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Seit dem Hitzesommer 2018 geistert das Schreckgespenst des versiegenden Grundwassers durch die Medien. Ist die Angst berechtigt, dass der Schweiz irgendwann das Wasser ausgeht? Antworten von Michael Sinreich von der Fachstelle des Bundes für das nationale Grundwassermonitoring.

von Christine Schnapp

Michael Sinreich, haben sich die Grundwasserstände seit dem Hitzesommer 2018 wieder erholt?
Man kann schon sagen, dass wir seit vergangenem Sommer schweizweit noch nicht in einen Normalbereich gekommen sind. Wir hatten im Dezember und Januar verbreitet Niederschläge, teilweise in Form von Schnee, die somit noch nicht vollständig zum Abfluss gekommen sind. Zudem war das eine relativ kurze Phase und von der Gesamtmenge her nicht ausreichend, das Defizit an Niederschlägen zu kompensieren, das wir seit Februar wieder haben. Wenn wir ab Januar für die Jahreszeit durchschnittliche Niederschlagsmengen gehabt hätten, dann lägen wir wieder in einem normalen Bereich. Deshalb sind die momentanen Grundwasserstände nicht unbedingt die Auswirkung des letzten Sommers, sondern vielmehr der vergangenen Monate.

März und April 2019 waren trocken, der Mai hat bis jetzt etwas mehr Regen gebracht. Wieviel braucht es, um zwei trockene Monate zu kompensieren?
Nach ausgeprägt niedrigen Grundwasserständen braucht es schon einige Monate mit normalen Niederschlägen. D. h. wenn es einige Monate so regnet, wie man es für die Jahreszeit erwarten würde, dann normalisiert sich auch die Situation im Grundwasser. Oder wir haben ein bis zwei Monate mit starken Niederschlägen, das führt dann aufs selbe hinaus. Aber die paar kurzen Starkniederschläge, die wir diesen Mai bis jetzt hatten, reichen nicht aus, um die Vorkommen zu füllen.

Beim Grundwasser ist immer alles ein bisschen verzögert, weil es gedämpft reagiert auf Niederschlag reagiertund nicht so schnell wie die Flüsse. In der Regel muss man sich die Niederschlagsmenge der vorangegangenen Monate anschauen. Und da sieht es im Moment so aus, dass wir seit Jahresbeginn ein Defizit haben, das sich in den aktuellen Grundwasserständen spiegelt.

Wenn die Stände gegenwärtig eher tief sind, was könnte das für den kommenden Sommer bedeuten? Insbesondere, wenn es wieder ein Hitzesommer wird?
Die jetzige Situation sagt relativ wenig aus darüber, wie es diesen Sommer werden wird. Entscheidend wird sein, was in den nächsten Monaten passiert. Wenn wir eine normale Niederschlagsverteilung haben, wie sie für den Sommer üblich ist, dann werden sich auch die Grundwasserstände im Normalbereich bewegen. Vor einem Jahr waren die Grundwasserstände zu Beginn in einem normalen bis hohen Bereich. Dann kamen die hohen Temperaturen und geringen Niederschläge, die sich wiederum auf die Grundwasserstände auswirkten.

Der Grundwasserspiegel hat sich aber bis jetzt stets wieder erholt.
Eine Trockenheit wirkt sich in der Schweiz nicht längerfristig auf die Grundwassersituation aus. In der Regel werden tiefe Stände mit den Winterniederschlägen wieder kompensiert.

Auch die Häufung heisser, trockener Sommer seit etwa der Jahrtausendwende hat bis jetzt keine Auswirkungen?
Für das einzelne Trockenjahr schon, aber eben nicht längerfristig. Solange es dazwischen immer wieder normale Phasen gibt, normale Winter oder ein normales Jahr, dann hat das keinen länger anhaltenden Effekt auf das Grundwasser. Selbst wenn sich das Auftreten von Trockenjahren häufen sollte, kann sich das Grundwasser dazwischen erholen, wenn die normale Menge an Niederschlägen fällt.

