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Freiheit und das gedruckte Wort in Zeiten Künstlicher Intelligenz

Während der Zeit des ersten Lockdown der Corona-Krise wurden viele Menschen innerhalb kurzer Zeit zu Kokonbewohnern im Homeoffice. Profitiert von der Quarantänesituation haben insbesondere Anbieter, die das abrupt eingeschlossene Leben zu gestalten helfen konnten. Dazu zählen Anbieter von Videotelefonie, Laptop- und Kamerahersteller, Lieferdienste und Streamingdienste für Serien und Podcasts – und nicht zuletzt das gedruckte Buch. Von den hier genannten Produkten und Dienstleistungen ist es jedoch nur das auf Papier gedruckte Buch, in dem uns keine Algorithmen und Künstliche Intelligenzen über die Schulter schauen, ausspionieren und unsere Datenspuren an die Macher auf der Rückseite der Cloud berichten. Wo uns überall digitale Helferlein gratis – aber nicht umsonst – zu Hilfe eilen, sind wir als Leser des gedruckten Wortes einer guten Zeitschrift oder eines spannenden oder informativen Buchs ganz bei uns. Man kann es auf die Formel zusammenfassen: Auch Bücher können von Algorithmen gelesen werden, aber den lesenden Geist, der ist für Maschinen unlesbar. Doch sie sind uns auf der Spur. Liest man nämlich nicht auf gedrucktem Papier, sondern auf einem Bildschirm, so sind es die kleinen Dienstprogramme, die nicht nur mitlesen und die Inhalte in Beziehung zu unserem Konsumprofil stellen und ein digitales Double unserer Person und Persönlichkeit erstellen. Die Algorithmen erfassen auch, wie lange wir auf welcher Seite verweilen, wie oft wir etwas doppelt und dreifach lesen und ob wir unaufmerksam sind und überblättern. Wenn eine Frontkamera montiert wäre, liessen sich sogar Gesichter und Mimik lesen. Damit könnte man den Inhalt, also vielleicht etwas Humoristisches, mit unserer lachenden Reaktion korrelieren. Das Lesen eines Buchs hingegen ist für die Maschine eine Blackbox. Da sitzt ein Mensch und starrt stundenlang auf wechselnde Seiten voll mit Buchstaben. Das Buch ist dabei diesseits des eigenen Geistes. Ganz wie es das alte Volkslied beschreibt: Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschiessen. Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei. Eben: kein Mensch. Liest jedoch ein Algorithmus mit, dann liest man schon nicht mehr frei, sondern denkt, was der/die/das andere wohl weiss. Der sogenannte Panoptikum-Effekt der digitalen Überwachung sagt dazu, dass wir uns anders verhalten und anders denken nur schon, wenn wir wissen, dass wir beobachtet werden. So ist denn das Lesen eines Buchs die eigentliche Meditation, dass wir uns – und zwar nur für uns – den Inhalt mühsam aus den Buchstaben erarbeiten müssen. Doch genau diese Arbeit fordert und fördert unseren Geist. Das soll uns erst einmal eine Künstliche Intelligenz nachmachen.

 

Peter Seele ist seit 2011 an der Universität in Lugano Professor für Ethik sowie Autor der Bücher: Künstliche Intelligenz und Maschinisierung des Menschen (2020) sowie: Die Rückseite der Cloud (2020, 2. Auflage).

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