Kundendienst: Tel. 056 203 22 33 kundendienst@dornbusch.ch
  • Facebook
  • Twitter

Drei Mitglieder der Arabischen Liga haben in den vergangenen drei Monaten angekündigt, mit Israel diplomatische Beziehungen aufzunehmen. In den besetzten Gebieten aber trennt eine völkerrechtswidrige Sperranlage israelische Siedler von den palästinensischen Nachbarn.

Zu welchen absurden Verwicklungen diese Situation führen kann, spielt die israelische Zeichnerin Rutu Modan im Comic «Die Tunnel» durch.

von John Micelli

«Einverstanden – ich gebe dir ein paar Jahre, um Fehler zu machen», sagte der Vater, ein Epidemiologe, als sich die junge Frau nicht davon abbringen lassen wollte, anstelle eines Medizinstudiums die Bezal’el-Akademie für Kunst und Design in Jerusalem zu besuchen. Heute ist Rutu Modan eine der wenigen Comiczeichnerinnen Israels, die von ihrer Arbeit leben können, und wird international mit Preisen überhäuft: Im Jahr 2008 erhielt sie für die Graphic Novel «Exit Wounds» – unter dem deutschen Titel «Blutspuren» vom Zürcher Verlag Edition Moderne herausgegeben – den Eisner-Award, eine der prestigeträchtigsten Auszeichnungen weltweit für die Neunte Kunst. Zum Glück also hat Modan nicht auf ihren Vater gehört, auch wenn ihre Arbeiten in der Heimat gemischte Reaktionen provozieren. Konservative Stimmen unterstellen ihr, mit zynisch anti-israelischen Plots den Absatz ihrer Bücher im Ausland steigern zu wollen. Die liberale Tageszeitung Haaretz dagegen schwärmt in ihrer Besprechung von «Die Tunnel» von der «komplexen und verschlungenen, spannungsgeladenen und amüsanten Handlung», die wie in früheren Werken die relevanten Themen der israelischen Gegenwart aufgreife, ohne sie direkt anzusprechen. Die Künstlerin selbst bezeichnet ihr jüngstes Werk als ihr bisher politischstes Buch – auch wenn die Geschichte daherkommt wie ein fröhlicher Intrigantenstadl: Alle Figuren denken von sich, sie seien schlauer als die anderen. Das muss zwangsläufig im Verlauf der Handlung zu einem grossen Knall führen.

 

Ein bunter Haufen

Am besten weg kommt dabei noch Protagonistin Nili, die Tochter eines Archäologen. Sie will die Bundeslade finden, um den ramponierten Ruf ihres früh vergreisten Vaters wiederherzustellen. Und vielleicht auch ein bisschen, um dem tristen Dasein einer arbeitslosen, alleinerziehenden Mutter zu entkommen. In dieser Männerwelt muss sie sich aber notgedrungen mit gelegentlichen kleinen Notlügen aushelfen. Ihr Bruder Broshi steht derweil im Dienst von Professor Motke Sarid, der die Reputation des Vaters auf dem Gewissen hat. Finanziert wird die Operation von Kunstfreund Emil Abuloff, der den Wert der archäologischen Schätze aufgrund ihres Preises auf dem Schwarzmarkt errechnet und keine Fragen nach der Herkunft stellt, solange sich mit den Objekten Geld verdienen lässt.

Als Kind begleitete Nili den Vater vor Jahrzehnten zu den Ausgrabungen. Aber die Stelle, wo sie die Bundeslade vermuteten, liegt heute hinter der Sperranlage und wird von der Palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet. Um sich aufwendige Bewilligungsverfahren und die entsprechende Publizität zu ersparen, wird entschieden, sich unter der Mauer zur früheren Ausgrabungsstätte durch zu buddeln. Die Tunnellösung aber braucht schweres Gerät und mehr Manneskraft – der Kreis der Eingeweihten in diese höchst geheime Mission erweitert sich deshalb fortlaufend. Den Durchbruch allerdings haben sich die Tunnelbauer anders vorgestellt. Denn anstatt auf die Fluchtstollen der Hebräer aus der Zeit des Babylonisches Exils treffen die Bergleute auf zwei palästinensische Brüder, die ihrerseits mit Graben beschäftigt sind: Mahdi und Zuzu geben vor, einen Tunnel zu brauchen, um zu ihren Feldern jenseits der Mauer zu gelangen. In Wahrheit wird ihr Bauwerk wohl eher für den Schmuggel genutzt werden. Wie dem auch sei – im militärischen Sperrgebiet hat keine der anwesenden Parteien grosses Interesse daran, dass ihre Beschäftigung unter Tage an die grosse Glocke gehängt wird. Man einigt sich also auf einen Kompromiss und kommt in der Folge mit vereinten Kräften trotz unterschiedlicher Ziele ganz gut voran. Und auch ganz gut miteinander zurecht – obwohl jedem in den Augen des anderen ewige Verdammnis droht.

