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In welchem Ausmass wird der Klimawandel unseren Wäldern zusetzen? Die Antworten darauf kennt im Moment wohl noch niemand abschliessend, doch die Anstrengungen, den Wald so weit wie nach heutigem Kenntnisstand möglich klimawandelresistent zu machen, laufen schon eine ganze Weile. Wie das gehen kann, erklärt der Zürcher Kreisforstmeister Res Guggisberg bei einem Waldumgang im Altstetterwald in Zürich.

von Christine Schnapp

 

Wem gehört der Wald?

So wie 60 Prozent des Waldes im Kanton Zürich ist auch der Altstetterwald in privater Hand. Er wird von der Holzkorporation Altstetten bewirtschaftet, deren Anfänge mindestens bis ins 17. Jahrhundert zurückgehen. Damals legten die privaten Waldeigentümer, beispielsweise Landwirte, ihr Eigentum zusammen, um gemeinsam ihren Wald zu bewirtschaften. Private Wälder müssten in der Schweiz genauso zugänglich sein wie diejenigen, die der öffentlichen Hand gehören, erläutert Res Guggisberg.

 

Was Wälder alles aushalten müssen

In den vergangenen Jahren hat die Nutzung von Wäldern im Mittelland als Naherholungsgebiete durch die Bevölkerung massiv zugenommen. Höhepunkt war der Corona-bedingte Lockdown von März bis Mai, der noch mehr Menschen als sonst in die Wälder gelockt hat. Konflikte sind dadurch vorprogrammiert. Res Guggisberg erzählt, dass in dieser Zeit die Klagen wegen Abfall oder anderen Fehlverhaltens stark zugenommen hätten. Der Ruf nach einem Einschreiten der Behörden sei dabei manchmal lauter gewesen als die Eigenverantwortung.

 

Wie wirtschaftlich sind Schweizer Wälder?

Laut Res Guggisberg kann in der Schweiz niemand, der Wald bewirtschaftet, von dem Ertrag leben, den dieser abwirft. Die Nachfrage nach Energieholz etwa für Holzschnitzel und Pellets sei zwar gestiegen, die Preise, die dafür bezahlt würden, seien aber tief. Die Nachfrage nach Schweizer Bauholz hingegen sei verhalten, Schweizer Architekten und Bauherren hätten Holz als Baumaterial noch nicht so richtig entdeckt. Eine Erschwernis im Schweizer Holzmarkt sei zudem, dass es bis vor Kurzem kaum Sägewerke gegeben habe, die grössere Mengen Laubholz einsägen konnten. Umso erfreulicher sei es deshalb, dass mit der Firma Fagus Suisse im Jura seit 2019 mit einem Werk im Jura die Lücke in der Verarbeitung von Buchenholz geschlossen worden sei.

 

Problemkäfer Buchdrucker

Bis zu 60 000 Buchdrucker, eine Käferart aus der Unterfamilie der Borkenkäfer, kann ein einziges Pärchen mit drei Generationen Nachkommen zeugen. Ihre Vermehrung verläuft rasend schnell. So können aus einer einzigen befallenen Fichte pro Jahr 1.5 Mia. Käfer entstehen. Bei einem Befall muss der ganze Baum gefällt werden. Die Larven der Buchdrucker sind kälteempfindlich und ihre Bestände werden deshalb eigentlich durch die Winter reguliert. Seit diese jedoch immer wärmer werden, fällt die Bestandsregulierung durch Frost weg. Die befallenen Bäume müssen rasch gefällt und aus dem Wald geführt oder entrindet werden, die Rinde wird danach sofort entsorgt. Die nackten Stämme können gestapelt noch einige Zeit im Wald auf ihren Abtransport warten. Ohne Rinde sind sie für weitere Buchdrucker uninteressant. Hingegen würden sie manchmal von einem Pilz befallen, der das Holz blau färbe, und damit noch tiefere Preise erzielen, so Guggisberg.

