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Was für mich zählt: «Die künstlichen Grenzen zwischen ‹uns› und ‹den anderen› niederreissen»

Obwohl immer wieder versucht wird, «die Juden» von «den anderen» abzugrenzen, gibt es keine einheitliche Definition, wer oder was denn ganz genau jüdisch ist. Der Antisemitismus gründet auf dem Klischee des vermeintlich generalisierbaren «typisch Jüdischen».

Mithilfe der sogenannten Nürnberger Gesetze versuchten die Nationalsozialisten, «die Juden» als homogene Gruppe zu definieren, um diese dann mit einer vordergründig gesetzlich abgesicherten Legitimation ausgrenzen, vertreiben, enteignen, ausrauben, quälen und in letzter perverser Konsequenz industriell ermorden zu können.

Eingeteilt wurde in «Volljuden» (ab drei jüdischen Grosseltern), «Halbjuden» (bei zwei jüdischen Grosseltern) bis hin zu «Vierteljuden» (bei einem jüdischen Grosselternteil). Die solchermassen als Juden Definierten wurden von den sogenannt «Deutschblütigen» abgegrenzt. Während Juden und Halbjuden ins KZ deportiert wurden, blieb ihren «vierteljüdischen» Verwandten dieses Schicksal erspart. Die Nationalsozialisten waren aber bei Weitem nicht die Einzigen, welche eine willkürliche und perfide Grenze zwischen Nichtjuden und Juden zogen, um diese hinterher stigmatisieren und verfolgen zu können. Durch die Jahrhunderte des vergangenen Jahrtausends hindurch gab es in Europa immer wieder verheerende Judenpogrome.

Einen Teil meines Lebens habe ich dem Kampf gegen den Antisemitismus und den Rassismus verschrieben. Was für mich zählt, ist, die künstlichen Grenzen zwischen «uns» und «den anderen» niederzureissen, um fadenscheinigen Begründungen für jedwede Ausgrenzung den Boden zu entziehen. Dies war auch meine Motivation, das Buch «Jewish Roulette: Vom jüdischen Erzbischof bis zum atheistischen Orthodoxen» zu schreiben. Mithilfe von 21 literarisch verarbeiteten Interviews ging es mir vor allem darum, Vorurteile abzubauen und aufzuzeigen, dass es sich bei «den Juden» nicht um eine homogene Gruppierung handelt. Hätten Sie gedacht, dass beispielsweise Marilyn Monroe, Elizabeth Taylor, Heinrich Heine, Ludwig Wittgenstein und David Beckham dem Judentum zugerechnet werden können?

Übergeordnet werden in meinem Buch anhand der Kurzbiografien gesellschaftsrelevante Fragen abgehandelt. Wie entsteht ein Kulturwandel? Wie bildet sich Zugehörigkeit heraus? Was lösen vorgefasste Vorstellungen aus? Wie bildet sich Identität? Es geht um freiwillige oder unfreiwillige Zugehörigkeit, um Aus-, Ab- und Eingrenzung und deren Folgen. Sicher ist auf jeden Fall, dass es weltweit sehr viel mehr Menschen gibt, die einen jüdischen Hintergrund haben, vielfach wahrscheinlich sogar, ohne sich dessen bewusst zu sein. Nach dem Krieg wurde die religiöse, kulturelle und/oder verwandtschaftlichen Zugehörigkeit zum Judentum in vielen Familien totgeschwiegen, aus Angst vor Vernichtung. So wirkt selbst nach dem Fall des «Dritten Reiches» in der Gesellschaft immer noch das Gift des Antisemitismus nach, und das gilt es zu bekämpfen.

Shelley Kästner arbeitete 20 Jahre lang als Theater- und Filmschauspielerin, studierte anschliessend Psychologie und ist heute als Neuropsychologin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich tätig.