 

Ein unlösbares Dilemma

Für europäische Leserinnen und Leser ermöglicht Modan so einen neuen Blick auf die Gemengelage im Nahen Osten: Nicht monolithische Blöcke von Siedlern und Terroristen stehen sich dort gegenüber. Gräben aber trennen säkulare und orthodoxe Israeli, Fundamentalisten von Palästinensern, die einfach nur unbehindert von bürokratischen und realen Mauern ihr Leben leben wollen. Und genauso wie überall auf der Welt wird der Alltag nicht in erster Linie von der Politik bestimmt – sondern von persönlichem Ehrgeiz, von alten Freundschaften, von eigenen Hoffnungen und von Realitätsflucht. Eine Erkenntnis aber aus der mehrjährigen Recherche für «Die Tunnel» erfülle sie mit Sorge, gesteht Modan im Haaretz-Interview: «Das historische Israel befand sich im Westjordanland, deshalb werden dort die interessantesten Dinge gefunden. Das war für mich die schwierigste Entdeckung. Ich begann zu verstehen, dass die Siedler diese Territorien niemals aufgeben werden. Dass wir nicht um Land streiten, das irgendwie aufgeteilt werden könnte. Wir streiten uns um die genau gleichen Flecken Erde, wo alles stattgefunden hat. Ich persönlich habe grosse Zweifel am Konzept der überlieferten Landrechte. Aber wenn wir einen historischen Anspruch auf Land in Israel hätten – es läge auf der Westbank. Das ist schrecklich. Das ist wirklich tragisch.» Im Buch aber gehe es nicht um ihre persönliche Sicht der Dinge: «Um seine Meinung zu veröffentlichen gibt es Facebook», erklärt die Künstlerin. «Nicht dass ich glaube, meine Ansichten wären unwichtig. Für mich aber hat der eigene Blickwinkel die Funktion von stark fokussierten Brenngläsern, durch die man menschliches Verhalten betrachten kann.» So sei auch die Archäologie zum Gegenstand des Buches geworden: «Ich fand heraus, dass die Archäologie ein Fachbereich ist, der alles bietet: Geschichte und Verbrechen, Spinner, Fälscher, Räuber, Wissenschaftler und viel, viel Politik. Mir wurde klar, dass es da viele interessante Dinge gibt und viele pikante Geschichten, die eine exzellente Grundlage für eine Erzählung bilden.»

 

Bunt und lehrreich

Diese Erzählung inszeniert Modan schwungvoll und bunt. Im Stil der Ligne claire – präzise Konturen und die flächige Kolorierung – entwickelt sie die Geschichte zügig in meist beinahe regelmässigen Panels, allerdings nicht ohne gelegentlich heiteren Nebenschauplätzen entsprechenden Raum zu gewähren. Nur selten weicht sie von diesem Schema ab, entwickelt die Handlung im luftleeren Raum, um dem Dialog der Figuren mehr Gewicht zu verleihen. Grossflächige Gemälde sind zentralen Ereignissen und unerwarteten Wendungen vorbehalten. Deshalb legt man beim Lesen trotz des beträchtlichen Umfangs des Buches nur ungern eine Pause ein. Nichts aber spricht dagegen, «Die Tunnel» mehrmals durchzublättern: Bei jedem neuen Durchgang lassen sich in den Zeichnungen weitere Details entdecken, die man beim ersten Mal – von der Neugier vorwärtsgetrieben – übersehen hat. Dabei sind es gerade diese Details, die aus dem Comic-Band ein ebenso lehrreiches wie vergnügliches Sittengemälde der israelischen Gesellschaft machen. Und die Grundlage bilden können für ein besseres Verständnis des Nahost-Konflikts.

 

Share This