zu ermöglichen. Wir glauben, dass es mit einem gut geplanten, gut eingerichteten und gut gepflegten öffentlichen Raum erheblich einfacher fällt, dieses Ziel zu erreichen. Und vor allem auch kostengünstiger als mit anderen sozialen Integrationsprogrammen. Der öffentliche Raum ist der Ort, wo das Leben stattfindet, wo Menschen einander treffen, wo sie Identifikation erleben mit ihrer Stadt, ihrem Quartier, ihrer Strasse. Wer hier Lebensqualität erlebt, fühlt sich wohl, und wo man sich wohlfühlt, da fühlt man sich sicher und fängt man an, sich dafür einzusetzen.

 

Man sieht leider viele öffentliche Räume, wo noch nichts passiert ist oder die Gestaltung schlecht gemacht wurde.

  1. v. E.: Es geht oft noch fast ausschliesslich um die Gebäude um einen Platz herum statt um den Platz selbst. Dabei ist es so, wie Amanda Burden, die ehemalige New Yorker Stadtplanerin, sagt, dass die öffentlichen Räume das Wichtigste sind: ‹Public spaces are more important than buildings. They make a city alive.› Sie hat für ihre Stadt viel erreicht. Früher ist man nicht gerne durch Manhattan gelaufen, das war ein Business-Viertel und der öffentliche Raum war nur für Autos funktional. Als man erkannte, dass man etwas ändern muss, hat man beispielsweise die Erdgeschosse zugänglich gemacht und private Grundstücke in den öffentlichen Raum miteinbezogen.

 

Auch bei uns geht es heute darum, die Städte den Autos wegzunehmen und den Menschen zurückzugeben.

  1. v. E.: Es gibt einen Vordenker für den öffentlichen Raum, das ist der Architekt Jan Gehl aus Dänemark (siehe Kasten Seite XX). Er sagt, Städteplanung müsse auf den Menschen und seine Bedürfnisse ausgerichtet werden, dann würden sie automatisch lebenswert. Das ist natürlich eine übergeordnete Theorie, aber auch wir bewegen uns dort, wenn wir ein Konzept erarbeiten.

 

Eigentlich weiss man ja, was es braucht, damit sich Menschen in Städten wohlfühlen.

  1. v. E.: Ja, und es ist auch interessant, wie sich Städte entwickelt haben. Ganz früher waren Städte Festungen. Mit der Industriellen Revolution haben sie sich erstmals massgeblich verändert. Da ging es um Platz für die Industrie, um Wohnungen in der Nähe der Arbeitsplätze, damit die Menschen möglichst lange arbeiten konnten. Im 20. Jahrhundert war Business das Thema, daher kommt die Idee, dass man eine Autobahn direkt in die Städte hineinführt. Das 21. Jahrhundert ist die Zeit, in der man sagt, der öffentliche Raum wird wieder ein Public Space, ein Platz für Menschen. Städte werden wieder für Menschen gedacht, fürs Zwischenmenschliche und für das Zusammenleben. Seit 2010 wohnen mehr Leute in Städten als ausserhalb, Urbanisierung ist ein Megatrend, der sich nicht mehr umkehren wird.

 

Martin Burri: Die soziale Struktur in Städten hat sich mit der Verdichtung und Mobilität enorm gewandelt. Deshalb müssen Themen wie soziale Integration irgendwo stattfinden. Grossfamilien gibt es kaum noch und die kleinen städtischen Einheiten von früher auch nicht mehr, d. h., es muss jetzt alles im öffentlichen Raum aufgefangen werden, dass man sich austauschen und durchmischen kann. Das ist ein Druck auf den öffentlichen Raum, der entsteht, weil dieser ganz vielfältige Aufgaben wahrnehmen muss – vor allem auch im sozialen Bereich.

