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 Kreuzfahrten haben in den vergangenen Jahren einen enormen Boom erfahren. Das führte zum Bau von Megakreuzschiffen. Trotz geringerem Verbrauch pro Passagier hat der CO2-Ausstoss durch den Boom aber stark zugenommen. Jetzt nehmen Reiseexperten an, dass der Zenit beim Wachstum überschritten sei. Der Branchenverband der Kreuzfahrtindustrie rechnet derweil mit einem weiteren Anstieg auf weltweit 32 Millionen Passagiere im laufenden Jahr.

von Anton Ladner

Das Ehepaar aus dem Zürcher Oberland hatte es schon lange vor: eine Schiffkreuzfahrt. Nach Jahren dieses Wunsches buchten die beiden eine Mittelmeerrundfahrt, um auch davon zu profitieren, Städte zu sehen, die sie noch nie besucht hatten. Doch aus dem Traum wurde eher eine Enttäuschung. «Nie mehr wieder», sagten sie nach der Rückkehr. Zu viele Leute, zu lange Wartezeiten, zu kurze Aufenthalte in den Städten und deshalb auch zu viel Stress, lautete das Fazit des Ehepaars.

Die Kreuzfahrtindustrie hat in den vergangenen Jahren eine gewaltige Entwicklung erfahren, was zu bedeutend grösseren Schiffen und sehr attraktiven Preisen geführt hat. 2016 wurde das Kreuzfahrtschiff «Harmony of the Seas» in Betrieb genommen – mit einer Kapazität für 5479 Passagiere. 2018 folgte die «Symphony of the Seas» für 6800 Passagiere und ist damit derzeit das grösste Schiff der Welt. Insgesamt sind von 2019 bis 2027 weltweit 89 neue Kreuzfahrtschiffe mit über 300 000 zusätzlichen Betten geplant, wobei es immer wieder zu Auslieferungsverspätungen kommt.

Beworben werden die schwimmenden Vergnügungsstädte mit Rutschbahnen, Kletterwänden, Fitnesscentern, Abenteuerspielplätzen für Kinder, zweistöckigen Kabinen, Verpflegung rund um die Uhr, gigantischen Buffets für Verhungerungsneurosen, Bars in Gartenanlagen, Spielsälen usw. Aber auch an den grossen Swimmingpools bleibt den Passagieren die Sicht aufs Meer «erspart». Denn die gepflegte Erholung auf See der früheren Kreuzfahrt musste dem Nonstop-Spektakel an Bord weichen. Nur so lassen sich die Riesentanker füllen. Die Attraktivität wird über den Preis gesteuert, derzeit mit enormen Frühbuchungsrabatten. Die schwimmenden Wolkenkratzeranlagen mit Unterkunft, Verpflegung und Transport sind unschlagbar günstig geworden im Vergleich zu einer konventionellen Reise mit Zug, Auto oder Flugzeug, Hotel und Restaurants. Die Reise Genua – Barcelona – Palma de Mallorca – Marseille – Genua, vier Nächte, Vollpension, ist derzeit ab 429 Franken im Angebot. Wo gibt es das sonst ausser auf einem Schiff? Natürlich wird es am Schluss viel teurer. Die Ausflüge kommen hinzu, weil man ja auch etwas sehen möchte, und viele Extras. Zudem sind diese Preise nur mit einer Personalpolitik möglich, die sehr oft skandalös ist. Unter dem Strich finden dann viele im Nachhinein, ein paar Tage in Genua oder Barcelona wären sinnvoller gewesen. Denn beim Reisen ist ein Weniger an Destinationen oft ein Mehr an nachhaltigen Erlebnissen – kulinarisch, kulturell und auch spirituell. Auf einem Megatanker kann man zum Beispiel nicht dem Wellengang zuhören.