Alarmismus ist demzufolge aktuell fehl am Platz?
Ja, definitiv. Die Wasserversorgungen in der Schweiz sind gut aufgestellt. In der Regel sind sie vernetzt und stützen sich auf mehrere Standbeine. Trockenheiten sind dabei noch aufschlussreich, um festzustellen, wo es noch Probleme und Handlungsbedarf gibt für kritische Situationen und entsprechende Massnahmen. Die Schweiz ist ein wasserreiches Land und wird es auch bleiben.

Daran wird auch der Klimawandel nichts ändern?
Nicht grundsätzlich, es wird weiterhin sehr viel Wasser geben in der Schweiz. Die Verteilung wird sich jedoch ändern. Es wird im Sommer eher weniger regnen und mit den steigenden Temperaturen auch mehr verdunsten. Dadurch wird auch der Wasserbedarf steigen, was vereinzelt zu Mangelsituationen oder Nutzungskonflikten führen kann, da ja auch das Schmelzwasser der Gletscher irgendwann ausbleiben wird. Andererseits wird es im Winter mehr Niederschläge geben, wodurch die Jahresmenge am Ende etwa gleich bleibt.

Gibt es Regionen in der Schweiz, die über weniger Grundwasser verfügen und deshalb schneller von Trockenheit betroffen sind?
Prinzipiell sind eher kleinere lokale Grundwasservorkommen bzw. Quellen anfällig. 2018 wurde in mehreren Regionen zum Wassersparen aufgerufen und es gab da und dort Probleme mit der Wasserversorgung wegen des tiefen Grundwasserstandes bzw. tiefer Quellabflüsse. Aber das war in dieser relativ extremen Situation der Trockenheit 2018 und es betraf nur vereinzelte Wasserversorgungen. In der Regel stützen sich die Gemeinden auf verschiedene Standbeine, damit man nicht nur von einer Quelle abhängig ist, die dann vielleicht mal trockenfallen kann, sondern man bezieht beispielsweise zusätzlich noch Wasser von einem Pumpbrunnen.

Gibt es andere Umstände als Trockenheit, die dem Grundwasser zusetzen?
Wir haben in der Schweiz einen hohen Nutzungsdruck auf den Boden durch Landwirtschaft und Bautätigkeit, v.a. in den grossen Flusstälern, wo sich auch die ergiebigen Grundwasservorkommen befinden. Es ist extrem schwierig geworden, neue Vorkommen zu erschliessen und adäquat mit entsprechenden Schutzzonen auszustatten. Dies stellt eher ein Problem für die Nutzung des Grundwassers dar als etwa Trockenheit.

Wie misst man eigentlich Grundwasser?
Die Grundwassermenge wird oft an Fassungen gemessen, also anhand des Abflusses an Quellfassungen oder des Wasserspiegels an Pumpbrunnen. Für einen schweizweiten Überblick machen wir dies im Rahmen der Nationalen Grundwasserbeobachtung NAQUA. Dabei ist zur Beschreibung der aktuellen Situation weniger der einzelne Standort von Bedeutung als die landesweite Gesamtheit der Messungen, wie wir sie dann z. B. in unserem Grundwasserbulletin darstellen.

Muss man sich Grundwasser als eigentliche Untergrundflüsse vorstellen, so wie man es in der Grundschule lernt?
Es stimmt, dass Grundwasser fliesst. Es gibt aber keine Wasseradern oder Untergrundflüsse, höchstens in Karstgebieten, wo man sie aus Höhlen kennt. Es ist eher so, dass sich das Wasser in den Poren und Hohlräumen, die es im Boden findet, gleichmässig ausbreitet und hindurchfliesst. Das geschieht aber langsam, etwa einige wenige Meter pro Tag. An Quellen oder entlang von Bächen tritt das Wasser dann wieder aus dem Untergrund heraus.

Michael Sinreich ist Hydrogeologe und stellvertretender Leiter der Sektion Hydrogeologische Grundlagen des Bundesamts für Umwelt BAFU.

Den aktuellen Zustand des Grundwassers kann man jederzeit im Grundwasserbulletin des Bundes unter
www.hydrodaten.admin.ch/de/grundwasserbulletin.html nachlesen.