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Immer mehr Volksinitiativen verlangen eine ökologisch verträglichere Landwirtschaft. Sind diese Forderungen realistisch? Eine Podiumsdiskussion suchte nach Antworten.

von Christine Schnapp

Gemessen an den Bildern, die die Werbung genauso wie die Eigenwerbung von Schweizer Bauern transportieren, würden Letztere nie einem Tierlein, einem Pflänzchen oder einem Grundwässerchen ein Härchen krümmen. Gemessen an den Ammoniak-, Nitrat- und Antibiotikawerten in Böden, Gewässern und landwirtschaftlichen Nutztieren sind Schweizer Bauern teilweise jedoch Umweltsünder erster Güte. Das hat die Schweizer Bevölkerung gemerkt und setzt nun die Landwirtschaft mit diversen bereits eingereichten oder erst lancierten Volksinitiativen wie Trinkwasser-, Gewässerschutz- und Biodiversitätsinitiative unter Druck. Die Schweizer Bauern stehen aber nicht nur von ökologischer Seite her unter Druck. Wie der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger kürzlich an einer Podiumsdiskussion des Vereins Agrarinfo in Olten erläuterte, übt auch die Wirtschaft Druck aus, Bauern sollen produktiver und dabei weniger teuer sein. Ins selbe Rohr stösst der Bundesrat mit dem Massnahmenplan Agrarpolitik 22plus (AP 22+), der im Wesentlichen in die Richtung geht, die Schweizer Landwirtschaft noch stärker für den Markt zu öffnen.

Coop und Migros sind Gewinner
Es stellt sich also die grundsätzliche Frage, ob eine produktive Landwirtschaft und hohe ökologische Standards überhaupt gleichzeitig zu haben sind in der Schweiz. Um sie beantworten zu können, muss man sich vorerst die Rahmenbedingungen vor Augen führen, die die Landwirtschaft hierzulande nun mal hat. In punkto mangelnde Produktivität und hohe Preisen beispielsweise ist es laut Mathias Binswanger so, dass die Produktivität der Landwirtschaft seit den 1980er-Jahren kontinuierlich gestiegen ist, die Anzahl Betriebe und die Einkommen der Bauern im selben Zeitraum hingegen gesunken sind. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte seien im europäischen Vergleich tatsächlich hoch, das liege aber nicht an den Bäuerinnen und Bauern, sondern an den steigenden Margen, die Grossverteiler wie Coop und Migros abschöpfen – in Deutschland etwa seien diese Margen um einiges tiefer.

Was die Subventionierung anbelangt, deren Höhe in der Schweiz oft kritisiert wird, liegt die Schweiz laut Binswanger im internationalen Durchschnitt tatsächlich am oberen Ende der Skala. Schaue man sich jedoch die EU-Länder einzeln an, könne man sehen, dass die staatliche Unterstützung etwa in Österreich, das topographisch vergleichbar ist mit der Schweiz, ähnlich hoch ist. Im weiteren Vergleich mit der EU ist der Selbstversorgungsgrad mit Agrarprodukten in der Schweiz gemäss Binswanger recht hoch, die Wasserqualität ziemlich gut und die Tierschutzbestimmungen deutlich schärfer. Schlecht schneide die Schweiz hingegen beim Einsatz von Pestiziden ab. Als Fazit hält Mathias Binswanger fest, dass eine ökologisch produzierende Schweizer Landwirtschaft nach kapitalistischen Kriterien nie international konkurrenzfähig werden könne und es keinen Sinn mache, das von ihr zu verlangen, da auch die Voraussetzungen nicht vergleichbar seien. Genauso falsch wäre es hingegen, aus wirtschaftlichen und ökologischen Überlegungen daraus die Konsequenz zu ziehen, dass man die Schweizer Landwirtschaft besser einstelle, die Bauern zu Landschaftsgärtnern mache, die noch ein paar lokale Spezialitäten produzieren dürfen, und ansonsten gut daran täte, die hierzulande benötigten Lebensmittel einfach aus dem Ausland zu importieren. Damit wäre man zwar die Subventionen, die CO2-Emissionen und die Gewässerverschmutzung der Landwirtschaft im Inland los, so Binswanger, würde die Umweltbelastung jedoch einfach ins Ausland verlagern, wo oftmals tiefere Standards herrschen in der Landwirtschaft. Zudem kämen so noch die Emissionen der Transporte dazu. «Wenn die Schweiz eine produzierende Landwirtschaft will und diese auch noch ökologisch sein soll – was nur bei massvoller Produktion überhaupt möglich ist – kommt sie nicht darum herum, Subventionen zu zahlen und die Grenzen für landwirtschaftliche Produkte zu schützen», sagt Mathias Binswanger.

