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Die skandinavischen Staaten stehen an der Spitze auf dem Weg zur Kohlenstoffneutralität. Sie setzen auf erneuerbare Energien als primäre Quellen, auf elektrischen Transport und auf eine Begrenzung der Fischerei. 
Island, Norwegen, Dänemark und Finnland werden von Frauen regiert. Ein Zufall?

von Carl Meissen

Auf Dänisch heisst es Hygge, auf Schwedisch Lagom. Es geht dabei um kollektive und geteilte Gefühle, um die Werte der sozialen Solidarität. Aber auch um ein gesundes Leben, das auf der Haltung basiert, mit dem zufrieden zu sein, was man hat. Um das Friluftsliv, das Leben an der frischen Luft und in der Natur mit kurzen, aber produktiven Arbeitszeiten. In diesem Kontext halten es die Nordländer für richtig, die höchsten Steuersätze der Welt zu zahlen und dem Klima die oberste Priorität einzuräumen. Eine Übersicht:

 

Island

Die vitale arktische Insel ist erst seit 1945 von Dänemark unabhängig. Das Bewusstsein für die Klimaveränderungen und deren Folgen erwachte erst spät auf der Insel. Denn die nur 365 000 Einwohner arbeiten in der Fischerei und im Tourismus, der vor der Pandemie auf zwei Millionen Besucher pro Jahr angewachsen war. Dieser Tourismus führte auf der Insel zu einer enormen Umweltbelastung. Island ist gegen Quoten und Begrenzungen im Walfang und in der Makrelen- und Heringsfischerei, egal was es für das klimatische und ökologische Gleichgewicht kostet. Doch dank Geysiren und Vulkanen ist die Energie, die sie verbraucht, zu 98 Prozent sauber. Seitdem die 45-jährige linksgrüne Regierungschefin Katrín Jakobsdóttir, die hochsensibel für Klima und Umwelt ist, 2017 Premierministerin wurde, hat sich das Umweltbewusstsein verändert. Sie hat nicht nur erfolgreich gegen das Coronavirus gekämpft, sondern auch Kohlenstoffneutralität bis 2040 als Ziel verankert. Das bedeutet völlige Abschaffung fossiler Brennstoffe für den öffentlichen Verkehr, obwohl Island keine Eisenbahnen hat, und Wiederaufforstung. Es ist deshalb kein Zufall, dass das Internationale Institut zur Verteidigung der Arktis von Potsdam an die isländische Nordküste umgezogen ist. Und die Regierung unterstützt teure Projekte, um CO2 mit riesigen Ventilatoren aus der Luft zu fangen und unterirdisch zu speichern.

 

Norwegen

Norwegen ist der wichtigste Erdölstaat in Europa und hat sich dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verschrieben. Aber das geschieht nicht ohne Spannungen. Ende letzten Jahres wies das Verfassungsgericht die Klage der Umweltschützer ab und bestätigte damit die Rechtmässigkeit von Ölbohrungen in den fernen arktischen Inseln. Das Erdöl wird exportiert, denn das Land verbraucht immer weniger fossile Energie. E-Autos werden gezielt gefördert, so wie Norwegen ganz auf erneuerbare Energien setzt: Wind, Fotovoltaik, Biomasse und futuristische Systeme von Dämmen und Turbinen, die Energie aus den vielen unterirdischen Flüssen gewinnen. Die konservative Erna Solberg ist seit Jahren Ministerpräsidentin. Ihre Energieministerin, die junge Tina Bru, gilt als zukünftige Angela Merkel des Nordens. Sie hat die Energiewende beschleunigt, ihre Politik lautet: Treibhausgesellschaft von hier bis 2030. Wie in Stockholm dürfen nur Elektro- oder Hybridtaxis zu und von den Flughäfen verkehren. Der Flytoget, der mit sauberem Strom betriebene Hochgeschwindigkeitszug, verbindet den Flughafen mit dem Stadtzentrum. Eisenbahnen, die Osloer Metro, die grossen Fähren auf den Fjorden, alle fahren mit sauberem Strom oder Biokraftstoff, für den die Regierung keine Mittel scheut.