 

Grossflächiger Befall durch Buchdrucker

Ist ein ganzes Waldstück mit Fichten von Buchdruckern befallen, bleibt oft keine andere Möglichkeit mehr als die flächige Räumung der Fichten. Obwohl die Wiederaufforstung, wie viele Prozesse in einem Wald, eine langwierige Angelegenheit sei, stelle sie auch die Chance dar, den Wald mit Bäumen zu ergänzen, die dem Klimawandel gewachsen seien, erklärt Res Guggisberg. Muss eine grosse Fläche neu bepflanzt werden, müssen die Schösslinge mit Gattern oder Einzelschützen geschützt werden, ansonsten werden sie vom Reh laufend wieder abgefressen.

 

Welche Baumarten werden angepflanzt?

Das Ziel der waldbaulichen Pflege im Kanton Zürich sind gemäss Res Guggisberg heute mehrheitlich klimaresistente Mischwälder mit standortheimischen Bäumen. Das sind Bäume, die immer schon hierzulande wachsen oder früher hier gewachsen sind. Dazu gehören beispielsweise Eichen, die etwa im Zürcher Weinland eine lange Tradition haben. Man verwendet dabei Samen von Eichen, die an trockenen Orten wachsen und deshalb kommende Trockenperioden gut werden überstehen können. Oder der Walnussbaum, der ebenfalls eine lange Tradition hat in Europa, etwa in den Karpaten, und der keine Schädlinge kennt, hitzeresistent ist und dessen Holz sehr gesucht ist. Auch Ahorn, Kirschbäume und Eiben werden gepflanzt sowie Douglasien, die schon vor vielen tausend Jahren in Europa wuchsen, bevor sie im 19. Jahrhundert von Nordamerika her in Europa neu angesiedelt wurden. Mischwälder, wie sie im Mittelland grossenteils schon bestehen und durch die Forstpflege heute weiter kultiviert werden, sind naturnah und weisen eine hohe Biodiversität auf. Neben der gezielten Aufforstung gewisser Areale findet der Hauptharst der Entwicklung und des Wachstums der Wälder im Schweizer Mittelland aber durch Naturverjüngung statt. Die Baumartenmischung wird hier durch Pflegeeingriffe reguliert.

 

Die Krux mit der Fichte

Die Fichte war lange Jahre der Brotbaum der Forstwirtschaft. Der Baum wächst schnell und gerade und das Holz ist vielfältig nutzbar. Ursprünglich ist die Fichte, die auch als Rottanne bezeichnet wird, aber keine Mittellandbaumart. Das zeigte sich in den vergangenen Jahren mit zunehmenden Temperaturen verstärkt. Die Fichte ist nicht für Hitzeperioden geschaffen, wie sie im Mittelland zunehmen. Die Bäume würden dadurch geschwächt, von Buchdruckern befallen und bei Stürmen leicht umkippen, weil ihre Wurzeln flach wachsen und nicht tief in den Boden reichen würden, sagt Res Guggisberg. Klimawandel, Stürme und Buchdrucker werden also vermutlich dafür sorgen, dass Fichten über kurz oder lang aus den Wäldern des Schweizer Mittellandes verschwinden werden – flächig aufgeforstet werden sie jedenfalls nicht mehr.

 

Belastung durch Bewirtschaftung

Holzerei ist laut Res Guggisberg eine aufwendige Angelegenheit. Damit die Wirtschaftlichkeit dabei einigermassen gewahrt bleibt, wird ein Teil der Arbeit mit sogenannten Vollerntern erledigt, die in gewissen Kreisen keinen guten Ruf geniessen. Grund dafür sind ihr Gewicht und die Vibration, die sie im Betriebszustand verursachen, was zu einer Verdichtung des Waldbodens führt. Guggisberg erklärt, dass aus diesen Gründen der Einsatz von Vollerntern auf das notwendige Minimum reduziert werde. Die Einsätze und Wege der Maschinen werden von langer Hand geplant. Neben den breiten Wegen im Wald bewegen sie sich nur auf sogenannten Rückegassen im Wald, die extra dafür ausgespart werden. Dadurch werden alle anderen Bereiche des Waldbodens geschont.

 

Res Guggisberg ist Kreisforstmeister am Amt für Landschaft und Natur, Abteilung Wald, des Kantons Zürich.

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