Reiseexperten erwarten, dass im Jahr 2020 mit 28,5 Millionen die Zahl der weltweiten Kreuzfahrtpassagiere nach einem stetigen Anstieg in den vergangenen Jahren zum ersten Mal leicht zurückgehen wird. Der internationale Branchenverband der Kreuzfahrtindustrie Clia rechnet derweil für 2020 mit einem weiteren Wachstum auf weltweit 32 Millionen Kreuzfahrtpassagiere. An erster Stelle der Passagiere stehen die US-Amerikaner (14,2 Millionen Passagiere), an zweiter die Chinesen, gefolgt von den Deutschen. Für 2019 werden 30 Millionen Kreuzfahrtpassagiere erwartet, nach 28,5 Millionen weltweit im Jahr 2018. Die Karibik mit den Bahamas und den Bermudas ist mit einem Marktanteil von 17 Prozent die beliebteste Destination, was in der Nachfrage der US-Amerikaner begründet liegt. An zweiter Stelle steht das Mittelmeer. Weltweit sind dabei zwei Trends festzustellen: Lone Cruisers und Micro Travel – die Alleinreisenden und die Kurzkreuzfahrten sind die Wachstumstreiber der Zukunft.

Der Kreuzfahrtsektor macht zwar nur zwei Prozent der gesamten globalen Reisebranche aus, ist aber der schmutzigste. Denn die Kreuzfahrtbranche verzeichnet einen enormen Anstieg der CO2-Emissionen. Einige Beispiele: Tui Cruises hatte 2018 eine Steigerung um 4,99 Prozent, 2017 um 25,32 Prozent und 2016 um 25,70 Prozent bei den CO2-Emissionen. Die Gesamtemissionen lagen 2018 bei 748 713 Tonnen CO2. Das entspricht einer Steigerung um 4,57 Prozent im Vergleich zu 2017. Dabei haben sich Staaten und Industrien verpflichtet, ihren Ausstoss zu senken. Die Kreuzfahrtbranche konnte zwar den Ausstoss pro Passagier in den vergangenen 20 Jahren um mehr als die Hälfte pro Passagier reduzieren, nur haben sich die Passagierzahlen vervielfacht. 1990 wurden weltweit 3,77 Millionen Kreuzfahrtpassagiere erfasst – achtmal weniger als heute.

Bei Aufenthalten in Städten produzieren die Schiffe den enormen Strombedarf über ihre Dieselmotoren. Man stelle sich die Luftbelastung in Patmos oder Dubrovnik vor, wo im Sommer gleich mehrere Schiffe während der Nacht ankern. Deshalb hat Hamburg eine Stromanlage für Kreuzfahrtschiffe auf Besuch angelegt, damit sie sich mit sauberem Strom von Land versorgen können. Von 40 Kreuzfahrtschiffen, die Hamburg anlaufen, nutzt jedoch nur eines die Anlage. Massentrends führen zwangsläufig auch zu Nischentrends. Einer davon sind «Entdecker»-Kreuzfahrten in die nördlichen und südlichen Polarregionen, um Eisblöcke zu besichtigen, solange es sie noch gibt. Der von den Schiffen ausgestossene Russ verteilt sich aber über das Eis und beschleunigt dadurch den Schmelzprozess. Mit Entdecken hat das nichts zu tun, sondern nur mit Geschäftssinn – um jeden Preis.

 

Ab 2020 schärfere Bestimmungen

Schiffstreibstoff darf weltweit ab 1. Januar 2020 nicht mehr als 0,5 Prozent Schwefel enthalten (davor: 3,5 Prozent). Ausnahmen gibt es nur für Schiffe, die im jeweiligen Einzelfall nachweisen können, dass der nötige Treibstoff auf ihrer Fahrtroute nicht verfügbar war. Ab 1. März 2020 darf Treibstoff mit höheren Schwefelwerten nicht mehr im Tank mitgeführt werden, ausser ein Schiff verfügt über entsprechende Filteranlagen für die Emissionen. In den Häfen der Europäischen Union (EU) darf nur Treibstoff mit einem Schwefelanteil von maximal 0,1 Prozent verbrannt werden, wenn ein Schiff länger als für zwei Stunden anlegt. Den EU-Vorschriften zufolge genügt es allerdings, erst nach dem Anlegen auf den schwefelarmen Treibstoff umzustellen.

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