 

  1. v. E.: Und er hat eine wichtige Funktion für die Identifikation. Interessant ist auch, dass die Einrichtung von öffentlichen Räumen, beispielsweise die Infrastruktur für einen grossen Platz, schlussendlich diese Lebensqualität bieten kann, obwohl sie nur ein kleiner Beitrag zum Ganzen ist und nur einen Bruchteil der Gesamtkosten beansprucht, aber für den Grossteil der Wahrnehmung und der Annehmlichkeit verantwortlich ist. Da sollte man nicht sparen, weil man mit wenig Geld sehr viel erhält. Soziale Integration kann man mit hohen Sozialausgaben erreichen oder mit einem kleineren Budget, das man in einen gut funktionierenden, lebenswerten öffentlichen Raum investiert.

 

Die Gestaltung des öffentlichen Raums ist mitunter nicht einfach, weil viele Player mitreden.

  1. v. E.: Ja, das ist ein entscheidender Aspekt bei der Planung des öffentlichen Raums. Dort kommen viele Bedürfniswelten zusammen. Einerseits die Seite der Nutzenden, aber natürlich auch die derjenigen, die den Raum zur Verfügung stellen.

 

Der öffentliche Raum gehört eigentlich den Menschen, aber die Gestaltung erfolgt oftmals wenig demokratisch. Wie erleben Sie das?

  1. B.: Das Bewusstsein hat sich schon geändert. Jetzt ist noch die grüne Welle dazugekommen und nun sagt auch die Bevölkerung: ‹Es muss etwas geschehen und zwar im grossen Stil.› Das ist eine berechtigte Forderung, doch schon hat man Grabenkämpfe. Die einen wollen mehr Bäume, das Tiefbauamt hingegen sagt: ‹Spinnt ihr? Da unten ist alles voller Wasser- und Werkleitungen. Wenn wir die verlegen müssen, kostet jeder Baum 200 000 Franken.› Da muss man dann halt Varianten suchen, denn beide haben mit ihren Argumenten Recht. Doch zum Glück gibt es immer eine Lösung, wenn man flexibel ist. Ich glaube, es ist eine gute Zeit, um Lösungen zu suchen und all die Themen wie Ökologie, soziale Integration, Verdichtung usw. zusammen denken zu können. Aber Demokratie ist natürlich ein zäher Prozess. Doch das Bewusstsein, dass der öffentliche Raum wichtig ist und für die Menschen und die Ökologie umgestaltet werden muss, das ist heute vorhanden.

 

Und wenn Privatbesitzende nicht mitmachen?

  1. B.: Die können sich nicht mehr entziehen, nur schon, weil es sie finanziell schädigen kann, wenn sie es nicht tun. Sie können sich auch der Verdichtung nicht entziehen. Klar, Verdichtung ist gut für Investoren, aber sie ist auch eine Chance, denn wenn man verdichtet, gibt es auch neue Freiräume und es stehen mehr Mittel zur Verfügung dafür, das, was man hat, besser zu machen. Deshalb denke ich, dass in der ganzen Breite von Politik, über die Bevölkerung bis hin zu den Investoren, alle mit denselben Themen konfrontiert sind, keiner kann sich entziehen und es dient auch jedem, wenn man es gut macht.

 

Es gibt schon noch Private, die sich der Verantwortung entziehen. Begrünte Fassaden etwa, nach denen in den Städten alle rufen, gibt es in der Schweiz noch kaum.

  1. B.: Ich habe das kürzlich mit dem Landschaftsarchitekten Lukas Schweingruber diskutiert. Er sagt, dass ihn das vertikale Grün in der Stadt sehr beschäftigt. Damit man das machen kann, müssen jedoch ein paar Bedingungen erfüllt sein. Zum Beispiel braucht es einen Abstand zur Fassade, damit kommt die Begrünung näher an die Baulinie und die Baufläche verkleinert sich um den Abstand zwischen Grün und Fassade. Wenn man dafür das Gebäude um eine Etage aufstocken kann, ist das nicht schlimm, wenn das nicht geht, verliert man Nutzfläche.

 

Braucht es Verpflichtungen, damit schneller mehr geschieht?

