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Lebensräume für Menschen

«Gemeinsam gestaltete Lebensräume, die Raum bieten für Aneignung und Veränderung, in denen sich alle gleichberechtigt und frei von Zuschreibungen nach ihren Neigungen und Fähigkeiten entfalten können.» Für diese Vision setzt sich der Verein Lares ein. Wir fordern und fördern einen Kulturwandel im Planen und Bauen.

Unser Lebensraum, die gebaute und gestaltete Umwelt, sollte doch primär einem «guten Leben» für alle dienen. Die Bedürfnisse aller Nutzerinnen und Nutzer sollten Ausgangspunkt und Ziel jedes Planungsvorhabens sein. Die Realität in den Dörfern, Agglomerationen und Städten der Schweiz sieht aber häufig anders aus. Wie oft begegnen wir Situationen, wo für die Bedürfnisse des Autos geplant wurde oder einseitig wirtschaftliche Interessen die Treiber der Gestaltung unserer Umwelt waren. Die Rosengartenstrasse und die Hardbrücke in Zürich, eine Hochleistungsstrasse und ein ewiges Provisorium aus den späten 1960er-Jahren mitten durch die Stadt, als eine «autogerechte» Stadt das Planungsparadigma der Stunde war, fallen mir dazu ein. Oder die Gewinnmaximierung im Immobilienmarkt, welche zu entfremdeten Bauten und Orten führte – ich denke dabei z. Bsp. an die Umgebung des Bahnhofs Risch-Rotkreuz im Kanton Zug.

Ein weiteres Paradigma aus vergangener Zeit prägt die Planung bis heute: die Trennung von Wohnen und Arbeiten. Im industriellen Zeitalter machte dieser Ansatz sicherlich Sinn, um die Arbeiterinnen und Arbeiter an ihren Wohnorten vor schädlichen Immissionen zu schützen. Was dabei vergessen ging: Auch am Wohnort wurde sehr viel gearbeitet. Die ganze Betreuungs- und Hausarbeit fand damals – wie auch heute noch – vor allem am Wohnort statt. Diese Care-Arbeit stand bei der Planung von Wohnungen oder Wohnquartieren aber in den seltensten Fällen im Fokus. Genau das wäre aber nötig. Wir müssen unseren Blick weiten, unser Verständnis von Wirtschaft ganzheitlicher denken. Dies bedeutet, die Care-Arbeit – welche auch heute noch grösstenteils von Frauen geleistet wird − bei der Gestaltung unserer Lebensräume in den Blick zu nehmen und ihr den Stellenwert zu geben, welcher ihr zusteht. Die Zahlen der Ökonomin Mascha Madörin geben einen Anhaltspunkt für diesen Stellenwert. Rund 248 Milliarden Franken beträgt der jährliche monetäre Wert der unbezahlten Arbeit der Frauen – mehr als Bund, Kantone und Gemeinden im selben Jahr ausgeben.

Konkret in Bezug aufs Planen und Bauen bedeutet ein Fokus auf Care-Arbeit, die Bedürfnisse aller Nutzerinnen und Nutzer in den Blick zu nehmen. Unabhängig davon, ob die Care-Arbeit durch Frauen oder Männern getätigt wird. Bei der Planung von Mobilitätsangeboten erhalten alltägliche Aufgaben wie Einkaufen oder Betreuungswege den gleichen Stellenwert wie die Arbeitswege ins Büro. Oder bei der Planung von Wohnquartieren wird auf eine gute Nahversorgung, Begegnungsorte und kinder- und altersgerechte Wohnformen Wert gelegt.

Die Corona-Krise hat den Stellenwert gegenseitiger Sorge und des Befriedigens unserer Grundbedürfnisse (Stichwort «systemrelevant») in den Fokus gerückt. Wir setzen uns mit anderen engagierten Kräften dafür ein, dass dies langfristig im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert bleibt. Und sich die Realitäten zugunsten von mehr Chancengleichheit auch in der Raumplanung und Architektur verändern.

Stephanie Tuggener ist Geografin und Co-Präsidentin des Vereins Lares, welcher sich für gender- und alltagsgerechtes Planen und Bauen einsetzt.