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Über Grenzen hinweg

Wer kennt nicht das alte Spiel aus Kindertagen: Man hat bei einer guten Fee drei Wünsche offen. Ich musste nie lange überlegen. Mein grösster Wunsch war Frieden. Frieden für alle Menschen auf dieser Welt.

Ich habe mich oft gefragt, warum mir das so wichtig war, als Kind mitten in der paradiesischen Schweiz. Vielleicht waren es die Fernsehbilder, die mich prägten, die Bilder aus Vietnam, Kambodscha, dem Tschad oder Nordirland. Vielleicht waren es die Bücher aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, die ich in jungen Jahren verschlang. «Das Tagebuch der Anne Frank» oder die «Deutschstunde» von Siegfried Lenz.

Vielleicht war es die Geschichte meiner Eltern, die jeweils höchst unterschiedlich ist. Mein Vater, Jahrgang 1934, wuchs in der sicheren Schweiz auf. Die grössten Entbehrungen während der Kriegsjahre waren der eingeschränkte Speiseplan und die Angst, dass die Nationalsozialisten doch noch einmarschieren würden. Ganz anders meine Mutter. Sie lebte nicht auf der Insel der Schweizer Neutralität, sondern mitten im Getümmel der europäischen Geschichte. Geboren im schlesischen Breslau – heute Polen –, reiste sie mit ihrer Familie im September 1939 in den Westen. Als sie neun Jahre alt war, sah sie von einem nahen Dorf aus die Stadt Paderborn niederbrennen. Nach 1945 wurden deutsche Flüchtlinge aus dem Osten in ihrer Wohnung einquartiert. Zu ihren Jugendfreunden zählte ein ehemaliger ungarischer Kriegsgefangener. Ein Musiker, der die deutsche Romantik liebte und der Landesgrenzen unwichtig fand.

Ja, wahrscheinlich ist es diese Geschichte, die mich an den Wunsch nach Frieden bindet. Es ist wie eine Impfung gegen Gleichgültigkeit. Ich stelle mir die Menschen immer ganz konkret vor, die Verzweiflung, die Angst, den Schmerz. In Polen, Russland – in Auschwitz damals. Und heute in Syrien, im Sudan oder in der Türkei. Weil ich es mir vorstelle, weiss ich: Nichts ist so zerstörerisch wie Krieg und Gewalt. Gewalt vernichtet nicht nur Menschenleben, nein, sie zerstört auch Lebensräume, Hoffnungen, Beziehungen, Perspektiven, Vertrauen, Seelen. Und das über Generationen hinweg.

Wenn ich über die Europäische Union rede, habe ich deshalb nicht die «Brüsseler Bürokratie» vor Augen, die als beliebtes Feindbild dient. Nein, beim Stichwort EU denke ich zuallererst an einen Zusammenschluss von Ländern, die in respektvoller Nachbarschaft miteinander leben wollen. Die Europäische Union war ein Friedensprojekt, das aus dem Leid unzähliger Kriege geboren wurde. Umso irritierender ist, dass die Menschenrechte, der Schutz vor staatlicher Willkür und das Ideal der Gleichheit heute überall von rechtspopulistischen Bewegungen infrage gestellt werden. Selektive, meist national gefärbte Zugehörigkeit tritt an die Stelle des humanistischen Menschenbildes. Das ist beunruhigend. Auch für die Schweiz. Gemeinsam mit unseren Nachbarländern müssen wir deshalb das europäische Versprechen erneuern: Frieden und Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat, sozialer Ausgleich und die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen. Das ist unsere Zukunft. Über alle Grenzen hinweg

Regula Rytz, Nationalrätin und Präsidentin der Grünen Schweiz.