  1. v. E.: Die Regulationsdichte zu erhöhen mag auf den ersten Blick ein logischer und einfacher Schritt sein, um ein gewünschtes Verhalten zu erreichen, aber es schränkt die Möglichkeiten von Unternehmen ein, mit neuen, kreativen Lösungen zu kommen, die sich auch rechnen. Besser ist es, wenn die Haltung stimmt. Deshalb brauchen wir eher einen Diskurs über Werte denn über neue Gesetze.

 

Die Begrünung von Städten ist gar nicht so einfach.

  1. B.: Ja, das stimmt. Die Stadt Zürich etwa hat einen alten Baumbestand und von diesem werden nicht alle den Klimawandel überleben. Jetzt überlegt man sich, welche Sorten diesbezüglich robust sind, und experimentiert aktuell mit dem Ginkgo. Dieser ist resistent in puncto Wassermenge und Temperaturschwankungen und bei den Ginkgos verlieren alle beinahe gleichzeitig die Blätter im Herbst, sodass die Räumung einfacher ist.

 

Eigentlich gehören Bäume eher nicht in die Städte. Sie fühlen sich im Wald wohler.

  1. B.: Bäume alleine reichen nicht. Sie sind punktuell etwas Gutes, aber wer denkt, wir lösen das ganze Problem, das der Klimawandel in den Städten mit sich bringt, mit Bäumen, der irrt. Denn es gibt tatsächlich Probleme mit deren Umweltbedingungen. Bäume sind nur ein Teil, es braucht auch vertikale Begrünung, aktive Fassaden, Dachbegrünungen und vieles mehr.

 

Martin Burri ist Architekt ETH, Inhaber in der 4. Generation und Mitglied der Geschäftsleitung der BURRI public elements AG.

 

Andreas von Euw ist Mitglied der Geschäftsleitung der BURRI public elements AG und Verantwortlicher Bereich Haltestellen & Mobilität.

 

Die BURRI public elements AG ist seit mehr als 100 Jahren im Bereich der Gestaltung und Entwicklung des öffentlichen Raums in der Schweiz und im Ausland tätig.

 

Jan Gehl

Der Däne ist der Mann hinter der Transformation Kopenhagens hin zur lebensfreundlichsten Stadt der Welt. Früher wurde der Architekt belächelt, heute gilt er als einer der einflussreichsten Städteplaner der Welt. In einem Interview mit brand eins gibt er Einblick in die wichtigsten Prinzipien des Städtebaus. Gemäss Gehl ist eine Stadt lebenswert, wenn sie das menschliche Mass respektiert, also im Tempo von Fussgänger und Fahrradfahrer tickt und sich auf ihren überschaubaren Plätzen und Gassen wieder Menschen begegnen können. Auch Gebäude und Stadtviertel sollen nach diesem Mass geplant werden, also nicht immer grösser und aufgeblähter, denn die Menschen sind genauso klein wie je. Städte sollten ausserdem die Menschen in Bewegung versetzen, man muss sich also gerne in ihnen zu Fuss oder Velo bewegen, was daneben nichts anderes ist als eine sehr günstige Gesundheitspolitik. Zu den spektakulären Bauten von Stararchitekten und -architektinnen hat Gehl eine dezidierte Meinung, er nennt sie Vogelkot-Architektur: «Das, was Star-Architekten über Städten abwerfen, sieht am Boden häufig ziemlich beschissen aus. Viele Planer glauben, bei Architektur gehe es vor allem um die Form. In Wirklichkeit aber geht es um die Interaktion von Form und Leben, also um die Dinge, die sich zwischen Häusern abspielen. Dieses Leben zwischen den Häusern ist zugegebenermassen komplizierter zu planen als irgendein vermeintlich grossartiges Stück Architektur. Was auch der Grund ist, weshalb es so selten versucht wird.»

 

Buchtipp

Jan Gehl
Städte für Menschen
Jovis Verlag Berlin, 2015.
288 Seiten, Fr. 46.90.
ISBN 978-3-86859-356-3.

Jetzt bestellen unter: 056 203 22 44

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