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An Karfreitag, am 19. April, wird auch in diesem Jahr wieder die Frage nach der Schuld im Raum stehen. Konkret, wer am Tod von Christus Schuld hat. Aber was ist Schuld? Und warum ist unsere Gesellschaft zunehmend von einem Unschuldbewusstsein geprägt?

von Anton Ladner

Am Anfang war alles einfach: Im römischen Recht war der Grundsatz verankert «Keine Strafe ohne geschriebenes Gesetz». Deshalb wurde aufgeschrieben, welches Verhalten unter Strafe gestellt ist. Damit war auch festgelegt, wann sich ein Mensch schuldig machte. Das gilt heute noch im Strafrecht, das im römischen Recht seine Wurzeln hat. Es führt Tatbestände auf, Straftaten gegen Leib und Leben oder gegen das Vermögen. Die Aufgabe des Untersuchungsrichters besteht deshalb darin, festzustellen, ob das vorgeworfene Verhalten die Voraussetzungen für einen Straftatbestand erfüllt. Trifft dies in der Wahrnehmung der Staatsanwaltschaft zu, erhebt sie Anklage. Ein Gericht entscheidet dann über die eingeklagten Straftatbestände und kommt zu einem Urteil. Dabei geht es nur darum, ob die Straftatbestände erfüllt sind oder nicht und welches Strafmass zur Anwendung kommt in Anbetracht von allfälligen mildernden Umständen. Dann kann der verurteilte Straftäter gegen das Urteil rekurieren und von übergeordneten Instanzen prüfen lassen. Unterliegt er, muss er die Strafe antreten, deren Sinn in einer Resozialisierung liegt. Fazit: Die Schuld wird verfolgt, bestraft und verbüsst. Natürlich hinterlassen solche Prozesse gewaltige Spuren bei Tätern und auch bei Opfern. Denn die Schuldfrage lässt sich nur bis zu einem gewissen Grad «administrieren».
Zudem ist das Strafrecht nur ein Aspekt des Schuldspektrums im Leben. Denn die meisten Fragen der Schuld liegen jenseits des Strafrechts: die Schuld an einer zerbrochenen Beziehung, die Schuld an einem drogensüchtigen Kind, die Schuld an einer Selbsttötung, die Schuld an einem Misserfolg im Berufsleben. Diese Schuldfragen sitzen wie ein Stachel im Fleisch und bohren sich auch in die Seele. Denn hier spielen ganz zentrale Aspekte des Menschseins eine Rolle – die Schuldfähigkeit, die Willensfreiheit, die freie Entscheidung. Das sind letztlich philosophische Fragen. Sie haben unter den Philosophen zu zwei Lagern geführt: zu den Kompatibilisten und den Inkompatibilisten. Der Schweizer Philosophieprofessor Peter Bieri, der als Autor des Romans «Nachtzug nach Lissabon» unter dem Pseudonym Pascal Mercier internationale Berühmtheit erlangt hat, gehört zu den Kompatibilisten. Für ihn ist es sinnvoll, Verantwortung und Schuld zuzuschreiben und auch zu bestrafen, wenn gesellschaftliche moralische Regeln verletzt werden. Die Inkompatibilisten stellen sich dagegen, weil dies nicht mit der Willensfreiheit des Menschen vereinbar sei. Sie sprechen deshalb der Gesellschaft das Recht auf Bestrafung ab. Es geht somit um die Frage, ob die Freiheit eines Menschen, die Freiheit eines andern tangieren darf, ohne dabei schuldig zu werden. Wird diese Frage psychologisch beantwortet, muss die Beziehung der Person zu ihrem Handeln untersucht werden, also nicht die Tat allein. Ist die Person ihren Handlungsimpulsen ausgeliefert? Kann sie ihr Handeln gar nicht kontrollieren? Ist ihr überhaupt nicht bewusst, was sie anrichtet? Diese Fragen tauchen besonders häufig in Beziehungskonflikten und den entsprechenden Schuldzuweisungen auf. Klare Antworten darauf erweisen sich oft als Dilemma.
Und es wird noch komplizierter: Straftaten im Dienste einer Macht, als Soldat in einem Kriegsgebiet, als CIA-Agent oder als Polizist, führen zu keiner verfolgbaren Schuld. Wer hingegen in Saudi-Arabien seinem inneren Glaubensimpuls folgt und sich vom Islam abwendet, macht sich nach der Staatsraison schuldig. Da erweist sich die Schuld als Konstrukt. Gleiches gilt für die Erbsünde, die Schuld von Adam und Eva, die sich auf alle folgenden Generationen übertragen haben soll.

Auge um Auge
Rache ist nicht deckungsgleich mit dem strafrechtlichen Begriff der Vergeltung, die auf einen Ausgleich des schuldhaften Verhaltens zielt. Rache ist in vielen Kulturen eine erforderliche Handlung zur Wiederherstellung der Ordnung. Ungerächte Schuld wird vom Opfer oder dessen Familie als Herabsetzung in der sozialen Wertschätzung gesehen. Daher kommt es dazu, dass Personen zur Rache gedrängt werden, die von sich aus dazu nicht motiviert sind. Mit der Rache wir ein Ausgleich angestrebt, der darin besteht, dem Täter ebenfalls einen Schaden zuzufügen. Das Prinzip Auge um Auge kann eine Spirale der Gewalt in Gang setzen und wird als Selbstjustiz vom Strafrecht verfolgt.

Wer trägt die Schuld?
Im Christentum wurden während Jahrhunderten die Juden für die Hinrichtung von Christus verantwortlich gemacht. Das hat bewusst und unbewusst da und dort dem Antisemitismus Auftrieb gegeben. Im alten Jerusalem fühlten sich damals die Gelehrten, die Experten der Heiligen Schrift, von Jesus provoziert, weil er sich mit ihnen anlegte. Heute würde sich Jesus wohl mit den katholischen Bischöfen streiten. Als Jesus die Händler aus dem Tempel wies und ihnen vorwarf, aus dem Tempel sei eine Räuberhöhle geworden, realisierte die Machtelite, dass ihnen die Kontrolle entglitt. So kam es zur Anklage des Hohepriesters, Jesus gebe sich als Sohn Gottes aus, was für die Tempeloberen eine Gotteslästerung war. Da nur die Römer als Besatzungsmacht die Macht hatten, über Hinrichtungen zu entscheiden, musste der Statthalter Pontius Pilatus entscheiden – und dieser stimmte widerwillig dem Willen des Volkes zu. Wer ist nun am Tode Jesu schuld? Formell Pontius Pilatus, der das Todesurteil kraft seines Amtes sprach. Die Tempeloberen die aufgrund ihrer Überzeugung handelten und von der Besatzungsmacht ein Todesurteil einforderten, folgten den ethischen Pflichten der Gemeinschaft. Das Zusammenwirken von Nicht-Juden und Juden wird von vielen Theologen als umfassende Schuld der Menschheit an Jesu Tod aufgefasst. Die Menschen als Sünder hätten den Tod Jesu mitverschuldet. So schrieb Paul Gerhardt, der evangelische Theologe und bedeutendste deutschsprachige Kirchenlieddichter in seinem Passionslied:
« Nun, was du, Herr, erduldet,
Ist alles meine Last,
Ich hab es selbst verschuldet,
Was du getragen hast.