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Pflanzen haben sich dort zu Fleischfressern entwickelt, wo die Böden besonders nährstoffarm waren. Dabei haben die Karnivoren im Laufe der Evolution grossartige Techniken entwickelt, um Beute zu fangen: Klappfallen, Klebefallen, Saugfallen oder Fallgrubenfallen.

von Anton Ladner

Um fleischhaltige Beute zu fangen, hat die Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula) eine äusserst wirksame Klappfalle entwickelt. Die Falle schnappt erst bei der zweiten Berührung zu, um die Effizienz zu steigern. Was gefangen ist, wird gnadenlos verdaut, was bis zu zwei Wochen dauern kann. Ebenso raffiniert operiert der klebrige Sonnentau (Drosera) in Südafrika. Die Pflanzen täuschen Tautropfen vor, die aber in Wirklichkeit ein Klebstoff sind. Insekten bleiben in diesem Fangschleim kleben. Die Tentakel entziehen dann der Beute die Nährstoffe – die Opferwerden im wahrsten Sinne des Wortes ausgesaugt.

Die Schlauchpflanze (Sarracenia) macht es sich derweil ganz einfach. Sie steht mit ihrer Trompete da und wartet, bis ein Insekt in den Trichter gerät. Dann gibt es kein Entrinnen mehr. Eine Vielzahl von nach unten gerichteten Haaren verunmöglicht eine Flucht nach oben. Der hoffnungslose Kampf, aus dem Schlauch zu entkommen, endet mit dem Fall in die Tiefe, wo der Pflanzenmagen auf die Beute wartet. Dort wird sie in einem Säuresud aus Regenwasser und Enzymen aufgelöst und in Nährstoffe überführt. Die Schlauchpflanze ist in Amerika, Afrika und Europa verbreitet. Etwas raffinierter geht die Kannenpflanze (Nepenthes) vor. Sie lockt ihre Beute mit Nektar und Aasgeruch an. Gleich wie die Schlauchpflanze verfügt sie über eine Fallgrube, die allerdings wie eine Rutschbahn wirkt. Denn der Tubenrand hat zahlreiche Wachsschuppen, auf denen ein Verharren unmöglich ist. Die Insekten fallen in den Trichter, wo ein Sud die Beute auflöst. In Indonesien und auf den Philippinen kann die Kannenpflanze so gross werden, dass sie sogar eine Ratte im Verdauungssaft von bis zu zwei Litern auflösen kann. Der Wasserschlauch (Utricularia) führt hingegen ein kaum sichtbares Dasein, denn der grösste Teil der Pflanze befindet sich unter Wasser. Es handelt sich dabei um bis zu zwei Meter lange Stränge, Sprossachsen genannt, die mit Fangblasen ausgerüstet sind. Wenn ein Mikroorganismus vorbeitreibt, öffnet sich die Blase und saugt die Beute an. Enzyme spalten dann die Eiweisse auf, die die Wasserschlauchgewächse als Nahrung benötigen. Eine Gattung hat in Sachen Raffinesse noch mehr zu bieten: die Präkarnivoren. Sie fangen Insekten, verfügen aber nicht über einen Verdauungsmechanismus. Die Beute dient deshalb den Partnern, mit denen die Pflanzen in Symbiose leben. Das sind Wanzen oder Spinnen, die sich vom Fang ernähren und danach die Pflanze mit ihren Ausscheidungen beglücken, was die Präkarnivoren dankbar als Nährstoff aufnehmen.

Heute sind über 1000 verschiedene Arten von fleischfressenden Pflanzen bekannt. Sie kommen vor allem dort vor, wo andere Pflanzen wegen Nährstoffmangel nicht gedeihen können. In nährstoffreichen Böden haben die Fleischfresser kaum Überlebenschancen, weil das rasche Wachstum anderer Pflanzenarten sie verdrängt. In Europa sind fleischfressende Pflanzen besonders in Mooren verbreitet. Sie entziehen ihrer tierischen Beute Nährstoffe wie Eisen, Kalium, Stickstoff oder Phosphor.

Lange wurde gerätselt, warum es überhaupt fleischfressende Pflanzen gibt – denn die Entwicklung von Fallen ist mit viel Energie verbunden, die einem relativ geringen Ertrag gegenübersteht. Jim Karagatzides und Aaron Ellison von der Harvard University kamen zum Schluss, dass die Karnivoren auf lange Sicht durchaus erfolgreich sind. Voraussetzung dafür ist aber eine grosse Genügsamkeit, damit sich die energetische Investition auszahlt