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Wir, Schweizer Juden!

Ich bin Unternehmerin, Ehefrau, Mutter und Grossmutter und ich bin seit über zehn Jahren Präsidentin der grössten jüdischen Gemeinde in der Schweiz, der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Es macht mich extrem stolz, dass ich als erste Frau in der über 150-jährigen Geschichte der ICZ zur Präsidentin gewählt wurde.

Es ist eine gewaltige Verantwortung. Nach innen und nach aussen. Ich widme meine ganze Kraft und Energie dieser ehrenvollen Aufgabe, und das alles tue ich freiwillig, unentgeltlich und voller Freude. Als Präsidentin geht es mir nicht nur darum, dafür zu sorgen, dass die Gemeinde wächst und gedeiht. Eine der Prioritäten meiner Arbeit ist es, dafür zu sorgen, dass die Sicherheit unserer Mitglieder in unseren Institutionen gewährleistet ist.

Dass wir uns heute als Juden in der Schweiz und in Europa Sorgen um unsere eigene Sicherheit machen müssen und dass unsere Gebetshäuser, Gemeinden und Schulen von Sicherheitsleuten und Polizei bewacht werden müssen, ist eine traurige Realität. Aber anders als im übrigen Europa tragen die jüdischen Gemeinden in der Schweiz bisher alleine die Kosten für die benötigte Sicherheit. Das muss sich bald ändern! Es darf nicht sein, dass unsere nachweisbar gefährdete Sicherheit als jüdische Minderheit in der Schweiz nicht gesetzlich geregelt ist und die einzelnen Kantone selber entscheiden können, ob sie für diese Sicherheitskosten aufkommen oder nicht.

Ich erwarte vom Bund und den Kantonen, dass hier eine gesetzliche Grundlage, die rasch geschaffen werden muss, für klare Verhältnisse sorgt. Populisten, Antisemiten und Rassisten sitzen heute in regierenden Parteien in Europa und verbreiten ihr Unheil. Antisemitismus ist nach wie vor präsent und schwirrt in ungeahntem Ausmass in den Köpfen von Unbelehrbaren. Die sozialen Netzwerke sind voll von antisemitischen Beiträgen. «Jude» ist heute, bald 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wieder zum Schimpfwort geworden! Das ist für mich als Nachkommin einer Familie, welche die Gräuel des Holocaust am eigenen Leben erlebt hat, unerträglich.

Dieses Kapitel in der Geschichte der Menschheit darf nie vergessen werden. Aber Erinnerungen alleine reichen nicht. Es geht um das persönliche Engagement. Ich suche den Dialog auf allen Ebenen und stehe im Kontakt mit Politikern und mit Vertretern aller anderen Religionsgemeinschaften.

Wir alle müssen gemeinsam Hass, Intoleranz und Ignoranz mit allen Mitteln bekämpfen. Mir ist es wichtig, dass man sich untereinander offen über Probleme, Bedürfnisse, Ansichten und Sorgen austauscht. Auch wir Jüdinnen und Juden müssen noch mehr Aufklärungsarbeit leisten und unsere Synagogen und Gemeinden öffnen, damit man uns besser kennenlernt. Den meisten ist es nicht bewusst, dass nur ein sehr kleiner Teil von uns Juden, vielleicht zehn Prozent, so wie Mottis Familie im Film «Wolkenbruch» lebt. 90 Prozent von uns Juden nehmen am sozialen Leben in der Schweiz teil, so wie alle anderen Schweizer auch. Als unser Sohn in die öffentliche Primarschule kam und seine Lehrerin uns fragte, ob er in der Weihnachtsgeschichte mitspielen dürfe, antwortete mein Mann: «Selbstverständlich. Er muss aber nicht unbedingt die Hauptrolle spielen.» Dagegen rebellierte aber unser Sohn: «Ich muss die Hauptrolle spielen, Jesus war doch Jude!» Wie wahr!

Wir alle vergessen viel zu oft, dass wir gemeinsame Wurzeln haben. Wir alle, Juden, Christen und Moslems tragen Verantwortung. Wir sollten uns auf das konzentrieren, was uns verbindet, und gemeinsam darauf bauen. Dazu kann jeder einen persönlichen Beitrag leisten. Ich zähle auf die Vernunft und ich zähle auf den gesunden Menschenverstand jedes Einzelnen von uns. Wir Juden gehören zur Schweiz und sind ein Teil von ihr. Wir tragen zum Wohlstand unseres Landes bei, und unsere gesamtgesellschaftlichen Leistungen werden geschätzt. Wer das Wort «Jude» wieder als Schimpfwort benutzt, beleidigt nicht nur die Juden, sondern alle Schweizer.

Shella Kertész ist Präsidentin der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) und wohnt in Zürich.