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Mit der gesunden Selbstliebe, die für gute Beziehungen Voraussetzung ist, haben viele Menschen Mühe. Im Interview erklärt der deutsche Psychologe Robert Betz, der auch in der Schweiz Vorträge über Selbstliebe hält, warum das so ist.

von Anton Ladner


Herr Betz, die Nächstenliebe ist in der christlichen Gesellschaft tief verankert. Dass sie jedoch eine Selbstliebe voraussetzt, ist kein Thema. Warum nicht?

Sie kennen wie alle das Jesus-Zitat: Liebe deinen Nächsten – wie dich selbst. Der zweite Teil ist jedoch meist weggelassen worden. Die christliche Tradition hat seit Jahrtausenden das Sich-Aufopfern für andere gefeiert und die Kirche verehrt bis heute ihre Märtyrer. Dazu passt das Bild eines sich selbst liebenden und wertschätzenden Menschen nicht.

Die Selbstliebe hat für viele den Beigeschmack von Egoismus. Warum hat sich dieser Eindruck etabliert?

Weil dies eine geschickte Art ist, Menschen davon abzuhalten, sich selbst ernst zu nehmen und zu lieben. Solche Menschen sind viel leichter manipulierbar und beherrschbar.

Die sozialen Medien begünstigen die Selbstdarstellung, die Selbstverliebtheit. Wo ziehen Sie die Grenzen zwischen Selbstliebe und Narzissmus?

Selbstliebe ist geradezu das Gegenteil von Narzissmus oder Egoismus. Nur ein Mensch im Mangelbewusstsein, der nicht weiss, dass er ein Herz hat, das lieben kann und sich selbst durch seine Liebe nähren kann, versucht, sich dies von anderen zu nehmen. Wer sich wirklich liebt, der kommt gar nicht umhin, auch andere wertzuschätzen und zu lieben. Der braucht nicht die vielen «Likes» von anderen.

Wie gelingt Selbstliebe konkret?

Selbstliebe beginnt damit festzustellen, was man alles nicht an sich liebt. Ja, dass man sich häufig verurteilt und sich nicht für liebenswert oder für «nicht in Ordnung» hält. Wir alle haben seit der Kindheit gelernt, uns die Liebe und Aufmerksamkeit von anderen zu holen. Für ein Kind ist das stimmig, aber nicht für einen erwachsenen Menschen. Wir haben nie gelernt, Nein zu sagen. Darum verraten fast alle Menschen im Laufe ihres Lebens mehr oder weniger oft ihr Herz, wenn sie etwas tun oder leben, was sie «eigentlich» nicht wollen. Das ist gelebte Nicht-Liebe zu sich.

Der erste Grundgedanke der Selbstliebe heisst: «Ich selbst (wie jeder andere auch) habe es in jedem Moment meines Lebens so gut gemacht wie ich konnte.» Mit diesem Gedanken kann ich anfangen, mir zu vergeben und meine Selbstverurteilungen zurückzunehmen.

Wenn ich beginne, mich selbst zu lieben, dann heisst das: Ich darf anfangen, mich als Frau oder Mann zu lieben, meinen Körper, das innere Kind in mir und mein bisheriges Leben zu lieben und wertzuschätzen. Ich darf mich also für völlig neue Gedanken mir gegenüber öffnen. Und über diesen Weg können wir entdecken, was für ein wunderbares, grossartiges Wesen der Liebe wir sind. Wir alle sind aus der Liebe Gottes geboren. Wir haben es nur vergessen.

Was empfehlen Sie als ersten Schritt?

Sich jeden Tag ein bis anderthalb Stunden Zeit zu nehmen für seine Innenwelt, um wahrzunehmen: Das sind unsere Gedanken und Überzeugungen, unsere Emotionen, unsere körperlichen Empfindungen und die Impulse unseres Herzens. Achtsam in der Stille für sich allein zu sein, ob bei einem Spaziergang oder einer Meditation im Sessel ist in dieser Zeit essenziell für eine liebevolle Beziehung zu sich selbst.

Was verändert sich durch eine praktizierte Selbstliebe?

Durch wirkliche Selbstliebe und das Lieben des bisher Ungeliebten in mir verändere ich meine gesamte Ausstrahlung. Ich öffne mein Herz für die Freude am Leben und am Lieben und ziehe andere, ebenfalls liebende Menschen und viele Geschenke im Leben an. Denn, ob ich mich liebe oder nicht, wir strahlen immer beides aus. Und ich ziehe genau das an, was ich ausstrahle.