 

Schweden

Schweden betreibt die gigantische Eisenerzmine Kiruna im grössten Tagebau Europas, was viel Energie verbraucht und die Umwelt belastet. Es ist zudem der Produktionsstandort von Volvo, Saab-Flugzeugen, Schiffsmotoren, Papier und Holzderivaten und der Dienstleistungsstandort von Skype und Spotify. Dennoch liegt Schweden an der Weltspitze mit der Klima- und Umweltpolitik, so der Environment Performance Index. Das Land will die Produktion von Windenergie vervierfachen und die Produktion von erneuerbarer Energie bis 2040 um 100 Prozent steigern. Heute decken erneuerbare Energien über 50 Prozent des Energiebedarfs des Landes. Das Ziel des hochindustriellen Schweden ist Kohlenstoffneutralität bis 2050. Nicht nur der Staat investiert in Windkraft und Fotovoltaik, sondern auch die Wirtschaft, darunter Ikea. Eisenbahnen und der öffentliche Nahverkehr wie Stockholms U-Bahn fahren mit sauberer Energie. Die meisten Busse werden hybrid-elektrisch oder mit Biokraftstoff betrieben. Gemeinsam mit den Norwegern wird an elektrisch oder sauber angetriebenen Zivilflugzeugen gearbeitet.

 

Dänemark

Kopenhagen ist schon lange die Welthauptstadt des Fahrrads. Ziel der aktuellen Regierung von Ministerpräsidentin Mette Frederiksen ist es, die Bürger zu überzeugen, das Fahrrad häufiger zu benutzen. Dänemark steht an der Weltspitze, was die Produktion und den Verbrauch von Windenergie angeht, und baut riesige künstliche Inseln, um die Produktion von Hunderten von Offshore-Windparks zu realisieren. Weit verbreitet ist auch die Nutzung von Biomasse zur Energieerzeugung für Industrie und Heizung. Ein Gesetzespaket verpflichtet Unternehmen wie Lego oder Maersk, zu investieren, um den vollständigen Abschied von allen fossilen Brennstoffen bis 2050 zu erreichen. Die weltweite Nummer eins in der Produktion von Windkraftanlagen ist dänisch: Vestas Wind Systems, mit Produktionsstätten rund um die Welt. Seit 1980 ist das dänische Bruttoinlandsprodukt um 70 Prozent gewachsen, der Energieverbrauch blieb derweil unverändert. Grüne Geschäfte seien die profitabelsten Geschäfte, heisst es in Dänemark.

 

Finnland

Finnland ist mit 5,5 Millionen Einwohnern trotz eines soliden Wirtschaftswachstums weniger robust  als Schweden, Norwegen und Dänemark. Dennoch gehört auch Finnland zu den Ländern, die an der Spitze der grünen Trendwende stehen. Sie begann mit der Entwicklung ihrer Strategie in den 1970er-Jahren im Zuge der ersten Ölkrise. Die Regierung der 34-jährigen sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Sanna Marin strebt bis 2035 Kohlenstoffneutralität an und will die Emissionen bis 2050 um mindestens 87,5 Prozent im Vergleich zu 1990 reduzieren. Derzeit werden vier Prozent des Energiebedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt: Wind, Biomasse, Fotovoltaik. Das fortgeschrittene Hightech-Niveau der finnischen Wirtschaft (Elektronik, Internet, Telekommunikation, Künstliche Intelligenz) hilft bei der Umsetzung des Plans. Um den Einsatz fossiler Brennstoffe und die Abhängigkeit von russischem Gas und Öl weiter zu reduzieren, setzt Helsinki nach wie vor auf Atomkraft, wenn auch nicht ohne Vorbehalte. Der finnische Plan für die grüne Wende basiert auf vier weiteren Säulen: Biokraftstoffe für Verbrennungsmotoren, sowohl für private Autos als auch für Transportfahrzeuge und öffentliche Verkehrsmittel. Verstärkte Nutzung von sauberer Energie für alle öffentlichen Verkehrsmittel. Reduktion privater Autos auf Strassen und Förderung von E-Autos. Ab 2030 kein Wachstum mehr beim nationalen Gesamtenergieverbrauch.

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