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Nach Winterthur ist die erste monografische Ausstellung von Sophie Calle in der Schweiz jetzt auch in Thun zu sehen. Die vielseitige französische Künstlerin macht sich in ihren Arbeiten immer auf die Suche nach der menschlichen Seele. Das zieht die Betrachter in einen Bann, der nicht so schnell abklingt.

 von Anton Ladner

 «Un certain regard» lautete der Titel von Sophie Calles Ausstellung im Fotomuseum Winterthur, die bis Ende August dauerte. In Thun heisst die Ausstellung nun «Regard incertain», die bis Anfang Dezember zu sehen ist. Ob ungewisser, verunsicherter Blick, unsichere Sichtweise, ob bestimmter Blick, bestimmtes Aussehen – der Mensch ist in seiner Wahrnehmung von einem Wechselspiel geprägt: von Erinnerung, Vergessen, Hoffnung, Traum und Wirklichkeit. Das will die 65-jährige Künstlerin sichtbar machen. Sie schöpft dabei aus ihrem dichten Leben. Als sie gut 20 Jahre alt war, begab sich Sophie Calle auf eine siebenjährige Weltreise und scheute dabei keine Arbeit, ob in Bars, Bäckereien oder in Familien. Zurück in Paris fand sie Unterschlupf bei ihrem Vater und begann mit Konzeptarbeiten. Sie folgte fremden Menschen wie ein Detektiv und fotografierte ihre Observationen. Oder sie lichtete Freund, Bekannte und Unbekannte  ab, die sie überzeugt hatte, eine Nacht in ihrem Bett zu schlafen. Es scheint, dass sich Sophie Calle von Anfang an auf die Suche nach der menschlichen Seele gemacht hat: Nach dem Unfassbaren, das den Menschen ausmacht, das seine Stimmung prägt.

In Istanbul fotografierte und filmte die Künstlerin Menschen, die zum ersten Mal das Meer sahen. Sie dokumentierte deren Reaktionen bei der Auseinandersetzung mit diesem Wunder der Schöpfung. Dadurch verführt sie Betrachterinnen und Betrachter, ebenfalls über das Meer zu staunen, auch wenn man es schon oft gesehen hat.

Als Sophie Calle per Zufall in Paris hörte, wie sich zwei Blinde über einen Film unterhielten, war sie davon so stark berührt, dass sie sich intensiv mit Erblindeten auseinandersetzte. Sie machte sich auf die Suche nach den letzten Bildern, an die sich plötzlich Erblindete erinnern. Daraus entstand 2010 der Zyklus «La dernière image», der wohl jeden Betrachter tief berührt. Denn Calle versuchte, auf Basis der Interviews mit den Erblindeten deren letztes Bild nachzukonstruieren. Dabei wird erlebbar, wie die oder der Erblindete das letzte Bild festzuhalten versucht, das sich schleichend auflöst. Denn Bilder der Erinnerung werden mit den Jahren unscharf, es sind dann noch die damit verbundenen Gefühle, die anhalten. Aber wo sind sie abgespeichert? Im Hirn, das die Bilder nicht festhalten kann, oder in der Seele? Sophie Calle löst mit ihren Arbeiten diese Fragen aus, die einen auch nach dem Verlassen des Museums beschäftigen.

Das zentrale Thema der menschlichen Existenz, den Verlust, griff die Künstlerin drei Jahre später mit dem Projekt «Que voyez-vous?» noch konkreter auf. Ausgangspunkt war der Kunstdiebstahl im Isabella Stewart Gardner Museum in Boston, wo zwei Männer in Polizeiuniformen 13 Bilder stahlen. Das Gardner-Museum zeigt deshalb leere Rahmen anstelle der gestohlenen Kunstwerke. Sophie Calle fotografierte Museumsbesucher vor diesen leeren Rahmen. Damit wird Verlust und Bedauern spürbar. Aber auch Hoffnung, dass die Bilder möglicherweise wiederauftauchen. Sophie Calles Arbeiten haben eine grosse Tiefe, was wohl daran liegt, dass sie sich in der Darstellung von Erinnerung und Vergessen auf die Suche der menschlichen Seele macht. Sie nimmt in einem ganz persönlichen Stil Anteil und lässt dadurch auch den Betrachter Anteil nehmen. Es geht dabei um Gefühle und nicht um Objektivität. Deshalb wirken ihre Arbeiten so mitmenschlich. Sophie Calle ist zweifellos eine Künstlerin, die die Menschen liebt.