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Ohne Saatgut keine Zivilisation. Doch die Produktion von Saatgut, die früher in der Verantwortung der Bauern lag, wird zunehmend privatisiert, und die Samen werden gentechnisch verändert. Mit Knebelverträgen werden die Bauern gezwungen, die Produkte der grossen Saatgutfirmen zu kaufen – und die passenden Insektizide gleich dazu. Heute sind bereits 94 Prozent der weltweiten Sortenvielfalt wegen Privatisierung und Fokussierung auf wenige Sorten verloren. Doch es gibt Widerstand, wie die Ausstellung Saatgut in den Lokstadt Hallen in Winterthur zeigt.

Anlässlich dieser Ausstellung haben wir die Geschichte des Saatguts verfolgt. In der Printausgabe erfahren Sie weitere interessante Aspekte zur weltweiten Saatgutherstellung.

von Christine Schnapp

12 000 v. Chr.
Beginn des Anbaus von Pflanzen und damit auch der Pflanzenzüchtung in Mesopotamien (Gebiet des heutigen Iran, Irak und Syrien) mit Gerste, Emmer und Einkorn – den Urformen des Weizens – sowie Feigen. Erstmals werden gezielt Pflanzen ausgewählt und unter kontrollierten Bedingungen angebaut. Ernteüberschüsse ermöglichen erste Wirtschaftsformen; es entstehen die ersten sesshaften Gesellschaften.

10 000 v. Chr.
Menschen beginnen an verschiedenen Orten weltweit mit dem gezielten Kultivieren von Pflanzen.

5000 v. Chr.
Der Anbau von Getreide ist in Mitteleuropa bekannt. Mittels Auslese der ertragreichen Pflanzen und Einkreuzungen von Wildgrasarten werden die Getreidesorten vielfältig verändert. Vermutlich werden zu diesem Zeitpunkt noch immer neue Anbaugebiete gerodet, bewirtschaftet und wieder sich selbst überlassen.

2000 v. Chr.
In verschiedenen antiken Kulturen werden Böden bereits systematisch gedüngt. Wo Städte mit einer grossen Bevölkerung ernährt werden müssen, wird die Landwirtschaft organisiert betrieben und gezielt weiterentwickelt.

0–500 n. Chr.
Die Römer bauen als Kleinbauern sehr erfolgreich Getreide, Wein, Obst und Gemüse an. Mit Beutereichtümern werden mit der Zeit Höfe und Ländereien zusammengekauft. Es entstehen riesige Landgüter mit Arbeitssklaven. Gegen Ende der Epoche bricht die landwirtschaftliche Entwicklung ein und die Ökonomie schrumpft langsam zu einer knappen Selbstversorgungswirtschaft, die später auch das Mittelalter kennzeichnet.

700 n. Chr.
Die arabische Mauren führen in Spanien Bewässerungstechniken ein und importieren Nutzpflanzen wie Baumwolle, Zuckerrohr und Brombeeren aus ihrer Heimat. Dank dem fortschrittlichen Umgang mit der Wissenschaft im arabischen Raum sind Erkenntnisse aus der Antike über das europäische Mittelalter hinaus erhalten geblieben.

800–1000 n. Chr.
Die Dreifelder-Bewirtschaftungin Jahr Getreideanbau, ein Jahr Alternativanbau, ein Jahr Brache – setzt sich durch. Es kommt zur Produktionssteigerung und dadurch zu einem Bevölkerungswachstum in Europa.

1600–1800 n. Chr.
Technische Neuerungen (z. B. Hufeisen bei Pferden) verändern die Landwirtschaft. Auch in Europa besinnt man sich wieder auf die gezielte Auswahl von Saatgut und Zuchttieren. Neue Feldfrüchte (z. B. aus Amerika) werden weiterverbreitet (Rüben, Klee, Raps, Kartoffeln). Öd- und Brachland wird gezielt kultiviert und Fruchtfolgen ermöglichen den lückenlosen Anbau. Es kommt zur markanten Steigerung der Ernteerträge. Diese sind jedoch nicht konstant gut, was zu Hungersnöten führt.

1800 bis heute
Die Landwirtschaft wird massiv industrialisiert und mechanisiert. Feldarbeit wird nun mit sehr hohem Energieeinsatz und immer weniger Arbeitskräften betrieben. Biotechnologie und molekulare Genetik ermöglichen die Veränderungen des Erbgutes einer Pflanze im Labor. Gewinnorientierte Privatinteressen drängen auf den Schutz von geistigem Eigentum auf dem Saatgutmarkt. Eine auf das Gemeinwohl ausgerichtete Gegenbewegung betont gleichzeitig die Bedeutung einer naturnahen, kleinbäuerlichen und vielfältigen Landwirtschaft. 2008 wird ein Weltagrarbericht veröffentlicht, der einen radikalen Kurswechsel fordert. Die ökologische Landwirtschaft sowie Kleinbauern sollen weltweit gefördert und unterstützt werden. Der Bericht warnt vor den Schattenseiten der industriellen Landwirtschaft (Monokulturen, Gentechnologie, Agrochemie). Patente auf Pflanzen werden als Bedrohung der Vielfalt und der Ernährungssicherheit betrachtet.

 

Mehr zur Ausstellung Saatgut in Winterthur: www.saatgutausstellung-winterthur.ch