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Der Kanton Bern will seine Zweisprachigkeit stärken und deren Potenzial und Chancen besser nutzen. Ende Juni präsentierte die Regierung einen Aktionsplan.

von Alain Meyer

Am Fusse des Jurabogens, zwischen der deutsch- und französischsprachigen Schweiz, liegt Biel, die grösste zweisprachige Stadt des Landes (56 000 Einwohner). Die ehemalige Arbeiterstadt, die Hauptstadt des Seelandes, ist auch heute noch ein wichtiger Produktionsstandort für prestigeträchtige Schweizer Uhren wie Rolex und Omega. Die Swatch Group, die weltweit führende Uhrenmanufaktur, hat hier seit ihrer Gründung 1983 ihren Hauptsitz. Biel, das von der Uhrenkrise der 1970er- und 1980er-Jahre stark betroffen war, befindet sich derzeit in einer Revitalisierung. Es gibt zahlreiche städtische und kulturelle Projekte, und die Bevölkerung wächst seit Anfang der 2000er-Jahre wieder stetig. Die zehntgrösste Stadt der Schweiz ist auch eine der kosmopolitischsten des Landes. 

Mehr als 140 Nationalitäten leben Seite an Seite und der Ausländeranteil liegt bei 34 Prozent der Gesamtbevölkerung. Obwohl die Sozialhilfequote kürzlich leicht sank, ist sie mit 11,5 Prozent immer noch eine der höchsten im Vergleich zum nationalen Durchschnitt. Am 28. Juni legte die Berner Regierung in einem Aktionsplan dar, wie sie die Zweisprachigkeit in den Schulen, der Verwaltung und beim Gesundheitspersonal in den Spitälern des Kantons fördern will. Wenige Tage später, am 4. Juli, fiel ein Entscheid auf Bundesebene: Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga stellte für rund 30 Schilder an der A5-Umfahrungsstrasse am östlichen Ortseingang von Biel die Sprachparität wieder her. Die Schilder gab es seit zwei Jahren nur noch in einer deutschsprachigen Version, während die Strassenbeschilderung in dieser Region sonst allgemein zweisprachig ist (also Biel/Bienne).

Seit Ende Juni findet zudem im Neuen Museum in Biel eine Ausstellung statt, in deren Zentrum der Kern der zweisprachigen Orthodoxie steht. Der Titel soll provokativ sein: «Le bilinguisme n’existe pas» (Die Zweisprachigkeit gibt es nicht).Der Kurator argumentiert, das deutsch-französische Tandem sei bereits seit mehreren Jahren zu einem grösseren Ganzen verwässert worden, das man grob als Globalisierung bezeichnen könne. Zudem hatten verschiedene Migrationswellen im Laufe der Zeit auch andere Sprachen in die Stadt gebracht. So sehr, dass in Biel, der zweisprachigsten Stadt des Landes, heute fast 160 verschiedene Sprachen mehr oder weniger fliessend gesprochen werden.

«Wir wollen die Bewohner und Bewohnerinnen dieser Region dazu bringen, über ein Thema nachzudenken, das weit über die Beziehungen zwischen Romands und Deutschschweizern hinausgeht. In Wirklichkeit ist Biel viel mehr als eine zweisprachige Stadt. Sie ist mehrsprachig. Und hier gibt es viel mehr als nur eine Zweisprachigkeit», erklärt Florian Eitel, der Kurator dieser Ausstellung, deren Untertitel dies deutlich macht: «Biu/Bienne, città of njëqind Sprachen». Der Satz ist ein Konzentrat von sechs der heute in Biel am meisten verbreiteten Sprachen, darunter Albanisch (njëqind = hundert). Übersetzt ins Deutsche also: «Biel, Stadt der hundert Sprachen».

Florian Eitel, von Beruf Historiker, räumt ein, er bedauere das Verschwinden von lokalen Dialekten und Patois, die in der Region einst regelmässig gesprochen wurden, wie die lokale jurassische Mundart der Uhrmacher oder der Dialekt der Altstadt. Die Hauptstadt des Seelands wollte er aber weder zu einem Modell noch zu einem Sonderfall der Zweisprachigkeit machen. «Im Laufe der Jahrhunderte haben sich hier Arbeiter mit unterschiedlichstem Hintergrund niedergelassen», erklärte er. Zu erwähnen ist auch die seit dem 18. Jahrhundert erfolgte Ansiedlung französischsprachiger Uhrmacher aus dem Jura, die sich mit den Fabrikanten aus dem Berner Mittelland vermischten. Damit wurde Biel zu einem Labor für Linguisten und einem idealen Beobachtungsgebiet für Sprachkonflikte in der Schweiz.

