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Die schwarzen Schafe, die vor wenigen Jahren vielerorts die Wahlplakate schmückten, beweisen es schwarz auf weiss: Die Debatte um Migration und Einwanderung ist von Stereotypen geprägt. Mit dem Projekt «Institut Neue Schweiz» (Ines) sucht ein Netzwerk aus engagierten Freiwilligen aus der ganzen Schweiz einen neuen Weg, mit dem Thema umzugehen.

von Leonie Pahud

Es ist einiges los in der Berner Innenstadt. Eine gut gelaunte Menschenmenge zieht durch die Gassen in Richtung Bundeshaus. Musik begleitet die bunte Karawane von Frauen und ganzen Familien samt Kinderwagen. Sie alle demonstrieren für die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau. «Ça suffit!», ruft eine Demonstrantin voller Inbrunst in ihr Megafon. Um ihren Hals trägt sie ein pinkfarbenes Tuch mit dem Logo der Unia-Frauengewerkschaft.

Die Demonstration, die friedlich vor dem Berner Lokal Turnhalle vorbeizieht, hat zwar nichts mit der Veranstaltung zu tun, die gerade in den Räumen des Kulturzentrums stattfindet. Dennoch passt die Stimmung auf der Strasse geradezu perfekt zur Veranstaltung, die das Institut Neue Schweiz, kurz Ines, heute in der Turnhalle organisiert. So wie die Unia Frauen ihrem Anliegen für mehr Gleichstellung eine Stimme geben, so will auch Ines Stimmen, die zu wenig wahr genommen werden, Gehör verschaffen – jenen Stimmen nämlich, die in der stark polarisierten Migrationsdebatte untergehen. «Wir reden immer darüber, ob Migration in Zukunft begrenzt und Integration gewährleistet werden soll», sagt Kijan Espahangizi, promovierter Historiker und Co-Präsident des Instituts Neue Schweiz. «Dabei haben gewisse Dinge längst stattgefunden. Unterschiedlichste Migrations-und Integrationsprozesse haben die Gesellschaft längst grundlegend verändert.» Das Selbstbild der Schweiz an das anzupassen, was in den Quartieren, Betrieben und Wohnzimmern schon längst Realität ist, ist deshalb das Ziel des 2016 gegründeten Instituts. Dabei geht es nicht darum, dass randständige Migranten quasi aus dem Untergrund ihre Anliegen kommunizieren, so Espahangizi. «Ines will einen Perspektivenwechsel vom Fokus auf Menschen mit Migrationshintergrund hin zum Fokus auf eine Gesellschaft mit Migrationsvordergrund!»

Hier Schweizer – da Ausländer

Die Masseneinwanderungsinitiative sei der Stein gewesen, der alles ins Rollen brachte, erzählt Gründungsmitglied Espahangizi. «Nach dem Abstimmungsergebnis war klar, dass wir einen anderen Weg, über das Thema zu sprechen, finden müssen.» Denn seit den 1980erJahren hätten sich gewisse Standardmuster ausgebildet, wie man über Migration spreche und verhandle. Häufig rede man über «die Anderen» oder «die Ausländer» als seien diese Menschen nicht längst Teil der Schweizer Gesellschaft. Für die meisten in der Schweiz lebenden Menschen gehören kulturelle Vielfalt und Mehrfachzugehörigkeit jedoch längst zum Alltag – sowohl in der eigenen Familie, im Freundeskreis wie auch an der Arbeitsstelle.

Die offizielle Gründung des als Verein aufgestellten Instituts, dass ich auf seiner Internetseite als «postmigrantischer Think & Act Tank» beschreibt, erfolgte im Herbst 2016. Seit da wuchs Ines zu einem schweizweiten Netzwerk heran, zu dem mittlerweile rund 40 Expertinnen und Experten aus den Bereichen Kultur, Wissen, Recht und Medien zählen. Finanzielle Unterstützung erhielten sie schon früh von der Eidgenössischen Migrationskommission, aber auch von anderen kantonalen Stellen oder privaten Stiftungen. Viel Arbeit geschieht jedoch unentgeltlich und mit Herzblut. Wie gross das Engagement im Ines-Netzwerk ist, zeigt sich auch an der Tagungsveranstaltung im Berner Lokal Turnhalle, als eine der Rednerinnen spontan die Räume ihres Theaters für gemeinsame Projekte zur Verfügung stellt.

Ein neues Selbstbild

Trotz der Bezeichnung «Institut» möchte Ines keine akademische Einrichtung sein, an der lediglich wissenschaftliche Abhandlungen über gesellschaftliche Ereignisse produziert werden. «Unser Ziel ist es, daran mitzuwirken, die Gesellschaft zu transformieren. Wir wollen die Vorstellungen darüber ändern, wer dazugehört und wer nicht», sagt Espahangizi und klingt energisch. Für Veränderungen in Politik, Bildung, Wirtschaft, Kultur und Gesetzgebung müsse sich das kulturelle Selbstbild wandeln – das Bild darüber, wer oder was die Schweiz ist. Um das zu erreichen, spürt Ines der Einwanderungsgesellschaft Schweiz nach und sammelt Stimmen und Geschichten aus dieser «Neuen Schweiz», wo Vielfalt gelebte Realität ist. Dazu organisiert das hauptsächlich ehrenamtlich tätige Netzwerk Projekte, Werkstattgespräche, Arbeitsgruppen, Foren und andere Veranstaltungen in verschiedenen Städten und Sprachregionen. Klickt man sich durch die Internetseite des Instituts, wird eines schnell klar: Genauso vielfältig wie die «Neue Schweiz» sind auch die von Ines organisierten Projekte. Vom Stammtisch am Zürcher Theaterspektakel zum Blog, der Geschichten, Bilder und Analysen sammelt, über einen multimedialen Diskussionsabend zum Thema Bürgerrecht bis hin zur bereits erwähnten Tagung in der Berner Turnhalle – mitseinen Projekten versucht Ines ein breites Publikum anzusprechen.

Bei diesen Veranstaltungen gehe es Ines nicht darum, mundfertige Antworten zu bieten, sagt Kijan Espahangizi. Vielmehr sei es ihr Anliegen, Leute, die an ähnlichen Fragen sitzen, miteinander zu vernetzen und gemeinsam neue Ansätze zu entwickeln. Ein Prozess, bei dem man noch ganz am Anfang stehe und bei dem es heisse, schrittweise vorzugehen. An der Tagung in Bern drückte die Moderatorin dies in ihrer Schlussrede mit folgenden Worten aus: «Ines ist jetzt mal losgezogen – mit mehr Fragen als Antworten im Gepäck. Das soll aber auch so sein. Denn wenn die Antworten alle schon da wären, bräuchte es Ines nicht!»