Ökologie als Wettbewerbsvorteil
Auch der Agrarökologe Andreas Bosshard von «Vision Landwirtschaft» ist der Überzeugung, dass sich Ökologie und Ökonomie nicht ausschliessen, im Gegenteil. Es ist laut Bosshard sogar so, dass die Art, wie viele Bauern heute produzieren, mit dem Ziel, möglichst viel aus Tieren und Böden herauszuholen, nicht nur unökologisch, sondern auch unwirtschaftlich sei. Als Beispiel nennt Bosshard die Milchproduktion. Seit der Aufhebung der Milchkontingentierung würden viele Bauern versuchen, so viel Milch wie möglich zu produzieren. Dafür kaufen sie gemäss Bosshard Jahr für Jahr mehr Kraftfutter aus dem Ausland zu – gegenwärtig sind es rund eine halbe Million Tonnen jährlich. Treibende Kraft dahinter sei die Industrie, die sich daran eine goldene Nase verdiene. «Die Verlierer sind die Bauern, die Ernährungssicherheit, und die Umwelt. Denn das Kraftfutter führt zu einer Überproduktion auf dem Schweizer Milchmarkt, was zu einem Zusammenbruch des Milchpreises geführt hat. Insgesamt wird hierzulande etwa 20 Prozent zu viel Milch produziert – dies entspricht ziemlich genau der Menge, die auf die Kraftfutterimporte zurückgeht», so Bosshard. Mit Kraftfutter produzierte Milch ist laut Andreas Bosshard deutlich teurer als die mit Gras produzierte. Zugleich schade die Überproduktion der Umwelt, weil aus dem Futterzukauf zu viel Dünger und Ammoniakemissionen in internationaler Rekordhöhe resultieren. Doch damit nicht genug. Die Kraftfutterstrategie in der Milchproduktion schade auch der Ernährungssicherheit, vernichte sie doch allein in der Schweiz Nahrungsmittel für zwei Millionen Menschen! «Tatsächlich gibt es nichts Ineffizienteres, als Kühen Kraftfutter und damit potenzielle Nahrungsmittel zu füttern, setzen sie doch lediglich 10 Prozent des Nährwertes in Milch um. Wer hingegen Gras füttert, verdient im Durchschnitt oft mehr als das Doppelte und belastet die Umwelt zugleich viel weniger», erklärt der Agrarökologe. Für Andreas Bosshard hängt die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Landwirtschaft zentral von ihren ökologischen Standards ab. «Wenn Produkte aus der Schweiz gegenüber solchen aus dem Ausland einen ökologischen Mehrwert bieten, werden sie in Zukunft, wenn Ökologie für immer mehr Menschen wichtig wird, immer interessanter», ist er überzeugt.
François Monin vom Schweizer Bauernverband und Agraringenieur schliesslich sagt, dass Schweizer Bauern gerne ökologisch produzieren würden, wenn die Konsumentinnen und Konsumenten dies wünschten und bereit seien, dafür den entsprechenden Preis zu zahlen. Mit Binswanger und Bosshard ist Monin beim Thema AP 22+ der Meinung, dass der Bundesrat damit die falsche Strategie fahre, die Schweizer Landwirtschaft in Richtung mehr Markt zu trimmen.

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Makroökonomie, Finanzmarkttheorie und Umweltökonomie.

Andreas Bosshard ist Agrarökologe, Geschäftsführer der Denkwerkstatt «Vision Landwirtschaft», Inhaber eines Planungs- und Forschungsbüros, Saatgutproduzent und Mitbewirtschafter des Biohofes Litzibuch in Oberwil-Lieli.

François Monin ist Agraringenieur und Leiter des Geschäftsbereichs Agrarwirtschaft im Departement Wirtschaft, Bildung und Internationales des Schweizerischen Bauernverbands.