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Die COVID-19-Pandemie führt es schmerzlich vor Augen: Das perfekte Leben ist unmöglich geworden. Aber es war schon immer unmöglich, weil das Streben nach Perfektionismus zu Besessenheit führt – zu einer fremdbestimmten Existenz.

von Anton Ladner

Viele Musiker sind auf der Suche nach der perfekten Interpretation. Sie üben und üben und erscheinen bald einmal besessen von ihrer Leidenschaft. Auch im Sport stösst man auf Menschen, die sich Tag für Tag abmühen, ja quälen, um ihr Ziel zu erreichen. Aber dieses Streben unter grossen Opfern ist auch bei ganz durchschnittlichen Menschen zu finden. Bei Mädchen, die einem unwirklichen Körper nachjagen. Jungs, die sich Bizepse antrainieren, die gar nicht zu ihrem Körper passen. Doch das Streben nach vermeintlicher Perfektion hat viele dunkle Seiten. Ist Perfektionismus ein gestörter psychologischer Prozess?

Hohe Standards, hohe Erwartungen an sich und andere, Angst vor Fehlern, Zweifel, ob das eigene Handeln richtig genug ist, Arbeiten, die nicht angepackt werden, weil sie perfekt erlegt sein müssen, Arbeiten, die deswegen lange nicht beendet werden. Das charakterisiert Perfektionisten, die einerseits bewundert werden, aber auch viele Kollateralschäden mit ihrem Streben verursachen. Perfektionismus wird deshalb auch mit Depressionen, Panikattacken, Obsessionen, Problemen in Beziehungen in Verbindung gebracht. Der in Lugano verstorbene italienische Starpianist Arturo Benedetti Michelangeli war ein Paradebeispiel dafür. Ein kleiner Defekt in der Regulierung des Instruments führte gleich zur Absage eines Konzerts, zu Auseinandersetzungen über Konventionalstrafen und weiteren Problemen. Wohl niemand der Konzertbesucher hätte den minimen Mangel gehört. Für den Pianisten wurde sein Perfektionismus zum Dämon.

Gibt es ein Rezept für gesunden Perfektionismus? Ist eine Dosierung von hohen Erwartungen und Engagements möglich, um ohne Belastung der psychischen Gesundheit über die Runden zu kommen? Wer die schädlichen Auswirkungen von Perfektionismus erkennt und verinnerlicht, hat bereits eine Art Rückversicherung gegen Dämon-Schäden. Ebenso schafft ein Vermächtnis der Psychoanalyse Gewissheit. Die Antwort auf die Frage, woher dieses Streben nach dem Perfekten stammt. Ein Auftrag aus der Umgebung, in der man gross geworden ist? Oder ein gewachsener Wunsch, der auf einer Begeisterung, einer wahren Leidenschaft fusst? Ehrliche Antworten führen zu einer klaren Orientierung. Es geht dabei um die Frage, ob man eine Wahl hat oder ob man eine Pflicht erfüllt.

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