Etwa 30 Kilometer entfernt, in der Hauptstadt, kümmern sich die Kantonsbehörden jedoch nicht um den aktuellen Sprachmix. Bern will nun aber «das Potenzial seiner deutsch-französischen Zweisprachigkeit besser ausschöpfen», und zwar im engeren Sinne, indem es ihr neue Dynamik verleiht. Und Bürger und Bürgerinnen werden ermutigt, mitzumachen.

Die Massnahmen und Erwägungen basieren auf einem Gutachten einer Expertenkommission unter Leitung des früheren Bieler Stadtpräsidenten Hans Stöckli. «Ein Politiker, der in all seinen Facetten das Gleichgewicht im Sprachgebrauch verkörpert», sagt Virginie Borel, Geschäftsführerin des Forums für die Zweisprachigkeit, einer Organisation, welche die ausgewogene Präsenz des Französischen auf allen Ebenen in Biel überwacht. Der neue Aktionsplan sieht vor, den Sprachaustausch zwischen französisch- und deutschsprachigen Schülerinnen und Schülern in Zukunft verstärkt in ganzen Klassen oder einzeln zu fördern. Zu diesem Zweck soll in Bern ein Büro für Sprachaustausch eingerichtet werden. Schülerinnen und Schüler sollen am Ende der obligatorischen Schulpflicht zudem ein zwölftes Sprachjahr absolvieren können. Die Pilotprojekte für zweisprachige Unterrichtsangebote, die es an den Gymnasien in Bern und Biel bereits gibt, sollen ausgeweitet werden.

Der Respekt für die Zweisprachigkeit erfordert aber auch eine bessere Vertretung der französischsprachigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der kantonalen Verwaltung. Bereits seit einiger Zeit gibt es Massnahmen und Empfehlungen, um eine ausreichende Anzahl französischsprachiger Menschen für eine Anstellung beim Staatsapparat zu rekrutieren. Obwohl der Kanton noch keine Quoten verlangt, fordert er nun genauere Statistiken, um den Anteil der Französischsprachigen unter dem Personal zu erhöhen.

Die Behörden des bevölkerungsreichsten Kantons der Schweiz räumen es ein und erröten dabei etwas: Die Produktion von Originaldokumenten in Französisch bleibt in Bern die Ausnahme. Der Kanton, der schon mehr als 4,5 Millionen Franken pro Jahr für seinen Übersetzungsdienst ausgibt, will auch in diesem Bereich einen Gang zulegen. Berichte, Projekte und offizielle Verwaltungsdokumente sollen in Zukunft systematisch in beiden Sprachen erstellt werden. 

Im Gesundheitswesen sollten jene Spitäler, die dazu verpflichtet sind (Spitalzentrum Biel und Inselspital Universitätsspital Bern), in Zukunft in der Lage sein, Patienten und Patientinnen jederzeit in beiden Amtssprachen zu informieren. Das Inselspital Bern wurde dazu aufgefordert, einen Verantwortlichen für frankophone Angelegenheiten zu ernennen, wie es die Universität Bern bereits getan hat. Zudem wird geprüft, ob jedes Jahr ein zweisprachiger Kulturpreis vergeben werden soll, dessen Umfang und Auslegung vorerst noch offen sind. Der Kanton Bern würde auch die Einführung eines Gesetzes zur Zweisprachigkeit begrüssen, um die Vorgaben klar zu verankern. Die Staatskanzlei soll nun einen Gesetzesentwurf ausarbeiten. Eine der Empfehlungen könnte auch gewisse Empfindlichkeiten verletzen: Dazu gehört die Aufforderung, in der je anderen Sprache zu reden (Französisch mit einer deutschsprachigen Person und Deutsch mit einer französischsprachigen Person), wenn immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Zum Beispiel in den Korridoren der kantonalen Verwaltung, bei Sitzungen oder noch prosaischer in den Pausen. Mit anderen Worten, eine klare Aufforderung, in Bern mehr Französisch zu sprechen.

«Einfache Massnahmen, die nichts kosten», lautete ein zusammenfassendes Fazit in der Hauptstadt. Das gilt auch für die Weiterbildungskurse, die der Kanton in seinen Dokumenten noch immer etwas ungeschickt als Teambuilding bezeichnet. Schliesslich könnte auch ein Posten für eine Madame oder einen Monsieur Bilingue geschaffen werden, um den ganzen Prozess der Förderung der Zweisprachigkeit im ganzen Kanton letztlich besser zu koordinieren. Aber abgesehen von dieser Position werden weder die Staatskanzlei noch die Direktionen ein höheres Budget erhalten. Der Einsatz für die Zweisprachigkeit hängt vor allem vom Wohlwollen seiner Anhängerschaft ab und von denen, die sie praktizieren. «Viele Politiker sind sich schlicht nicht bewusst, dass die Aufrechterhaltung der Zweisprachigkeit teuer ist», erklärte Virginie Borel. Als Optimistin hat sie aber seit einigen Jahren einen Mentalitätswandel beobachtet.