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Gefährdung durch Beschützen vor Gefahr

Wohl nie werde ich meine Bestürzung vergessen, als unser knapp zweijähriger Sohn seine Minirutschbahn (drei Stufen, Höhe 70 Zentimeter) emporkletterte und dabei hinunterfiel – wohlverstanden auf den Rasen. Es sah dramatisch aus. Dann die grosse Erleichterung. Völlig unbeschadet stand er wieder auf. Ich unterdrückte meinen ersten Impuls, die gefährliche Rutschbahn sofort zu verbannen. Damit erhielt unser Sohn die Gelegenheit, die drei Stufen seiner Rutschbahn etwas vorsichtiger zu erklimmen. Es gab in der Folge keine weiteren Abstürze und die Minirutschbahn hat die Kleinkind-, Erfahrungs- und Spielzeit unserer Kinder bereichert. Später wurde sie zur Hütte umfunktioniert und im Sommer als Rutsche ins Planschbecken gestellt. Aus eigener Erfahrung weiss ich also nur zu gut, wie schnell man sich um die eigenen Kinder sorgt und ihnen vorschnell aus objektiv falscher Gefahreneinschätzung wichtige Erfahrungen vorenthält. Dieser Beschützerinstinkt ist wohl ganz tief in uns angelegt.

Szenenwechsel: Im Züri-Wald unterhalb der Kunsteisbahn Dolder fliesst neben dem Fussweg ein Minibächlein. Meist ist es ausgetrocknet, doch wenn es geregnet hat, bildet sich ein kleines Rinnsal, kaum 40 Zentimeter breit und wenige Zentimeter tief. Mir kommt eine fröhliche Kinderschar entgegen. Ein knapp dreijähriger Junge zieht einen Stecken hinter sich her. Er erblickt das Rinnsal und lässt seinen Stecken ins Wasser plumpsen. Gespannt verfolgt er, wie es spritzt. Noch bevor er zum zweiten Mal seinen Stecken ins Wasser plumpsen lassen kann, wird er mit den Worten «Oh, das esch gföhrlich» zurückgeholt. Betrübt stoppt er seine Versuche.

Gleicher Ort: Wieder treffe ich zwei kleine Kinder. Ausgerüstet mit Gummistiefeln entdecken auch sie das Rinnsal. Ein Kind bückt sich, hebt einen Stein auf und wirft ihn ins Wasser. Gespannt beobachten die zwei, wie der Stein im Wasser verschwindet und werfen einen nächsten Stein, dann noch einen dritten. Danach setzen die beiden ihren Weg watend im Rinnsal neben dem Waldweg fort.

Der gleiche Ort, gleichaltrige Kinder und doch eine ganz andere Erfahrungswelt. Während die einen Kinder das Rinnsal erobern können, werden dem andern Kind diese Erfahrungen vorenthalten; seine Eigeninitiative wird gebremst und realitätsferne Ängste werden geweckt.

Unsere gut gemeinte Überfürsorge führt dazu, dass wir unsere Kinder immer mehr in Watte packen, ihren Aktivitätsradius immer mehr eingrenzen, ihnen nichts zutrauen und sie damit in ihrer motorischen und psychischen Entwicklung behindern. Das erklärt auch das Phänomen, dass immer mehr Kinder Frontalzahnfrakturen erleiden. Sie haben schlichtweg im Kleinkindalter nicht gelernt, zu fallen und den Sturz mit den Händen abzufangen.

In einer Zeit, in der wir fast pausenlos mit Schreckensmeldungen konfrontiert werden, ist es wichtig, sich immer mal wieder Zeit für einen Realitätscheck zu nehmen und genau zu schauen: Wo liegt die Grenze zwischen berechtigter Angst und Gefahr und wo lassen wir uns zu Beschützerverhalten verleiten, das jeglicher Realitätseinschätzung widerspricht und die Entwicklung unserer Kinder gefährdet? Ermöglichen wir unseren Kindern von klein auf, Erfahrungen zu sammeln. Dabei lernen sie sich und die Umwelt immer besser kennen und einzuschätzen. Und das ist der beste Schutz, den wir ihnen auf den Weg geben können.

Sandra Beriger ist Entwicklungspsychologin und lebt in Zürich.